Sascha Lobo

Anleitung zur Netzangst Fürchten Sie sich, aber richtig

Deutschland diskutiert voller Angst über die digitale Revolution. Das wäre nicht schlimm, wenn man sich vor den wahren Gefahren fürchten würde.
Baustelle in Dresden: Kameras überwachen längst einzelne Bauarbeiter

Baustelle in Dresden: Kameras überwachen längst einzelne Bauarbeiter

Foto: Arno Burgi/ dpa

Digitalisierung! Zugleich Fluch, Verheißung und alternativlos, das Großthema der Stunde. Der Mittelstand, die Bildung, die Industrie, die Medien, die Politik, die Gesellschaft, alle digitalisieren. Irgendwie. Aber die dazugehörige Debatte um Digitalisierung in Deutschland ist verbogen. Das hängt nicht nur mit der tatsächlichen oder vermeintlichen Irrationalität der Skeptiker zusammen, sondern auch mit der oft ebenso irrationalen Reaktion der Optimisten.

Wesentliche Teile der Digitalisierungskritik sind angstgetrieben. Angst um den Job, Angst um die eigene gesellschaftliche Position, Angst um liebgewordene Gewohnheiten und auch: Angst um die Kinder, die oft der Angst entspricht, seinen Nachkommen eine Welt zu hinterlassen, die man nicht versteht und vor deren Bedrohungen man deshalb glaubt, sie nicht schützen zu können. Aber Angst - einem per Definition nicht präzise, faktenbasiert und logisch hergeleiteten Gefühl - kann man kaum begegnen, indem man sie spöttisch als irrelevant oder irrational abtut. Auch dann nicht, wenn die Ängste von außen betrachtet "falsch" oder "unbegründet" wirken mögen.

Angst nicht ignorieren, sondern in Furcht verwandeln

Denn Angst vor der Digitalisierung ist berechtigt, weil die Welt sich schneller und tiefgreifender verändert als je zuvor und es bei diesem Wandel zweifellos eine Vielzahl von gefühlten und tatsächlichen Verlierern geben wird. Und längst gibt. Auch wenn man die Digitalisierung besser versteht, kann die diffuse Angst zu einer konkreten, gut begründbaren Furcht gerinnen.

Das heißt für die Debatte in Deutschland, den Digitalskeptikern nicht die Angst abzusprechen, denn das wird nicht gelingen. Stattdessen muss es - neben der Richtigstellung von Fakten, der Erklärung und Darstellung der positiven Seiten - darum gehen, wie man sich auf die richtige Weise vor der Digitalisierung fürchtet.

Dieser Ansatz beruht auf der Annahme, dass Menschen, die dem Wandel der Welt mit Sorge begegnen, nicht flächendeckend in strahlende Optimisten verwandelt werden können. Und auch gar nicht sollen, denn Skeptiker erfüllen eine wichtige gesellschaftliche Funktion in der Debatte, weil sie den Optimisten ein wenig Naivität entziehen und sie zu besser durchdachter Argumentation zwingen. Deshalb erscheint mir sinnvoller, zu erklären, wie man seine Angst aus Unwissenheit in Furcht aus Erkenntnis verwandelt. Zwei mögliche Ansatzpunkte (unter vielen anderen) habe ich herausgesucht, vor denen man sich bei der Digitalisierung objektiv und, naja, rational begründet fürchten kann. Und vielleicht sogar muss.

Effizienz-Radikalisierung und das digitalkapitalistische Prinzip

Das wichtigste Zitat, um die Digitalisierung zu begreifen, stammt von Peter Drucker, der Management-Ikone des 20. Jahrhunderts: "What gets measured gets managed." Für das 21. Jahrhundert neu formuliert: "Was gemessen werden kann, wird ökonomisiert." Und weil fast alle ein mit Sensoren vollgestopftes Gerät mit sich herumtragen und ein immer größerer Teil des Lebens online stattfindet, kann man sehr, sehr viel messen. Plötzlich existieren Datenströme, die Auskunft geben über das Fahrverhalten, weil die Bewegungsdaten des Smartphones analysiert werden können. Datenströme von Kameras, die auf einer Baustelle jeden einzelnen Bauarbeiter überwachen  und die jeweiligen Leistungen sekundengenau messen. Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der aggressiven Effizienz, und Effizienz beginnt zwangsläufig mit der Messung.

