San Jose Mercury News Jetzt geht's wieder abwärts

Vor zehn Jahren waren die "San Jose Mercury News" ein obskures Provinzblatt. Im Kielwasser des Dotcom-Booms wurden sie zu der Zeitung des Silicon Valley - sie boomten mit dem Web. Jetzt heißt es: Aus der Traum.

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"San Jose Mercury News": Die Stimme des Valley erlebt Umsatzeinbußen, weil nicht mehr genügend Stellenanzeigen gebucht werden

"San Jose Mercury News": Die Stimme des Valley erlebt Umsatzeinbußen, weil nicht mehr genügend Stellenanzeigen gebucht werden

Sie stand im SPIEGEL. Ausgabe 33, 1985, Seite 101: "San Jose Mercury News". Erwähnt wurde sie in einem Artikel über das Dahinsiechen des Silicon Valley. "Die dreckige Arbeit am sauberen Chip" hieß der Bericht, das letztlich den Anfang vom Ende des "Valleys" beschreiben wollte. Wie passend, dass es dort nur eine Provinzzeitung gab, deren Name man sich weder merken konnte noch musste.

Eineinhalb Jahrzehnte später hatte sich die Welt verändert, das Valley sich mehr als nur erholt. "US-Zeitungen machen mit dem Internet das große Geschäft", titelte die "Welt" im Dezember 1999 und kam künftig nicht ohne die "Mercury News" aus. Gern zitierte man das "hoch angesehene Blatt".

Die "Mercury News" hatten sich zur prominentesten Zeitung des Silicon Valley, der damals wichtigsten Wirtschaftsregion der Welt, gemausert. Eine Karriere im Kielwasser des Dotcom-Booms, die ihresgleichen sucht. Man kann so etwas in Zahlen fassen, darauf verweisen, dass "SJMN" Anfang der Neunziger nur fünfstellige Auflagen zusammen bekam; darauf, dass sie heute wochentags 285.000, Sonntags 326.000 Exemplare in Umlauf bringt.

Stolze 1700 Menschen arbeiten an der längst zum Renommierblatt aufgeblühten ehemaligen Provinz-Postille - doch all das drückt nicht wirklich aus, wofür "SJMN" steht. Für deutsche Verhältnisse sind auch die heutigen Auflagenzahlen allenfalls provinziell. Doch Auflage ist nicht alles: Selbst die Cyber-Bibel "Wired" kam zu ihren besten Zeiten auf "nur" 400.000 Auflage. Wichtig ist, dass diese Blätter von den "richtigen" Leuten gelesen werden.

Und, dass sich all das nicht mehr rechnet. Ja, nach wie vor sind die "Mercury News" die Stimme des Valley, gerade auch für diejenigen, die den Sprung hinüber zur Silicon Alley wagten. "SJMN" fuhr im Kielwasser des Dotcom-Booms, andere Zeitungen folgten - und nun geht's halt wieder abwärts. Am Dienstag gab Jay T. Harris, Herausgeber des bei Knight Ridder erscheinenden Blattes, bekannt, dass der Verlag plane, eine bisher nicht genauer bezifferte Anzahl von Angestellten zu entlassen.

Eine kleine Nachricht, eine Randnotiz, die in Amerika trotzdem große Aufmerksamkeit fand: Sie kommt einer "Gewinnwarnung" der gesamten Branche gleich - und gemeint ist nicht die Presse.

Den Rückgang der Werbeumsätze spüren zwar alle amerikanischen Medien: Die Millionen der Dotcoms fehlen. Doch wie schon zu Beginn des Booms sind die "San Jose Mercury News" wieder ein ganz besonders feiner Indikator für die Entwicklung des Valleys und seiner Wirtschaft. Als nach wie vor hauptsächlich regional orientierte Zeitung vermisst man in den "SJMN" zunehmend eine kleine Form der Anzeige, die den wirtschaftlichen wie publizistischen Erfolg des Blattes maßgeblich mitbestimmte: Stellenanzeigen.

Die "San Jose Mercury News" müssen abspecken und Angestellte entlassen, weil die Dotcom-Wirtschaft nicht mehr genug Menschen beschäftigen kann. In der ganz großen Krise steckt "SJMN" deshalb noch nicht. Aber einmal mehr setzt die "Stimme des Valley" Zeichen der Zeit.



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