Die Werte der Zukunft "Längst mehr User als Bürger"

Und was folgt daraus? Die Ökonomin Sarah Spiekermann und der Philosoph Armen Avanessian streiten über die Werte der Zukunft.

DPA

Ein Interview von


DER SPIEGEL: Frau Spiekermann, Herr Avanessian, gibt es eine speziell europäische Antwort auf die Digitalisierung?

Spiekermann: Es könnte eine Antwort geben, wenn die politischen Systeme, die nationalen wie die europäischen, funktionsfähig wären und nicht fest in der Hand von Lobbyisten. Dann könnten wir europaweit oder sogar national die Hoheit über unsere Daten zurückgewinnen und spannende technische Infrastrukturen, digitale Services und Produkte schaffen. Dafür müssten wir die Daten heimbringen - doch das gegen die mächtige Lobby der Konzerne durchzusetzen erscheint mir praktisch unmöglich.

Avanessian: Ich weiß gar nicht, ob es sinnvoll ist, so einen fundamentalen technologischen Prozess wie die Digitalisierung noch mit nationalen Charakteristika zu belegen. Sicher, die wichtigsten Konzerne sitzen im Silicon Valley. Und ja, es gibt individuelles und politisches Versagen, was die Digitalisierung angeht. Aber tatsächlich reichen die Probleme, die damit verbunden sind, doch tiefer.

DER SPIEGEL: Warum?

Avanessian: Die Digitalisierung wird oft als technischer Wandel beschrieben, wie wir schon etliche hatten: Erst kam die Eisenbahn, dann wurden Autos und Flugzeuge erfunden, schließlich der Computer. Aber der Umbruch durch die Digitalisierung ist viel fundamentaler, er ist eher vergleichbar mit der Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks. Mit dem ist, verkürzt gesprochen, die Neuzeit angebrochen, ein Prozess mit langwierigen politischen Umbrüchen, in dem sich schließlich Nationalstaaten herausgebildet haben. Genau diese historisch gewachsenen politischen Gebilde machen aber unter den heutigen Bedingungen immer weniger Sinn. Sie schaffen mehr Probleme, als sie lösen. Viele sehen die Entgrenzung, die die Digitalisierung mit sich bringt, als Bedrohung speziell der europäischen Werte oder Kultur. Aber es ist genauso ein Problem für Japaner und Senegalesen und Kanadier.

DER SPIEGEL: Die europäische Aufklärung hat das Individuum mit seinen Rechten erfunden, unser ganzes Wertesystem fußt darauf - warum ist es falsch, um diese Werte zu kämpfen?

Avanessian: Selbst wenn es so etwas gäbe wie speziell europäische Werte: Ich weiß nicht, ob man der amerikanischen Variante des Finanzkapitalismus auf dieser Grundlage etwas entgegenhalten kann. Ich halte das für bedenklich bis aussichtslos. Denn die Wertedebatte kommt ja selbst aus dem ökonomischen Bereich. Der Tauschwert, der Gebrauchswert, das sind die Grundlagen der Nationalökonomie. Von dort ist die Idee des Werts in die Moralphilosophie hineingerutscht, und nun wird sie immer wieder in Stellung gebracht gegen Ökonomisierung und Digitalisierung. Man versucht auf diese Weise aber, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, und ich glaube nicht, dass das funktioniert.

Zur Person
  • Robert Newald / DPA Picture Alliance
    Sarah Spiekermann, 45, ist Professorin für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihr Buch "Digitale Ethik - Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert" erscheint im Frühjahr 2019 bei Droemer.

Spiekermann: Ich verstehe den Wertebegriff nicht so reduziert, wie die Betriebswirtschaft das in der Regel tut. Alles, was existiert, ist ein potenzieller Wertträger: wir, unsere Beziehungen, die Technologie. Durch die Art und Weise, wie wir Technologien entwickeln, bestimmen wir mit, welche Werte sich entfalten können. In Europa und insbesondere in Deutschland haben wir eine Wertetradition, die uns im Wettbewerb seit Langem erfolgreich von anderen unterscheidet: Bei unseren Produkten haben wir traditionell immer die Werte "Qualität" und "Verantwortung" hochgehalten. In den USA hingegen werden Effizienz und Risikofreude bevorzugt. Aus diesen unterschiedlichen Werthaltungen entstehen natürlich unterschiedliche Produkte.

