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07. Mai 2013, 14:20 Uhr

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine

Googles fahrlässige Glass-Kampagne

Eine Kolumne von

Googles Datenbrille verändert alles: Wenn die Glass-Technik im Alltag ankommt, entrinnt niemand mehr dem Netz - auch Nichtnutzer sind betroffen. Doch der Konzern versäumt, über die Wirkung zu diskutieren.

Der mittelwitzige, halbsatirische Twitter-Account @StartupLJackson verwendete schon im Herbst 2012 einen Begriff für Leute, die die kommende Augmented-Reality-Brille mit dem Namen Google Glass tragen: Glasshole. Die ebenso naheliegende wie gewitzte Bezeichnung wiegt einigermaßen schwer auf der Einführung dieser Brille, die einen Bildschirm ins Sichtfeld einblendet und über Kamera und Mikrofon verfügt.

So, wie knapp zwanzig Jahre zuvor Handynutzer in der Öffentlichkeit zunächst als asoziale Störenfriede empfunden wurden, weist die anhaltende Verbreitung dieses Schimpfworts im englischsprachigen Raum auf eine potentiell gesellschaftsverändernde und -spaltende Technologie hin. Denn um überhaupt ein öffentliches Ärgernis über ein Empörungsstrohfeuer hinaus sein zu können, muss eine Technologie für die meisten Leute irgendwie relevant erscheinen.

Das Schlagwort Augmented Reality, auf Wikipedia in grandioser, deutscher Unbeholfenheit mit "erweiterte Realität" übersetzt, bezeichnet die Verschmelzung der Welten, der digitalen mit der nichtdigitalen. Es handelt sich dabei um eine derzeit dramatisch unterschätze Spielart der Technologie - insbesondere, was die Diskussion um die Wirkung angeht. Augmented Reality steht nämlich von außen betrachtet für das Gefühl, dem Internet nicht mehr ausweichen zu können, wenn man den Rechner zuklappt. Augmented Reality lässt das Netz aus dem Gerät in die Welt schwappen. Die Brille von Google ist der erste große Vorbote dieser Vermischung, und in den Begriff Glasshole eingewoben ist das Gefühl der Unentrinnbarkeit für jeden, der einem Glass-Nutzer gegenübersteht. Die Kamera in der Brille kann Fotos per Augenzwinkern machen, die Aufzeichnung eines Videos ist ebenso simpel und kaum bemerkbar möglich.

Es ist niemandem vorzuwerfen, sich vor dieser Brille zu fürchten

Der große Unterschied zum Handy ist deshalb kein technischer, sondern ein sozialer, nämlich die weitgehende Unsichtbarkeit der Nutzung für Dritte. Daher rührt auch die Unruhe, die in der US-amerikanischen Medienlandschaft abseits der Nerdbegeisterung zu beobachten ist. Die Kombination von Unsichtbarkeit und neuer Technologie führt beinahe automatisch zu Angst und Irrationalität. Es ist niemandem vorzuwerfen, sich vor dieser Brille zu fürchten, selbst wenn die dahinterliegende Weiterentwicklung unausweichlich scheint. Es entsteht eine eigene, digital und dinglich vermischte Welt - der Netzraum, wie man Augmented Reality nennen könnte, wenn einen dieses Schlagwort nach der 234. Verwendung anödet.

Paradoxerweise wird durch diesen Netzraum die digitale Vernetzung im täglichen Leben gleichzeitig reduziert und maximiert. Über hundertmal am Tag wird ein Smartphone in die Hand genommen, diese Zahl dürfte sich mittelfristig verringern. Der gewohnte Griff zum Handbildschirm, der in der Öffentlichkeit das Symbol des mobilen Internets ist, wird ersetzt durch den ständigen Blick. Die kommende Verschmelzung der Welten ist damit ein Triumph der Gleichzeitigkeit und der Ablenkbarkeit. Die Diskussionen über Multitasking, Überforderung und Aufmerksamkeitsdefizite werden mit dreifacher Wucht zurückkehren, angereichert durch die dunkle Ahnung, was mit dieser Brille praktisch möglich ist. Und theoretisch möglich wäre.

