Sascha Lobo

Eltern und soziale Medien Kinderfotos dürfen ins Internet

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die digitale Welt ist kein Angstraum, es gibt gute Argumente, die eigenen Kinder im Netz stattfinden zu lassen. So werden sie als Teil der Gesellschaft sichtbar. Familienfreundlichere Länder als Deutschland machen es vor.
Kinderfotos: Mit sozialen Medien ohne Dämonisierung umgehen

Kinderfotos: Mit sozialen Medien ohne Dämonisierung umgehen

Foto: Marko Geber / Getty Images

Wenn man als Elternteil in Deutschland Sehnsucht nach wütender Herabwürdigung hat, lässt sich dieses Problem leicht lösen: Man postet in sozialen Medien einfach Fotos seiner Kinder. Je jünger, desto verlässlicher tauchen Leute auf, die moralisierend, herablassend oder empört Eltern schmähen, die ihre Kinder posten. Ton und Inhalt zeigen oft, wie sehr diese Menschen von der Alleinrichtigkeit ihrer Position überzeugt sind. Schon deshalb lohnt sich die nähere Betrachtung.

Es soll aber ausdrücklich nicht um Fotos und Filme gehen, mit denen die eigenen Kinder verspottet, verhöhnt oder öffentlich erniedrigt werden. Auch solche Eltern gibt es, und sie haben sich ihre dereinstige Abschiebung ins hoffentlich grellweiß gekachelte, lieb- und WLAN-lose Altersheim ohne jeden Familienbesuch redlich verdient. Nein, hier soll ein vermeintliches, leider oft gehörtes Elterngesetz analysiert werden: »Kinderfotos gehören nicht ins Internet«. Man muss ein paar Schritte zurücktreten, um den ideologischen Hintergrund mit aufs Bild zu bekommen. Denn sämtliche Fragen, die mit Reproduktion und Elternschaft zu tun haben, sind auch im 21. Jahrhundert noch stark patriarchal geprägt, es ist manchmal nur etwas schwieriger zu erkennen (für manche).

Patriarchat bedeutet wörtlich »Vaterherrschaft«, aber heute versteht man darunter auch, dass gesellschaftliche Strukturen Männern eher nützen als Frauen. Das ist zum Beispiel der Hauptgrund, weshalb 2021 in Deutschland von 30 Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen exakt null weiblich sind. Oder warum durch das Ehegattensplitting – einem strukturell frauenfeindlichen Hobby der CDU/CSU – ein allein verdienender Mann  samt nichts verdienender Ehefrau bei 45.000 Euro Gehalt im Jahr deutlich weniger Steuern zahlt als eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern.

Mütter werden erkennbar heftiger kritisiert als Väter

Eine wesentliche Säule des Patriarchats ist sozialer Druck in Form der Beschämung, die in den meisten Fällen Frauen trifft. In der aus den USA nach Europa geschwappten Fachsprache für moralische Fragen der Netzzeit heißt dieser Mechanismus »Public Shaming« oder auch nur »Shaming«. Mir fällt schwer, eine Gruppe zu finden, die öffentlich häufiger, heftiger und unerbittlicher geshamet werden als Mütter. Egal für welche Verhaltensweise oder Nichtverhaltensweise. Zu viele Menschen begreifen absurderweise die bloße Darstellung anderer Lebensweisen als Angriff auf das eigene Leben und die eigenen Entscheidungen.

Hier schließt sich der patriarchale Babyfotozirkel, denn wie für vieles andere auch werden Mütter für Kinderfotos im Netz erkennbar heftiger kritisiert als Väter. Das mag damit zusammenhängen, dass im Durchschnitt Mütter ihre Kinder in sozialen Medien häufiger thematisieren. Aber selbst unter Babypostings von Vätern kann man regelmäßig Attacken gegen die dazugehörigen Mütter lesen – spätestens hier wird klar, wie patriarchal die Diskussion um Kinderfotos im Netz geführt wird. Nämlich oft als weiterer Anlass, Müttern ein schlechtes Gewissen zu machen, das Gefühl zu geben, sie dürften nicht tun und lassen, was sie möchten. Sondern hätten sich gefälligst an alle möglichen Regeln Außenstehender zu halten, weil sie eine Verpflichtung hätten für die ganz persönliche Kindeswohlvorstellung der Kommentatoren.

