Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die geleugnete Krankheit

Woher der Hass kommt, ist vielleicht gar nicht die zentrale Frage. Vielleicht geht es eher darum, wer alles mit schuld daran ist, dass sich in Deutschland rechte Hetzer und Täter so erstaunlich sicher fühlen.

Man könnte es vielleicht ja auch genau umgekehrt sehen. Die Internethetze als Symptom betrachten. Wie hieße dann die Krankheit? Wie heißt die verdammte Krankheit? Man könnte als Perspektivwechsel die Deutung ausprobieren, dass uns das Internet mit der viel beschriebenen Hetze in den sozialen Medien freundlicherweise ein strukturelles Problem der Gesellschaft zeigt. Schonungslos und direkt aufgrund einer - der - neuen Qualität des Netzes, das uns mit den sozialen Medien erlaubt, den Leuten beim Verfertigen von Gedanken zuzuschauen.

In Clausnitz vor dem Bus, in Bautzen vor dem brennenden Haus, im Netz Rachefantasien blubbernd: der Mob. Sich Mut zulikend, sich anstachelnd, sich gemeinsam hineinsteigernd. Verlässlich führt das zu Gewaltaufrufen, oft augenzwinkernd angedeutet, aber ebenso oft scharf und klar: Anzünden! Totschlagen!

Der Autor Dietmar Dath fragt angesichts des Busmobs und des Verhaltens des Polizisten im Bus, ob "der Staat noch handlungsfähig" sei , ob sich schon "ein Bündnis von Mob und Elite" abzeichne, "das die Geschichtsschreibung 'Faschismus' nennt". Ja: Die Frage nach der gesellschaftlichen Grundlage für rechte Gewalt ist keine der Handlungsfähigkeit, sondern eine der Handlungswilligkeit. Vor einiger Zeit habe ich mit hochrangigen Polizeikräften gesprochen, die sich hinter den Kulissen erstaunlich offen äußern . "Ein Drittel der sächsischen Polizisten sind Nazis." Wenn das stimmen sollte, ließe sich vieles erklären. Immerhin wären zwei Drittel keine Nazis, ein Teilerfolg. Haha.

Tillich - die Personifizierung der Verharmlosung

Stanislaw Tillich (CDU) ist kein Nazi. Immerhin! Aber Stanislaw Tillich (CDU) ist die Personifizierung der Verharmlosung, genauer: der strukturellen Verharmlosung. Im SPIEGEL gab Ralph Giordano 1992 ein Interview über Stanislaw Tillich (CDU) . Gewissermaßen. "Die deutschen Konservativen und ihre Führungsriege sind unfähig, sich von rechts wirklich bedroht zu fühlen. Für sie steht der eigentliche Feind immer noch links. Rechts - das sind irgendwie ungezogene Verwandte." In dieser Eindeutigkeit gilt das nicht mehr für alle deutschen Konservativen, muss man lobend erwähnen. Dass ein CDU-Generalsekretär, Peter Tauber, einen Twitter-Nazi öffentlich als "Drecksnazi" bezeichnet , ist diesbezüglich ein Fortschritt von erfrischender Klarheit. Eine positive Entwicklung, die angesichts der deutschen Geschichte tausendmal die Diskussion um die Ausdrucksweise aufwiegt.

Aber Tillich. Der nach Clausnitz zum gefühlt ersten Mal rechte Gewalt brandmarkt, ohne noch im gleichen Atemzug vor linker Gewalt zu warnen, mit noch etwas tieferen Sorgenfalten. Dieses Bestehen auf der Gleichsetzung ist im Land des millionenfachen Judenmords schon immer tendenziös, im Jahr 2016 in Deutschland ist es katastrophal. Wenn heute Linke eskalieren, brennen Autos, wenn Rechte eskalieren, brennen Menschen - davon sind wir nach Brandsätzen in bewohnten Gebäuden jedenfalls nicht mehr weit entfernt. Wer diesen Unterschied nicht erkennt, möchte ihn nicht erkennen. In den sozialen Medien sammeln sich nicht nur die Hetzer, sondern auch die Tillichs. Weil für jeden, der im Netz Gewalt gegen Andersartige fordert, zehn liken, hundert nicht widersprechen und tausend tillichhaft ignorieren und ablenken. Aber nicht nur Tillich, nicht nur Sachsen.

Pauschalisierungen sind verstörend wie kontraproduktiv

Noch mal Giordano. 2006, anhand einer antisemitischen Widerwärtigkeit an einer sachsen-anhaltischen Schule schreibt er: "Mit diesem Streich, der nicht abgetan werden kann als jugendliche Sünde, kriegt der deutsche Rechtsstaat seine späte Quittung für die unglaubliche Nachsicht und Schwäche gegenüber der Gefahr von rechts." Giordano überschrieb seine Analyse mit "An dieser Untat ist ganz Deutschland beteiligt". In dieser Denkrichtung müssen auch Clausnitz und Bautzen betrachtet werden. Die Pauschalisierungen, die implizieren "alle Sachsen" oder gar "alle Ossis", sind so verstörend wie kontraproduktiv. Natürlich muss die Häufung der Gewalt an bestimmten Orten analysiert werden.

