S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Zuckerberg verkauft Ihre Zukunft

Mit dem Börsengang versilbert Facebook die Persönlichkeit seiner Nutzer, ihre Gedanken, ihre Gefühle. Jetzt wird sozialer Status ein präzise messbarer Wert. Statistiken zeigen, ob man homosexuell ist. Ob man zum Bier-Talk taugt. Ob man ein guter Mitarbeiter wird. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Spannung ist spürbar in der digitalen Welt. Der bevorstehende Börsengang von Facebook ist viel mehr als ein Börsengang. So erratisch die Urteile der Finanzwelt auch wirken mögen - in diesem Fall bestimmen sie über die Entwicklung des Netzes der kommenden Jahre. Freundschaften und Interessen bestanden vor Facebook aus elektrochemischen Prozessen im Gehirn. Nun liegt ein Teil davon auf Facebooks Servern, der eigentliche Wert, den Mark Zuckerberg an die Börse bringt, sind digitalisierte Gedanken und Gefühle. Samt der Hoffnung, diese kommerziell besser ausschöpfen zu können, denn der Umsatz von Facebook ist bisher nur mäßig überzeugend angesichts der Größe. Die Überfrage der Netzwirtschaft lautet: Sind soziale Medien, sind also digitalisierte Beziehungen im erwarteten Ausmaß kapitalisierbar?

Der Designer Otl Aicher, der das Nachkriegsdeutschland gestaltete, veröffentlichte in seinem Todesjahr 1991 ein Buch namens "analog und digital". Konsequent in Kleinbuchstaben gedruckt und damit kaum lesbar; selbst Genies versagen im eigenen Fach ab und an ja völlig. Im Buch findet sich ein gleichnamiger Artikel von 1978, in dem er den immensen Sieg der digitalen Rechner beschreibt. Er sieht ein digitales Zeitalter angebrochen und konstatiert: "vielleicht wäre der sieg nicht so eindrucksvoll ausgefallen, wenn nicht zwei voraussetzungen hinzugekommen wären: der unaufhaltsame fortschritt der bürokratie und der erfolg der statistik." Aicher sorgte sich darum, dass das Digitale zu genau sei, zu präzise messe, wo es im Leben doch so oft auf das Ungefähre ankäme.

Mark Zuckerbergs Weltveränderung ist kaum zu überschätzen: Facebook hat das Soziale messbar gemacht. Zumindest hat es den Anschein. Die Quantifizierbarkeit des Menschen hat mit den sozialen Medien eine neue Ebene erreicht, deren mittel- und langfristige Auswirkungen noch weitgehend unklar sind. Was bedeutet es zum Beispiel auf dem Schulhof, wenn die Zahl der "Freunde" auf Facebook für alle offen sichtbar ist und damit der soziale Wert, die Beliebtheit eine Messgröße bekommt? Entsteht damit eine Gesellschaft, in der Alpha, Beta, Gamma wie digitale Aufkleber auf der Stirn festgepappt sind?

Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass die digitale Dauerdokumentation des Lebens und seiner Beziehungen sogar noch mehr verrät, als man sich hätte vorstellen mögen - bis hin zur Unmöglichkeit, bestimmte Details zu verbergen. Ein Mosaik erkennt man eben auch dann, wenn nicht alle Steinchen sichtbar sind. Schon vor einiger Zeit wurde eine Software bekannt, die anhand des sozialen Umfelds auf Facebook mit hoher Trefferquote berechnet, ob jemand homosexuell ist.

Im Februar 2012 erschien im "Journal of Applied Social Psychology" eine Studie des Wissenschaftlers Donald Kluemper , der ein wegweisendes Experiment unternommen hatte. Er ließ psychologisch geschulte Fachleute allein anhand der Facebook-Profile von mehreren hundert Probanden abschätzen, wie gut deren Leistung im Job sein würde. Sechs Monate später wurden diese Einschätzungen durch eine Befragung der Vorgesetzten überprüft - und erwiesen sich als signifikant treffsicherer als die gängigen Tests, nach denen Arbeitgeber ihre Bewerber aussuchen. Obwohl diese über viele Jahrzehnte von Experten erarbeitet und verfeinert worden sind.