Natürlich gibt es sinnvolle Argumente gegen die Veröffentlichung von Kinderfotos im Netz. Es gibt allerdings auch nur auf den ersten Blick sinnvoll scheinende sowie zwischen beiden Polen hin- und herschillernde Argumente. Die radikale Anti-Kinderfoto-Fraktion pocht oft auf die Rechte der Kinder selbst, vor allem ihr Persönlichkeitsrecht.

Das ist an sich kein schlechtes Argument, aber es erscheint unvollständig. Eltern entscheiden für ihre Kinder jeden Tag dutzendfach Dinge, die ihr Leben beeinflussen, prägen, verändern. Für oder gegen eine Impfung etwa, die lebensrettend sein oder mit Nebenwirkungen einhergehen kann. Was das Kind isst und was nicht, wo es hingehen darf, welchen gesellschaftlichen, religiösen und weltanschaulichen Regeln es zu folgen hat und so weiter und so fort. Die Grundrechte des Kindes sind nicht gefährdet oder eingeschränkt, wenn man als Elternteil die Entscheidung trifft, ein Foto ins Netz zu stellen, bevor das Kind einwilligungsfähig ist.

Schließlich wird auch die Entscheidung, mit dem Kind am Straßenverkehr teilzunehmen, selten offen kritisiert – dabei ist das nachweislich sogar lebensgefährlich. Es ist okay, wenn Eltern für ihre Kinder entscheiden, das ist im Rahmen der Gesetze sogar ihr Job.

Möchte man seinen Alltag nach dem Schlimmstmöglichen ausrichten?

Ähnlich verhält es sich mit der verbreiteten Angst, veröffentlichte Kinderfotos würden von Pädophilen missbraucht. Diese Angst ist technisch gesehen nicht unbegründet, und digitale Veröffentlichung ist meist gleichbedeutend mit einem gewissen Kontrollverlust über das veröffentlichte Werk. Aber es stellt sich eine andere, aus meiner Sicht größere Frage: Möchte man seinen digitalen Alltag, sein Netzleben, sein Leben insgesamt nach dem möglichen schlimmsten Fall ausrichten? Das können und sollen alle für sich beantworten, aber es ist illiberal, diese Entscheidung anderen aufpressen zu wollen.

Wenn man sich die dazugehörigen Kommentare in den sozialen Medien anschaut, wird es sogar noch bitterer. Hier führt dieses Argument nicht selten zur Täter-Opfer-Umkehrung. Es wird oft gedroht, die Kinderfotos veröffentlichenden Eltern seien schuld, wenn die Fotos auf pädokriminellen Seiten auftauchen. Das ist etwa so schlimm und falsch, als würde man einer Frau sagen, sie sei selbst dafür verantwortlich, wenn sie sexuell belästigt wird, weil sie einen Minirock anhat.

Das Argument schließlich, man könne irgendwann später das Leben der Kinder rekonstruieren und sie sogar dafür angreifen, geht von falschen Voraussetzungen aus. Zum einen braucht man keine Babyfotos, um in sozialen Medien das Leben der Eltern und ihrer Kinder zu analysieren. Zum anderen ist offensichtlich, dass Kleinkinder nichts für das Leben ihrer Eltern können. Wer das nicht begreifen möchte, wird in wirklich jedem Fall einen Angriffspunkt finden, da sind Fotos dann auch egal.

Die Maximalgegenprobe hat längst stattgefunden: Von Bundeskanzlerin Angela Merkel kursieren Fotos als junge Frau beim FKK-Baden im Netz. Das ist unangenehm und von den Veröffentlichenden zweifellos bösartig – politisch aber hat es ihr null geschadet.