Aber der Zeigefinger auf Sachsen allein ist für Restdeutschland zu bequem, um wahr zu sein. Wieder Tillich. Der vergleicht - ernsthaft! - die rechtsradikale Gewalt mit den Protesten um Stuttgart 21, er scheint an seiner Professur für Vergleichsidiotie zu arbeiten. Und Tillich steht hinter dem Chemnitzer Polizeichef Uwe Reißmann. Das Video des Polizisten, der einen vom deutschen Volksmob verängstigten Flüchtlingsjungen mit körperlicher Gewalt aus dem Bus zwang - Reißmann sprach von Ermittlungen gegen die Flüchtlinge und konnte kein Fehlverhalten des Polizisten erkennen. Falsch formuliert: Er wollte kein Fehlverhalten erkennen. Und hier beginnt die Bundesdimension von Clausnitz. Denn darin sind sich der Polizeichef und Thomas de Maizière, die innenministergewordene Polit-Enttäuschung, einig.

Des Pöbels Kern

Das also ist des Pöbels Kern: Die Bereitschaft der politischen Eliten, im staatlichen Umgang mit eben diesem Pöbel nicht nur die Realität zu ignorieren. Sondern auch das Gegenteil zu behaupten. Ermutigung durch Leugnung. Hier lohnt, die genauen Worte des Innenministers zu analysieren: "Ich kann Kritik an diesem Polizeieinsatz nicht erkennen." Er hätte davon sprechen können, dass das Video nicht die ganze Situation zeigt und deshalb die Kritik zu sehr auf den Moment bezogen ist. Das kann tatsächlich sehr gut sein. Er hätte sagen können, wie schwer der Job der Polizisten ist, gegenüber einem Nazimob ist auch für Profis kühle Ruhe kein Selbstgänger. Die Netzöffentlichkeit hätte so gern, dass Situationen eindeutig sind, aber diesen Gefallen tut die Realität ihr selten.

Das alles hat der Bundesinnenminister aber nicht gesagt. Er hat die Polizeigewalt gegen ein Kind nicht nur ignoriert, er hat Kritik für nicht nachvollziehbar erklärt. Der Himmel ist grün, wer behauptet, er sei blau, redet Unfug. Die Monstrosität dahinter geht über Clausnitz hinaus. Denn dem fatalen, sehr naheliegenden Eindruck, der Polizist sei der verlängerte Staatsarm des Mobs gewesen - diesem Eindruck hätte de Maizière etwas Hartes, Klares, Eindeutiges entgegensetzen müssen. Aber er entschied sich dafür zu tillichen, ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken , beste deutsche Nachkriegstradition.

Als sei mit solchen ein Gespräch möglich

Eine Tradition, die in den sozialen Medien ihre Entsprechung findet, weil die Hetzer und ihre Mitläufer ständig betonen, dass sie normale Bürger seien, die Gutmenschen dagegen seien die neuen Nazis, ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken - bei mir. Ebenfalls eine Leugnungsqualität: Auf der Fahne von Pegida ist auch zu sehen, wie ein Strichmännchen ein Hakenkreuz in den Papierkorb wirft. Während zugleich von Flüchtlingen als "Viehzeug" (Lutz Bachmann) gesprochen wird und der Tag der organisierten Abrechnung mit den Eliten herbeigesehnt wird. Ein ständiger Begleiter von Pegida ist der Hashtag #MerktEuchDieNamen, angewendet auf alle Gegner, ob Journalisten, Politiker, Aktivisten, Künstler, Unternehmer. Das ist das schiere Sehnen nach der Machtergreifung des Mobs.

In dieses Sehnen hinein fordert Tillich nach Clausnitz und Bautzen eine "Versachlichung der Debatte". Dass man an den "Tisch des Gespräches zurückkehren" möge, mit Blick auf Brandjubel und Busmob, als sei mit solchen ein Gespräch möglich. "Zeit Online" hat der behördlichen These nachgespürt , der Zündelmob stamme aus der Mitte der Gesellschaft. Anhand von Facebook-Profilen wies die Redaktion nach, dass es sich eher um dezentral organisierte, via Netzhetze mobilisierte Neonazis handele. Das mag für diejenigen stimmen, die am Ende den Brandsatz schleudern.

Aber sie handeln entlang einer Linie, die tatsächlich aus der Mitte der Gesellschaft stammt. Eine Linie, die mit Gewalt gegen Menschen endet. Davor die Organisation in geschlossenen Gruppen im Netz, davor die Hetze in sozialen Medien, davor das Akzeptieren und Ignorieren dieser Hetze, davor das Decken, das Kleinreden, das Tillichen der rechten Gewalt. Und davor die Krankheit, für die das alles ein Symptom ist: Nationalismus, die Überzeugung, Deutschland müsse, solle, könne allein, autark, autonom handeln, und zwar schnell, rücksichtslos und unerbittlich. Endlich wieder.

tl;dr

Ich kann auch nach all den Jahren beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken.

Update: In einer früheren Version dieser Kolumne hieß es unter Verweis auf ein Hintergrundgespräch mit einem Polizeifunktionär, ein Viertel der sächsischen Polizisten seien Nazis. Im Gespräch hatte der Funktionär aber von einem Drittel gesprochen, die Passage wurde entsprechend angepasst.

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