Digitale Unerbittlichkeit der sozialen Medien

Facebook vermisst die Persönlichkeit seiner Nutzer ganz offenbar besser als bisher bekannte Methoden. Hier bestätigt sich wissenschaftlich, was Nutzer aus sozialen Medien längst wissen: Ein paar Minuten auf einem Nutzerprofil reichen zur Einschätzung der Biertrinkability, um mit Sicherheit sagen zu können, ob man sozial kompatibel ist. Dabei spielt es keine große Rolle, ob die Einschätzung immer stimmt (natürlich nicht), sondern dass sie ausreichend oft stimmt.

Das ist die digitale Unerbittlichkeit der sozialen Medien: Eine Person, eine Persönlichkeit wird in zwei Dutzend Skalaren messbar, und vielleicht bestimmt sich danach ihr weiteres Leben, vom Job bis zur Partnerschaft. Der Erfolg der Statistik dringt tief ins Private ein.

Eine Gruppe von Nerds sieht darin eine großartige Chance: "Quantified Self" bedeutet, die Diffusität der eigenen Wahrnehmung einfach durch digitale Messungen zu ersetzen. Die präzise, unbestechliche Statistik, so die Grundannahme, bewahrt davor, sich selbst zu belügen oder Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren im Leben nicht zu bemerken. Eines der Idole der Bewegung, der bekannte Mathematiker Stephen Wolfram, veröffentlichte im März 2012 auf seinem Blog  sein Leben in Form von Statistiken seiner Mails seit 1989. Dazu eine Auswertung der Anrufe, der Meetings, die Zahl Tastenanschläge auf seinem Computer bis hin zu einer Statistik über jeden einzelnen Schritt. Buchstäblich.

Wolfram trägt seit einigen Jahren ein Pedometer und weiß deshalb, dass er täglich etwa 8000-mal einen Fuß vor den anderen setzt. Solche Experimente des "Quantified Self" sind so visionär wie notwendig, weil sie dem Leben die Prinzipien der digitalen Welt überstülpen - solange man noch die Wahl hat. Es ist gut, wenn schon mal jemand vorgeht um nachzuschauen, was eigentlich passiert, wenn das Selbst erst vollverdatet ist. Die Selbstvermessung "Quantified Self" mag merkwürdig bis beängstigend erscheinen, aber Social Media ist letztlich nichts anderes, nur mit sozialen Daten.

Wenn der Börsengang von Facebook ein Erfolg wird, bedeutet das: In Zukunft wird alles, was sich auf Servern abspielt, gnadenlos versocialt. Die Messbarkeit des Sozialen wird mit der Aggressivität des Marktes vorangetrieben werden. Ein Hotel in Las Vegas hat im vergangenen Sommer den vermeintlichen Einfluss der Gäste in sozialen Netzwerken überprüft . Besonders gut vernetzte Personen bekamen ein kostenloses Upgrade.

Ausschlaggebend war der Messwert eines darauf spezialisierten, eher obskuren Start-ups namens Klout, dessen Algorithmen der singenden Frisur Justin Bieber den Maximalwert von 100 zuschreiben . Barack Obama steht bei 93. Diese Merkwürdigkeit ändert aber nichts an der Messbarkeit der sozialen Vernetzung, deren erfolgreichste technische Umsetzung jetzt an die Börse geht. Wir bewegen uns auf eine Gesellschaft zu, in der sozialer Status keine diffuse Zuschreibung mehr ist, sondern ein präzise messbarer Wert. "schon können wir uns dem zwang der digitalen methode nicht mehr entziehen. der wandel in unserer kultur, in unserem verhalten, in unserem verständnis der welt ist beeindruckend. fast jeder mensch hat bereits eine zweite natur, seine existenz als größe von zahlen und werten." 1978 geschrieben und zum Börsengang von Facebook noch immer taufrisch. Respekt, Otl Aicher.

tl;dr

Die sozialen Medien perfektionieren die Vermessung des Menschen. Facebooks Börsengang wird zeigen, wie viel Geld das wert ist.

Anmerkung: Außer mit dem verlinkten Blog netzwertig.com verbindet mich ärgerlicherweise keine über die Verfolgung bei Twitter hinausgehende Beziehung mit den Erwähnten, woran ich aber im Fall von Barack Obama, Mark Zuckerberg, Stephen Wolfram und Justin Bieber versuche zu arbeiten (mit unterschiedlicher Priorität).

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