Orientierung in ungefähr allen Lebensfragen

Ein interessanter Aspekt der Kinderfoto-Debatte, etwas abseits von patriarchalen Mechanismen, ist in sozialen Medien quasi ab Werk eingebaut. Sie sind personenbezogen, sie funktionieren im Wesentlichen über Leitfiguren. Deshalb ist das Influencertum in den letzten Jahren so groß geworden. Menschen holen sich im Netz Orientierung in ungefähr allen Lebensfragen.

Genau hier ist aber eine Sollbruchstelle – weil viele, die mit ihrer Bekanntheit soziale Medien prägen, vor ganz anderen Problemen stehen. Prominenz bringt zwischen Star-Stalking, Entführungsszenarien und politisch motivierten Attacken eine Vielzahl von Gefahren für die Kinder mit sich, denen Normalnutzende nicht oder seltener ausgesetzt sind.

Konkret bedeutet das, dass es für die prominente Person X objektiv sehr ratsam sein kann, die Kinder nicht im Netz zu zeigen – für die nichtprominente Person Y aber völlig okay. Dieses Abstraktionsvermögen gehört leider nicht zur Standardausrüstung der Debatten im Netz. Dabei würde es, weitergedacht, die Problematik zum Teil lösen helfen.

Und zwar die gesellschaftliche Problematik einer heraufziehenden Kinderaversion im Netz. Ich möchte der Anti-Kinderfoto-Fraktion nicht prinzipiell unterstellen, kinderfeindlich zu sein, den meisten dieser Menschen geht es nach eigenem Empfinden um das exakte Gegenteil. Aber ihre nicht selten aggressive Argumentation führt letztlich zu einer digitalen Welt ohne Kinder.

Ich glaube, dass diese Form der Ausblendung schädlich sein kann. Repräsentation, Präsenz in der Öffentlichkeit ist einer der wichtigsten Bausteine für die Weiterentwicklung von Gesellschaft, sei es kulturell oder politisch. Was man nicht sieht, wird seltener besprochen und erscheint weniger relevant, so funktioniert die sozialmediale Welt.

Keine allgemeingültige, einzig richtige Antwort

In Skandinavien oder Italien, in eindeutig kinderfreundlicheren Ländern als Deutschland, herrscht auch in den sozialen Medien meist ein freierer Umgang mit der Abbildung von Kindern. Die lernen so von Anfang an – ob bei sich selbst oder bei ihren Geschwistern – mit sozialen Medien ohne Dämonisierung umzugehen. Ich halte es für essenziell, den kommenden Generationen beizubringen, dass die Welt und eben auch die digitale Welt kein Angstraum ist, bei allen Schwierigkeiten, die hier wie dort existieren. Denn Angst ist auch hier eine katastrophale Beraterin.

Es gibt aus meiner Sicht keine allgemeingültige, einzig richtige Antwort auf die Frage, ob Eltern ihre Kinder im Netz veröffentlichen sollen oder nicht. Es ist die persönliche Entscheidung sowohl der Eltern wie auch der Kinder selbst, wenn sie ein ausreichendes Verständnis entwickelt haben.

Es ist okay, keinen Pixel der eigenen Kinder ins Netz zu stellen – und ebenso, seinen öffentlichen Instagram-Account jeden Tag mit dreihundert Babyvideos zu fluten. Auch alle Mischformen, wie die Gesichter der Kinder unkenntlich zu machen oder sie nur von hinten oder aus der Ferne zu zeigen oder was und wie auch immer. Niemand hat das Recht, hier andere zu verurteilen.

Die einzige Frage, die hier relevant sein sollte: Fühlen sich alle kommunikationsfähigen beteiligten Personen damit wohl? Wenn das zutrifft, ist jede Form von »Shaming«, herablassender Zurechtweisung oder gar Drohung nichts als patriarchaler Moralschrott.

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