S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Da ist kein Gott im Netz

Auf Süddeutsche.de und im SPIEGEL schreiben zwei Journalisten dem Internet quasi-religiöse Eigenschaften zu - dabei ist dem Netz das Spirituelle fremd. Es ist eine von Menschen gemachte Riesenmaschine der Aufklärung. Eine notwendige Widerrede.

1933 schrieb André Malraux, nebenberuflich Schriftsteller und französischer Kulturminister, hauptberuflich jedoch Teufelskerl: "Das 21. Jahrhundert wird ein religiöses sein oder es wird nicht sein." Pünktlich zu seinem Beginn flogen dann religiöse Fanatiker mit zwei Flugzeugen in zwei Häuser und schafften es, dass fortan alles durch die Brille der Religion betrachtet wurde. Kriege wurden fast automatisch zu Kreuzzügen, auf einmal sprach man von einer christlich-jüdisch geprägten Kultur, als hätten sich die einen nicht über Jahrhunderte gegen jeden gesellschaftlichen Fortschritt gewandt und wären die anderen nicht verachtet und ermordet worden. Und sogar der Hobbyrassismus bekam ein religiöses Kleidchen, denn wer heute in Deutschland sagt "der Islam", meint ärgerlich oft "die schwarzhaarigen Araber".

Nur logisch ist deshalb, Malraux' Prophezeiung auch auf den neuesten Zivilisationskomplex auszudehnen und zu behaupten, dass die digitale Welt auch irgendwie religiös um die Ecke kommt. Das haben gleichzeitig zwei Feuilletonisten getan, nämlich Andrian Kreye, Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung", sowie Matthias Matussek, Ex-Feuilletonchef, Videoblogger und sicherlich amüsantester Papist des SPIEGEL. Es ist gut, dass das Spannungsfeld zwischen Netz und Religion dorthin geraten ist, denn Feuilleton ist Bewertung, Begeisterung und Beschimpfung, und besonders bei der Beschimpfung drohte nach den Sven Regenerschen Urheberrechtskriegen die Munition auszugehen ohne neuen Metaphernsprengstoff.

Matussek, dessen Essay zunächst nur kostenpflichtig im Netz abrufbar ist, schreibt einen Angriff auf die Haltung der Piraten, der Netzpropagandisten und angrenzenden Kolumnisten: "Es ist das rote Glühen einer neuen Religiosität, einer Selbstgerechtigkeit, die mit Zauderern nicht viel Federlesens machen wird." Aus der Feder eines Offensivkatholiken bedeutet das: endlich kann man die Vorwürfe aus tausend Jahren Kirchenkritik fast wortgleich an Dritte weiterreichen. Außerdem, so Matussek, stecke im Begriff der Mensch-Maschine "der Cybernautentraum von Erlösung und ewigem Leben im Netz, natürlich eine kindische theologische Travestie".

Das allerdings könnte vollkommen richtig sein, wenn nicht das Gegenteil der Fall wäre. Julien Offray de La Mettrie schrieb 1747 das Buch "Der Mensch als Maschine", das den Titel dieser Kolumne ebenso inspiriert hat wie das Kraftwerk-Album "Die Mensch-Maschine", 230 Jahre und sechs Monate später veröffentlicht. La Mettrie war ein Atheist, der sich unter einer Narrenmütze und hinter ironischen Brechungen verstecken musste, weil Kritik an Gott damals als ähnlich indiskutabel galt wie heute Kritik an Helmut Schmidt. Das Buch zeichnete den Menschen als Maschine und sprach ihm damit den göttlichen Funken der Seele ab. Die Mensch-Maschine war damals ein Symbol für die Abwesenheit Gottes.

Heute gilt die Mensch-Maschine Internet den Nerds als Instrument der Selbstermächtigung des Menschen gegen alte, herrschende Strukturen, auch gegen die Religion. Deshalb meinen es die Piraten aus einer tiefsitzenden Abneigung heraus ernst mit der Trennung von Religion und Staat und betreiben die Abschaffung der Kirchensteuer.

Es gibt keinen Gott im Netz

Auch Andrian Kreye hat in einem kombinierten Leit- und Blog-Artikel neben dem Tod des Blogs etwas Spirituelles rund um das Internet (und bei den Piraten) ausgemacht : "Der Glaube an die menschheitsverändernden Umwälzungen durch die digitalen Technologien […] hat durchaus religiöse Züge." Kreye begründet das mit den "unzähligen Predigern", die "immer wieder mit Heilsversprechen durch die Welt" zögen. Schließlich sieht er als "eines der jüngsten Heilversprechen" Liquid Democracy an. Ein schöner freudscher (oder noch schönerer absichtlicher) Fehler, denn im Text steht nicht "Heilsversprechen", sondern "Heilversprechen" ohne s. Es geht bei Liquid Democracy nicht um das Heil, sondern um die Heilung. Das dazugehörende Modell ist Wissenschaft, nicht Religion.