Im Digitalkapitalismus wird man darum kämpfen müssen, welche der Effizienzen gehoben werden sollen - und welche nicht gehoben werden dürfen, weil sie mit den Wertvorstellungen der Gesellschaft in Konflikt stehen. Und davor kann man sich hervorragend fürchten. Die Firma Proteus hat das (im ersten Anlauf  nicht genehmigte) erste digitale Medikament der Welt hergestellt, bei dem sie sandkorngroße Sensoren in jede Tablette einbringt. Sensoren schlucken, damit der Arzt in Echtzeit die korrekte Medikamenteneinnahme überprüfen kann - das hört sich gruselig an.

Und dann wieder ließe sich auf diese Weise der zunehmenden Bedrohung der Antibiotika-Resistenz etwas entgegensetzen. Sollte eine Versicherung in Zukunft nur demjenigen die Kosten für ein Medikament zahlen, der digital die korrekte Verwendung nachweisen kann? Die Furcht vor einer digitalen Effizienz-Radikalisierung hilft, eine Debatte um die künftigen roten Linien zu führen.

Unnachvollziehbarkeit und die unsichtbaren Systemfehler

Heute bedeutet Digitalisierung vor allem Virtualisierung und Automatisierung, also die Verschiebung wesentlicher Prozesse in die digitale Sphäre, wo sie algorithmisch ausgeführt werden. Das heißt wegen der Komplexität, der lernenden Maschinen und der Vielfalt der Datenströme, dass diese Prozesse kaum mehr nachvollziehbar sind. Oft nicht einmal für Leute, die unmittelbar an ihrer Steuerung und Auswertung beteiligt sind.

In sehr vielen Bereichen aber steht unmittelbar bevor, konkrete Entscheidungen durch genau diese faktische Computer-Blackbox treffen zu lassen oder zumindest die Optionen bewerten zu lassen. Zum Beispiel im Personalwesen, wo schon heute Bewerber algorithmisch aussortiert werden. Wenn der Computer etwa das Muster erkennt, dass rothaarige Frauen mit neun Prozent höherer Wahrscheinlichkeit einen Unfall am Arbeitsplatz haben - darf, kann, soll er diese Daten verwenden? Es ist einfach (und richtig), hier "auf keinen Fall" zu sagen und entsprechende Gesetze gegen Diskriminierung zu erlassen, zumal das "Warum" nur selten aus solchen Berechnungen hervorgeht.

In der Realität aber ist diese Mustererkennung wesentlich vielschichtiger, es geht um hunderte verschiedener Datenkategorien und deren algorithmische Korrelation, die sich oft gar nicht mehr nachvollziehen lassen. Warum genau wurde ein Job-Bewerber aussortiert? Ein Kredit nicht gewährt? Ein Krankenversicherungstarif angeboten oder nicht angeboten? Das sind lebensentscheidende Fragen, die sich durch die Digitalisierung immer seltener nachvollziehbar beantworten lassen - und die auf fehleranfälligen Berechnungen beruhen. Nur dass durch die irrwitzige Zunahme an Komplexität diese Fehler kaum mehr gefunden werden können.

Weil häufig schon das Bewusstsein dafür fehlt, dass algorithmisch berechnete Ergebnisse bei allen Effizienzen und Möglichkeiten auch kompletter Unfug sein können. Durch falsche oder schlechte Ausgangsdaten oder durch unentdeckte Bugs. Vor allem aber sticht hier die Hybris heraus, die sich quer durch die digitale Sphäre und die Köpfe ihrer Protagonisten zieht: die Überzeugung, man könne alles berechnen, wenn man nur ausreichend viele Daten habe, und dass in der Folge eine 99%-ige Wahrscheinlichkeit als Realität betrachtet werden darf.

Diese Haltung ist nichts weniger als gruselig, und zugleich ein Grund für die radikale Überwachung wie auch für die negativen Folgen des digitalen Effizienz-Radikalismus. Um es mit einem Zitat zu sagen, das dem Historiker Daniel J. Boorstin zugeschrieben wird : "Der größte Feind des Wissens ist nicht das Unwissen, sondern die Illusion von Wissen." Davor aber kann man sich unbedingt fürchten. Und sei es nur die Furcht, selbst der Illusion von Wissen zu erliegen.

Tl;dr

Angst-Schwerter zu Furcht-Pflugscharen - Digitalisierung verstehen, um sich für eine bessere Debatte vor den richtigen Bedrohungen zu fürchten.

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Foto: SPIEGEL ONLINE