Google Glass braucht kein Marketing, sondern Aufklärung

Google Glass ist die vernetzte Technologie mit der potentiell größten Eindringtiefe in das tägliche Leben. Es ist daher ein Versäumnis von Google, ein solches Produkt vorgestellt zu haben, ohne ernsthaft über die Wirkung zu diskutieren. Die technosoziale Faszination ist so groß, dass der Verkauf selbst kaum mehr als eine Preisfrage sein wird. Google Glass braucht kein Marketing, sondern Aufklärung. Denn über den Erfolg der Brille wird das Gefühl bei der täglichen Verwendung entscheiden - und das entsteht dort, wo Nutzer und Nichtnutzer aufeinanderprallen. Glasshole ist mehr als ein abfälliges Wort, es ist ein Anzeichen dafür, dass der Netzraum zum Schauplatz heftiger gesamtgesellschaftlicher Gefechte werden wird.

Die Diskussion um Datenschutz und Privatsphäre - die nächstliegende in Sachen Glass - verschiebt sich damit erheblich. Bisher wird sie stark technisch anhand von einzelnen Features und Anwendungen geführt, etwa wenn Facebook ein paar Einstellungen verändert. Wenn die Verschmelzung der Welten mit dem Übergagdet Glass voranschreitet, wird Privatsphäre immer stärker eine Frage des sozialen Verhaltens.

Besonders in Verbindung mit anderen, längst bekannten Technologien wie der Gesichtserkennung per Software ergibt sich eine Stunde Null der digitalen Öffentlichkeit: Was öffentlich ist und was nicht, wird zukünftig in jeder Situation neu verhandelt, bis die entsprechenden Konventionen und Selbstverständlichkeiten entstanden sind. Ein ohne Zweifel schmerzhafter Prozess, der täglich ausgetragen werden wird zwischen Arbeitskollegen, Eltern und Kindern und Passanten in der Fußgängerzone. Und schließlich gewohnt unterverständig und digitalpopulistisch sicher auch vom Gesetzgeber.

Der Graben zwischen Nutzern und Nichtnutzern wächst

Viele Jahre nach der Entstehung des Konzepts Augmented Reality wird langsam deutlich: Wenn die Grenze zwischen der digitalen und der nichtdigitalen Welt schwindet, wird zugleich die Grenze zwischen Nutzern und Nichtnutzern größer. Der digitale Graben bekommt eine zweite, noch tiefere Ausfertigung. Im Alltag unterscheidet sich ein Nichtnutzer vom Netznutzer vor allem dadurch, dass er zu ein paar Facebook-Events nicht eingeladen ist und papierne Landkarten verwendet. Der direkte Kontakt aber findet bisher unter Gleichen statt.

Augmented Reality ändert das. Die Brille ist das deutlichste und zukünftig präsenteste Symbol der vermeintlichen Überlegenheit des Digitalen. Sie wird damit zum Kristallisationspunkt eines neuen Kulturkampfs, und wie bei den meisten Kulturkämpfen zuvor wird dabei niemand gewinnen. Außer vielleicht den zwei, drei Unternehmen, die in absehbarer Zeit vergleichbare Produkte auf den Markt bringen können. Denn wenn etwas klar scheint, dann, dass Augmented Reality über mehrere Jahre ein digitales Spielfeld sein wird, verwaltet von einer Handvoll Großkonzerne - anders als das freie, offene und sichere Internet.

Die großen Meilensteine der digitalen Welt waren in den neunziger Jahren die Geburt des Internets und der Erfolg der sozialen Medien in den Nullerjahren - Augmented Reality hat das Potential, trotz des albernen Schlagworts prägend für die nächste Dekade zu werden. Vor fünfzehn Jahren lautete die große Netzfrage mit AOL gesprochen: "Bin ich schon drin?" Die Allgegenwart der sozialen Medien begann in Deutschland mit der Plattform StudiVZ und deren Slogan: "Bist du schon drin?" Die nächste Stufe heißt Augmented Reality, und die bestimmende Frage wird sowohl von den Nutzern selbst wie auch von seinem sozialen Umfeld gestellt werden: "Wie drin bin ich?"

tl;dr

Augmented Reality ist mit Google Glass wahrscheinlich das nächste sehr große Ding und braucht schon deshalb einen besseren Namen: Netzraum.

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