Avanessian: Mir scheint es nicht mehr zukunftsweisend, ausschließlich in Kriterien der Produktivität zu denken. Die wichtigste Ressource im digitalen 21. Jahrhundert, auch wirtschaftlich, sind Daten. Auf denen fußt auch die ökonomisch wie politisch so zentrale künstliche Intelligenz. In diesem Bereich ist es mehr als bedenklich, wie Europa zunehmend hinter die USA und China zurückfällt. China hat Zugriff auf ungeheure Datenmengen und investiert massiv viel Geld, deshalb wird das Land in ein, zwei Jahrzehnten in der Entwicklung künstlicher Intelligenz möglicherweise sogar die USA überholt haben.

DER SPIEGEL: Genau da könnte eine europäische Initiative doch ansetzen, unter selbst definierten Bedingungen?

Zur Person
  • Malte Jaeger / Laif
    Armen Avanessian, 45, ist Philosoph und Autor, er lebt in Berlin und unterrichtet unter anderem am Strelka Institute in Moskau. Zuletzt erschien von ihm "Metaphysik zur Zeit" im Merve Verlag.

Avanessian: Nur sehe ich leider keine gesamteuropäische technopolitische Initiative, die der amerikanischen und chinesischen Übermacht etwas entgegensetzen könnte. Und eine europäische Lösung wird auch nicht so aussehen können, dass jeder Einzelne wieder über seine Daten verfügen kann, denn auch das greift zu kurz. Im Zeitalter von Big Data bedarf es der Entwicklung eines neuen Gemeinschafts- oder Gesellschaftsmodells. De facto entwickeln sich solche alternativen Gesellschaftsmodelle ja bereits in den real existierenden sozialen Medien. Zu denen hat Europa bisher keine technologische, geschweige denn eine politische Alternative entwickelt.

Spiekermann: Ich stimme zu, dass die Geschäftsmodelle der US-amerikanischen Dienste auf Daten beruhen. Aber ich bin nicht so pessimistisch, was unsere Optionen angeht. Man braucht immer Endgeräte und eine Infrastruktur, um diese Daten überhaupt zu generieren. Beides wird lokal vor Ort gekauft, genutzt und bereitgestellt. Es sind ja die europäischen Staaten, die beispielsweise für den 5G-Ausbau des Mobilfunknetzes zahlen. Warum machen wir es nicht zur Bedingung, dass alle Daten, die über diese Infrastruktur laufen, in Europa verarbeitet werden müssen? Die Chinesen machen das auch, wenngleich unter anderen Vorzeichen. Das Einzige, was uns dafür fehlt, ist der Mut.

DER SPIEGEL: Gerade auch im Silicon Valley haben viele digitale Vordenker die Vision einer besseren Welt: Sie wollen Krankheiten oder sogar den Tod besiegen, das Leben für möglichst viele Menschen einfacher und komfortabler machen, den Ressourcenverbrauch senken. Geht es da um die falschen Werte?

Spiekermann: Die Werte der Silicon-Valley-Leute sind nicht unbedingt jene, die uns in Europa entsprechen. Eine Plattform wie Facebook betont den Wert der Effizienz bei Freundschaften: Man kann darüber leicht in Kontakt bleiben, sich vernetzen. Dafür aber wird der Wert der Aufmerksamkeit für den Einzelnen geopfert. Nur durchschnittlich zwölf Prozent meiner Freunde sehen überhaupt, was ich gepostet habe - und ich kann nicht entscheiden, wer. Ebenso wird auf Facebook der Wert der Privatsphäre aufgegeben, weil alles, was jemand dort äußert, ausgewertet wird, die Daten werden weiterverkauft. So kann aber keine vertrauensvolle Gemeinschaft entstehen. Grundsätzlich aber wäre das möglich: Freundschaft, Aufmerksamkeit und Privatsphäre kann man allesamt technisch in Services einbauen.

Avanessian: Aber ist allgemein anerkannt, dass Aufmerksamkeit ein Wert ist? Wer bewertet, wie wichtig Werte sind und welche gelten sollten? Einzelne Ingenieure? Nutzer? Politiker? Ich denke, an dieser Ebene sollte man ansetzen: Wer sind die Akteure, die unter den Bedingungen der Digitalisierung überhaupt noch die Macht haben, solche Entscheidungen zu treffen?

