Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Etwas läuft falsch

Ein Mann darf kein Konto eröffnen, weil er Osama heißt. Minister Dobrindt verspricht das schnellste Netz der Welt. Ein US-Abgeordneter leugnet und rechtfertigt die NSA-Schnüffelei in einem einzigen Satz. Was diese Nachrichten gemein haben? Sie beschreiben die Zukunft unserer Gesellschaft.

Hurra, Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit, Zeit, über alles in Ruhe nachzudenken. Spähskandal, Euro-Krise, Fahrpreiserhöhung der Bahn, ohne Zweifel ein Jahr wie ein hastig verschluckter Ziegelstein. Ein diffuses Gefühl stellt sich ein, das über das Jahr hinausreicht. Etwas läuft falsch. Kleine und größere Anzeichen, Seltsamkeiten aus den Wochen vor Weihnachten, nicht offensichtlich zusammenhängend.

  • Bei der Göppinger Kreissparkasse bekommt ein Ägypter namens Osama Abdelalim kein Konto. Auf Nachfrage heißt es, es gäbe da eine EU-Sanktionsliste und die OFAC-Liste der USA, mit denen würden die persönlichen Daten abgeglichen, das mit dem Konto gehe dann halt nicht. Weil der Mann den gleichen Vornamen wie Osama Bin Laden hat .
  • Der US-Kongressabgeordnete Mike Rogers spricht im EU-Parlament. Er beherrscht einen erstaunlichen Trick: Er vermag innerhalb eines einzigen Satzes die Bürgerüberwachung der NSA gleichzeitig zu leugnen und zu rechtfertigen. Im Oktober hatte Rogers erklärt, dass die Privatsphäre doch gar nicht verletzt würde, wenn das Opfer der Überwachung davon nichts mitbekäme . Mike Rogers ist Vorsitzender des Geheimdienst-Kontrollausschusses.
  • Der neue Digitalminister, Alexander Dobrindt, führt sich heftig superlativierend in sein Amt ein: "Deutschland braucht das schnellste und intelligenteste Netz der Welt." Nur dass Dobrindt dafür kein Geld ausgeben, sondern bloß die richtigen "Rahmenbedingungen" schaffen will. Als müsste ein Zehnjähriger gegen Mike Tyson boxen, und um seine Chancen zu erhöhen, achtet Dobrindt auf einen gut gepflegten Boxring.
  • Dass Facebook veröffentlichte Statusmeldungen auswertet, ist klar. Aber Facebook hat auch erforscht, welche Statusmitteilungen nicht veröffentlicht wurden . Zwei Mitarbeiter analysierten nicht abgeschickte Einträge, um herauszufinden, warum Nutzer "Selbstzensur" betreiben, wie Facebook es nennt. Um schon per Wording klarzumachen, dass Nichtveröffentlichung bekämpfenswert ist, egal wer das warum tut.
  • RSA, ein bekannter Hersteller von Sicherheitssoftware, hat laut Reuters  zehn Millionen Dollar von der NSA bekommen, um eine digitale Hintertür einzubauen. Obwohl RSA dementiert, ist die Strategie amerikanischer Behörden bekannt: die Schwächung kryptografischer Verfahren, die quer durch die Digitalwelt verwendet werden.

Etwas läuft ganz falsch. Wenn man die digitale Sphäre als große Blackbox betrachtet und sich allein auf ihre Wirkung konzentriert, lässt sich Verstörendes erkennen. Anhand dieser fünf eigentlich nicht zusammenhängenden Nachrichten.

In einer hypervernetzten Welt, in der über jede Person umfangreiche Datensätze vorhanden sind, ist Kryptografie der einzige Schutz vor Missbrauch und Generalüberwachung. Die Schädigung dieser Kryptografie wie im mutmaßlichen Fall RSA ist deshalb gleichbedeutend mit der Zersetzung der Privatsphäre. Aber es bleibt nicht allein bei allgemeinen Daten, denn die sozialen Medien haben attraktive und funktionale Wege gefunden, um ihre Nutzer selbst persönlichste Daten ins Netz stellen zu lassen. Und manchmal finden sie nicht ganz so freiwillige Wege, wie Facebook. Damit komplettiert sich jedes digitale Überwachungsbild über fast jede Person. Solchen Überwachungsmöglichkeiten könnte man strukturell entgegenwirken. Man müsste es aber auch ernsthaft wollen.

Dummheiten, Plattheiten, Absurditäten

Die Angreifbarkeit der digitalen Infrastruktur wird begünstigt durch den überraschend zentralistischen Aufbau des Internets. Sicherer würde das Netz insbesondere durch eine Dezentralisierung. Dobrindts Plan, ein schnelles Netz ohne staatliche Gelder aufbauen zu lassen, führt aber zum genauen Gegenteil: Die enormen Investitionen wären, wenn überhaupt, nur durch sehr wenige Unternehmen leistbar. Das wiederum bedeutet Zentralisierung und damit weniger Sicherheit.

Denn je zentralisierter das Internet, desto einfacher sind Kontrolle und Überwachung. Leute wie Mike Rogers haben sich ein hermetisches Weltbild aufgebaut, in dem wirklich alles gerechtfertigt ist. Und wenn dazu die Umdefinition jedes einzelnen Begriffs in einer Verfassung notwendig ist. Es handelt sich um antirechtsstaatliche, antidemokratische Strategien, die nicht einmal mehr Lügen sind, weil sie in einer völlig anderen Dimension stattfinden als die Realität. Genau deshalb ist das Internet inzwischen zur Überwachungsmaschine geworden und kann als Begleiteffekt auch ein paar andere Dinge.

Und das äußert sich für die Bürger an überraschenden Stellen. Denn sie stehen ganz am Schluss der digitalen Kaskade. Hier passiert das eigentlich Groteske, der hochintelligente Überwachungsapparat produziert: Dummheiten, Plattheiten, Absurditäten. Aus der illegalen Radikalüberwachung aller Bürger ergeben sich zum Beispiel Anti-Terror-Listen, und die führen dazu, dass man in der Kreissparkasse Göppingen kein Konto eröffnen kann, wenn man den gleichen Vornamen hat wie Osama Bin Laden. Weil die Blackbox im schieren Osamaheißen eine Gefahr sieht, lässt die Sparkassen-Person jede eigene Vernunft fahren. Darin liegt die größte Gefahr: die scheinobjektive Autorität der Maschine wird nicht mehr hinterfragt. Das ist digitale Unmündigkeit, ein schleichender Rückfall in voraufgeklärte Zeiten. Aber an exakt dieser Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine wird sich milliardenfach entscheiden, was für eine Gesellschaft die digitale Gesellschaft werden wird.

In Göppingen geht es um Kontoeröffnungen - in Pakistan oder im Jemen kann es den Tod per Drohne bedeuten, auf der falschen Liste zu stehen. Für die Drohne gelten die gleichen Unwägbarkeiten und Fehlerquellen wie für die Liste, auf die die Kreissparkasse zugreift. Etwas läuft falsch. Ganz grundlegend.

tl;dr:

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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