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04. September 2012, 15:48 Uhr

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine

Eure Internetsucht ist unser Leben

Eine Kolumne von

Ein digitaler Riss geht durch Deutschland: Auf der einen Seite stehen die Abgehängten, die das dumm und süchtig machende Internet verdammen. Ihnen gegenüber stehen jene, für die das Web selbstverständlicher Teil ihres Lebens ist. Es wird Zeit, dass sie aufeinander zugehen.

Paris, Mitte der zwanziger Jahre. Die Schriftstellerin Gertrude Stein und der spätere Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway stehen in einer Autowerkstatt. Der junge Monteur, der im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs Soldat war, kommt bei der Reparatur mit Steins Ford nicht zurecht. Sein Mechanikermeister tadelt ihn: "Ihr seid alle eine verlorene Generation!" Stein wendet sich Hemingway zu und erschafft mit ihren Worten eine neue Ära: "Das ist es, was ihr seid, all ihr jungen Leute, die ihr im Krieg wart. Ihr seid eine verlorene Generation."

Auch wenn mit der Lost Generation zunächst nur eine Handvoll amerikanischer Schriftsteller gemeint war - diese Szene ist wahrscheinlich der Beginn der Generationenzuschreibung in Medien und Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Ihr folgten die Aufbaugeneration, die Generation der 68er, Generation X, Generation Y, Generation Praktikum und so fort. Inzwischen ist der Begriff "Generation" völlig verworben, kaum eine dämliche Marketingkampagne kommt ohne die Ausrufung einer neuen Generation aus.

Aber die bisherigen Generationsbezeichnungen haben fast alle nach einem ähnlichen Muster funktioniert: Die Älteren bestimmten mit ihrer gesellschaftlichen Deutungshoheit letztlich, welcher prägende Stempel den Jüngeren aufgedrückt wurde. Selbst wenn die eigentliche Bezeichnung wie bei Generation Golf oder Generation Praktikum aus den Reihen der Betroffenen stammte.

Diese Mechanik könnte sich jetzt umdrehen, vielleicht nicht vom Begriff, wohl aber vom Gefühl her. Denn es entsteht eine neue Lost Generation. Nur sind es diesmal nicht die Jungen aus Sicht der Älteren, sondern die Elterngeneration aus der Perspektive ihrer Kinder. Es besteht die große Gefahr, dass eine ganze Generation ihre Vorgängergeneration als digital verloren betrachtet.

Die gegenwärtigen Diskussionen um das Netz, verwaltet von den Medien der Älteren, handeln von folgenden Fragen:

Die suggestive Art, wie diese Fragen gestellt und verhandelt werden, zeigt: Es gibt wenig Interesse an einer echten Diskussion und wenig Interesse an der Funktion des Internets für die unter Dreißigjährigen. Stattdessen geht es offenbar darum, die eigenen, aus historischen Gründen nicht digital begründeten Lebensentwürfe zu verteidigen und als besser hinzustellen. Wie diese Scheindiskussionen geführt werden, zeigt auch die Weigerung großer Teile der Gesellschaft, sich mit der digitalen Welt inhaltlich auseinanderzusetzen, selbst wenn sie E-Mail und Online-Banking traumwandlerisch sicher bedienen.

Ein längerer, bedrückender Text ist Anfang September unter Pseudonym in einem Blog erschienen. Ein 25-jähriger Pirat schrieb auf, wie er in der Schule von einem Lehrer gemobbt wurde und wie seine Mitschüler schwiegen oder lachten. Wie er unter den vernichtenden Beschimpfungen und Drohungen des Sportlehrers Herrn H. vor Publikum litt. Bis er schließlich nicht mehr in die Schule gehen konnte, weil ihm schon die Nähe des Gebäudes körperliche Schmerzen bereitete. Wie er kurz davor war, sich zu töten.

Und er schreibt auch, wie er Zuflucht fand an einem Ort, an dem er Freunde fand, die ihm zuhörten und ihn so retteten: im Internet, in Online-Spielen. Aber seine Eltern verwechselten Ursache, Wirkung und Linderung und zogen den Schluss, den der andauernde mediale Beschuss nahelegt: "Das Internet ist die Gefahr!" Sie erteilten ihrem Sohn Internetverbot. Der ruhige, aber erschütternde Bericht beginnt und endet mit einer kurzen Bemerkung der Mutter, die symptomatisch ist für das digitale Generationenproblem: "Ich glaube, dass du damals wegen einer Internetsucht nicht zur Schule gegangen bist, du kannst doch nicht die ganze Schuld auf Herrn H. schieben."

Das Internet als Instanz der Schuld

Der junge Mann weint, schreibt er zum Schluss, und er weint stellvertretend für viele in seiner Generation. Denn die traurige Fehleinschätzung seiner Mutter ist das, was hängen bleibt in den Köpfen der Elterngeneration. Das ist die Wirkung einer eindimensionalen, hysterisierten, auf Schuldzuweisungen ausgerichteten Mediendiskussion um das Netz. Die auf Gefahren und Bedrohungen und Angstszenarien spezialisiert ist. Die Chancen und Segnungen widerwillig in Nebensätzen von Nebenfiguren abhandelt, und auch das nur tut, um den Kontrast zur allgemeinen Schlimmheit des Netzes noch deutlicher zu machen.

Das mediale Agenda-Setting blendet Grautöne aus, schafft trotz Farbfernsehen Schwarzweißmalerei und transportiert so kaum verhüllt die Botschaft: Das Beste, was herauskommen kann bei diesem Internet, ist nichts. Das Schlechteste ist, dass alle tot sind oder verschuldet für immer oder beides. Und vorher noch Musik, Film und Literatur in den Abgrund gerissen haben und vielleicht auch die Demokratie. Es ist gesellschaftlich sehr bequem, das Internet als Instanz der Schuld zu betrachten. Und es ist nicht nur bequem, sondern gefährlich in dem Moment, in dem das Internet Teil der Lösung ist und nicht Teil des Problems.

Die derzeitigen Gefechte um das Netz - von Internetsucht bis Leistungsschutzrecht - werden getrieben von Vermutungen und Behauptungen. Sie werden geprägt von Leuten, die sich schlicht weigern, die Funktion und die Bedeutung des Internets für eine digital geprägte Generation zu erfassen. Dabei geht es trotz des Begriffs "Generation" nicht nur um das Alter, denn das Internet ist eine Haltungsfrage und keine Altersfrage.

Aber ein guter Teil der Gesellschaft ist gerade dabei, sich selbst zur Lost Generation zu machen aus der Perspektive derjenigen, für die das Internet eine Heimat ist oder zumindest eine Lebensselbstverständlichkeit wie fließend Wasser. Für diejenigen, die nicht bereit sind zu diskutieren, ob das Internet dumm oder süchtig macht, weil ja auch niemand ernsthaft diskutieren würde, ob das Leben dumm oder süchtig macht.

Für diejenigen, die differenzieren wollen, weil das Internet nicht der momentan hippe Nachfolger des Fernsehens ist - sondern besteht aus Universitäten und Sexshops, aus Bibliotheken und Spielhallen, aus Marktplätzen und Tanzcafés und Schrillionen digitalen Orten mehr, und alle sind voll mit Menschen. Für die einen ist es bloß ein Klickmedium, für die anderen ist es die Welt. Wenn nicht beide zusammenfinden und beide aufeinander zugehen, werden sie sich verlieren. Und dann gibt es nicht nur eine Lost Generation, sondern zwei.

tl;dr

Die gegenwärtigen Netzdebatten führen nicht zur Annäherung, sondern bewirken das Gegenteil, und das ist katastrophal.

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