Spiekermann: Es gibt seit über 20 Jahren ausgereifte Methoden, Werte für die Produktentwicklung auch im technischen Bereich zu erheben. Man spricht vom "Value Sensitive Design", also von einem Design, das für Werte sensibel ist, oder auch von partizipatorischem Design. Diese Methoden werden derzeit standardisiert, sie sollen künftig als eine Art Qualitätssiegel fungieren.

DER SPIEGEL: In Demokratien fand die Willensbildung bisher idealtypisch über Parteien statt: Man wählt jene, die für die Werte stehen, die man verwirklicht sehen möchte, und die Politiker setzen sich dafür ein. Das funktioniert künftig nicht mehr?

Avanessian: Das ist die große Frage. Auf nationalstaatlicher Ebene lassen sich die anstehenden Probleme jedenfalls nicht mehr lösen. Aber wird es die EU schaffen, tatsächlich demokratische Strukturen zu entwickeln? Um der Macht der Internetkonzerne etwas entgegenzusetzen, brauchte es ein wirklich postnationales Europa mit einer Idee von sich selbst - und zwar zugänglich nicht nur für diejenigen, die zufällig hier geboren wurden. Denkbar wäre etwa, dass man Europa dann beitreten kann wie einem sozialen Netzwerk und dass sich dort neue Formen der demokratischen Willensbildung entwickeln. Das hieße für mich, die Möglichkeit der Digitalisierung auf politisch progressive Weise zu nutzen, das Stichwort ist hier e-citizenship, wie es Estland anbietet.

DER SPIEGEL: Das wäre eine digitale Weiterentwicklung der Demokratie. Aber allein, dass wir Gemeinwesen im digitalen Zeitalter überhaupt noch demokratisch organisieren, ist ja nicht selbstverständlich, man muss ja nur nach China gucken...

Avanessian: Ja, und tatsächlich müssen wir uns kritisch fragen, ob unser Selbstverständnis als mündige Staatsbürger überhaupt noch aktuell ist. In Wahrheit sind wir doch längst mehr User als Bürger. Für manche Menschen wäre es wohl schlimmer, wenn sie die Passwörter für Facebook oder Twitter verlieren würden als ihren Pass.

Spiekermann: Aber die Revolution, die wir gerade durchlaufen, macht doch mehr denn je eine Rückkehr zum aufgeklärten Bürger erforderlich, der sich auf seine Werte besinnt. Wenn wir eine Chance haben wollen, das Digitale zum Guten für unsere Gesellschaften zu entwickeln, brauchen wir Menschen, die in diesem Wertebewusstsein geschult sind. Ich glaube, es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Werten: In den USA fragt man nach dem Know-how: Wie kriege ich das hin? In Europa hingegen spielt traditionell stärker eine Rolle, warum man etwas tut.

Avanessian: Aber lässt sich das in Zukunft noch so gegenüberstellen? Nehmen wir das Beispiel des automatisierten Fahrens, das, wenn es voll ausgereift ist, die Zahl der Verkehrsunfälle auf zehn Prozent des heutigen Niveaus reduzieren soll: Ungelöst und umstritten bleibt weiterhin die Frage, wen ein selbstfahrendes Auto töten würde, den Fahrer oder ein kleines Kind, wenn das bei einem Unfall die Alternative wäre. Bei einem automatischen Auto wird die konkrete Entscheidung nicht vom Einzelnen getroffen, sondern vorab und für alle verbindlich festgelegt. Damit aber ist eine zentrale Annahme seit der Aufklärung hinfällig, die den Einzelnen als rationales und autonomes Wesen definiert. Die europäische Idee des Individuums ist damit infrage gestellt.

Spiekermann: Dieses Beispiel ist ein krasser Spezialfall. Er überdeckt, dass es bei der Erschaffung technischer Produkte tatsächlich riesige ethische Spielräume gibt. Und am Ende entscheidet der Mensch ja frei, welche Produkte er kauft und anwendet. Es gibt beispielsweise für alle datenhungrigen Apps auch Alternativen, die die Daten sehr viel stärker schützen. Man muss sie sich nur runterladen.

Avanessian: Ich plädiere dafür, die Aufmerksamkeit auf die tatsächlich maßgeblichen Fragen zu lenken, statt sich über speziell europäische Werte Gedanken zu machen. Plattformen, technologische Standards und Infrastrukturen funktionieren heute längst jenseits der Nationalstaaten und deren Gesetzgebung. Diese demokratischer, transparenter und kooperativer zu gestalten ist die zentrale politische und technopolitische Aufgabe der kommenden Jahre.



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