Weshalb sich Kreye im Schlussakkord widerspricht: Eben war Liquid Democracy noch von den Piraten gepredigtes Heilsversprechen, jetzt ist es schon die von den Bürokraten (er meint damit auch die Piraten) gestellte Verfahrensfrage, mit Potential und umso wirksamer. Wenn das große Versprechen der Religion das Heil im Spirituellen oder gleich im nächsten Leben ist - dann ist das große Potential der Internetmaschine die Heilung der Gesellschaft, also die Weltverbesserung hier und jetzt. Und wenn es so nicht klappt, dann ändert man das Programm, um es anders zu versuchen, das Netz ist ein ständiges Experiment zur Gesellschaftsoptimierung. Vielleicht scheitert es, man wird es wohl ausprobieren müssen. Man kann das Internet selbst damit als Gegenteil der Religion betrachten, das Netz als Riesenmaschine der Aufklärung.

Nur leider - fucking leider! - sind Kreyes und Matusseks Eindrücke trotzdem nicht völlig an den Haaren herbeigelogen (abgesehen davon, dass man die Metaphorik der Religion auf Krampf wirklich jeder engagierten Gruppierung überstülpen könnte). Technik-Euphorie ist zwar nicht religiöser Eifer, denn Technik ist in ihrer Wirkung messbar. Aber es gibt eine Parallele zwischen Religion und Internet - und sie ist gefährlich. Sie ist technophilosophisch nur anders aufgebaut. Etwas schade, dass keiner von beiden Lewis Mumford als Zeugen ihrer Thesen herangezogen hat, dessen Werk "Mythos der Maschine" die enge Beziehung zwischen Zivilisation und Technologie nachzeichnet.

Mumford beschrieb den Computer als "wahren Stellvertreter des Sonnengottes auf Erden", das "exquisite Gerät" habe "echt göttliche Eigenschaften: Allgegenwart und Unsichtbarkeit". Dieser Mumfordsche Elfmeter auf das Religionstor hätte verwandelt werden müssen, Kreye, Matussek, Robben, denn es folgt die Essenz der Kritik an der Netzreligion: "Wenn man vergisst, dass es das menschliche Gehirn war, das dieses quasi-göttliche Instrument erfunden hat, es mit Daten füttern und ihm die zu lösenden Probleme stellen muss, dann muss man auch dem armseligen Sterblichen verzeihen, der diese Gottheit anbetet." Und das ist die Auflösung: das Quasireligiöse entsteht nicht durch Prediger, Heilsversprechen oder einen Glauben an die Umwälzungen durch die Technologie (Kreye). Das Digitalreligiöse besteht ebenso wenig in der Hoffnung auf Erlösung und ewiges Leben im Netz (Matussek).

Das gefährlich Religionsähnliche entsteht, wenn man vergisst, dass das Netz von Menschen absichtlich geschaffen ist und von Menschen gestaltbar. Jeder Pixel ist an seinem Platz, weil irgendjemand es so wollte (oder die Folgen nicht überblickte), irgendjemand ist verantwortlich, es gibt keinen Gott im Netz und damit kein Schicksal, in das man sich klaglos fügen müsste. Es herrsche also der Zweifel, der Widerspruch: das Gegenteil des Glaubens. Denn das Internet ist die Gesellschaft. Die Menschen. Mumford hat damit das Wettvergleichen zwischen digital und religiös klar gewonnen, und zwar schon 1964.

tl;dr

Wer mit einem Hammer die Welt erklärt, für den ist jeder Nagel eine Religion.

Anmerkung: Matthias Matussek muss ich ewig dankbar sein, denn er holte eine Rezension meines ersten Buchs "Wir nennen es Arbeit" (2006) in den SPIEGEL und letztlich begann so alles. Weil er darüber hinaus die gleichen Initialen hat wie die Mensch-Maschine, werden in dieser Kolumne nur historische Personen mit M zitiert (Malraux, Mettrie, Mumford), aber eigentlich ist natürlich alles Quatsch, ich wollte nur mal mit den großen Kindern spielen.