Sascha Lobo

Mark Zuckerberg im Kongress Facebook, die erste vernetzte Gefühlsmaschine

Facebook ist kein soziales Netzwerk, keine Werbeplattform und erst recht keine Community - sondern etwas ganz Neues. Wer es klug regulieren will, muss sogar einige Grundrechte updaten.
Pappkamerad Zuckerberg bei einer Demo vor dem US-Kongress

Pappkamerad Zuckerberg bei einer Demo vor dem US-Kongress

Foto: Carolyn Kaster/ AP

Mark Zuckerberg wurde soeben anlässlich des Falls "Cambridge Analytica" vom amerikanischen Senat befragt, und die Mitschrift  ist ein Blick in die gegenwärtig von Absurdität und Bigotterie geprägte amerikanische Politik. Republikanische Senatoren gaben sich besorgt um "Hate Speech in sozialen Medien", während der republikanische Präsident der erste Hate-Speaker des Planeten ist. Und der Ex-Präsidentschaftskandidat Ted Cruz zementierte jammernd die Opferrolle seiner Republikaner - also der Partei, die den Präsidenten stellt und beide Parlamentskammern dominiert. Der mit weitem Abstand absurdeste Moment aber war, als Zuckerberg in seiner Antwort auf Cruz ernsthaft erklärte, das Silicon Valley sei "ein extrem linker Ort". Allein darüber ließen sich Dutzende Doktorarbeiten verfassen.

Die Fragen und Antworten im Zusammenspiel offenbarten aber auch das derzeit gefährlichste Missverständnis der digitalen Gesellschaft: dass Soziale Medien aus herkömmlichen politischen und technischen Perspektiven verstanden und reguliert werden könnten. Facebook sei eine Community von zwei Milliarden Menschen, sagte Mark Zuckerberg. Die Technosoziologin Zeynep Tufekci  sieht genau in dieser Formulierung den Kern des Problems: Das Unwissen darüber, was "community" eigentlich ist, weil es eine Community von zwei Milliarden Menschen per Definition gar nicht geben könne.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das hört sich an wie absurde Ironie: Facebook hat keine Ahnung von Communitys. Aber es scheint nicht nur wahr, sondern maßgeblich mitverantwortlich zu sein für den Skandal, für die Krise von Facebook.

Facebook ist kein soziales Netzwerk, keine Werbeplattform, keine Community. Facebook ist etwas völlig Neues, bisher nicht Existierendes, wofür ich einen Begriff vorschlagen möchte: soziale Infrastruktur  . Es gibt diesen Begriff bereits im Nichtdigitalen, wo er vom Bildungssystem über öffentliche Sicherheit bis zur Gesundheitsversorgung all das bezeichnet, was eine funktionierende Gesellschaft lebenswert macht ("Social Infrastructure" im Englischen ist zwar digital definiert, aber schlicht ein Set an technischen Features). Jetzt ist es an der Zeit, auch digitale soziale Infrastruktur zu betrachten.

Facebook setzt gesellschaftliche Standards

Unter einer digitalsozialen Infrastruktur verstehe ich Plattformen, die in einer digitalen Gesellschaft die Standards der Information, der Kommunikation und der Öffentlichkeit setzen. Facebook ist so eine soziale Infrastruktur, die bisher einzige in weiten Teilen der Welt, und das bedeutet, Wesen und Wirkung der digitalen Gesellschaft liegen in den Händen eines privaten Konzerns.

Weil digitalsoziale Infrastrukturen so neu sind, ist noch weitgehend unklar, wie genau sie im Zusammenspiel zwischen Staaten und Unternehmen reguliert werden können. Zum Beispiel, um zu verhindern, dass einzelne Unternehmen zu viel Macht bekommen. Es erscheint mir kaum möglich und schon gar nicht sinnvoll, dass es etwa ein einzelnes "Lex Facebook" geben könnte. Viel eher müssten für eine kluge Regulierung vom Konzept Datenschutz über Mediengesetzgebung bis zu einer Reihe von Grundrechten (etwa zu Zensur und Meinungsfreiheit) umfangreiche Updates erarbeitet werden.

Meine These ist, dass Facebook eine neue soziale Infrastruktur ist, die ein neu entstandenes, gesellschaftliches Bedürfnis erfüllt. Sehr viele Menschen wollen und brauchen Facebook offensichtlich. Aber ohne Verständnis dieser neuen Funktion geht fast jede Kritik, fast jede Problemanalyse und mit Sicherheit jede Regulierung fehl - im besten Fall. Im schlimmsten Fall werden die enormen, durch Facebook entstandenen Probleme verstärkt.

Große Teile der Öffentlichkeit glauben, der Skandal rund um Facebook habe primär mit Privatsphäre zu tun und mit mysteriösen Manipulationsinstrumenten. Die in der Anhörung wie auch in Deutschland oft geäußerte Sorge um einen "Verkauf von Daten" ist schlicht falsch. Deutsche Bürgerämter verkaufen Daten, aber Facebook tut gerade das nicht, jede diesbezügliche Attacke verpufft daher in der Ahnungslosigkeit. Das Facebook-Problem liegt eher in der kaum regulierten Auswertungsmacht persönlicher Daten und in der kaum verstandenen Wirkung auf verschiedene Gesellschaften. Die bloße Sorge um Privatsphäre anlässlich dieses Skandals halte ich für eine stark unterkomplexe Betrachtung, die letztlich Facebook gut ins Verteidigungskonzept passt.

Das eigentliche Problem ist, wie Facebook auf ganze Gesellschaften wirkt

Im digitalen 21. Jahrhundert werden Datenschutz und Privatsphäre durch die Handlungen der Menschen selbst neu definiert, ob einem das gefällt oder nicht. Das politische, oft paternalistische Verständnis von Datenschutz oder Privatsphäre und der Alltag in der digitalen Gesellschaft klaffen weit auseinander. Das birgt die Gefahr, dass neue Gesetze nur theoretisch vorhandene Probleme lösen. Deshalb ist die Fixierung auf den Fall Cambridge Analytica so kontraproduktiv: Es ist völlig egal, ob Cambridge Analytica 50 oder 87 Millionen oder 100 Schrillionen Facebook-Profile abgeerntet hat. Es ist ja nicht einmal klar, wie die Daten genau verwendet wurden und von wem.

Das eigentliche Problem ist, wie Facebook auf ganze Gesellschaften wirkt - egal, ob einzelne Werbetreibende illegal gewonnene Daten verwendet haben oder nicht. Denn die neue, digitalsoziale Infrastruktur verändert Öffentlichkeit, Politik und Gemeinwesen ganzer Länder. Es sind seit dem 7. April 2018 mindestens zwei Fälle bekannt, in denen Facebook vor allem über die Verbreitung von Desinformation und Propaganda zu (Massen-)Morden aus Hass beigetragen hat. Der Fall der Rohingya in Burma  - der nach Ansicht politischer Beobachter sogar als Völkermord bezeichnet werden kann - war am Rande Thema der Senatsanhörung. Und eine Buzzfeed-Recherche hat gezeigt, dass Facebook auch in Sri Lanka auf jahrelange Warnungen kaum reagierte , in einem Land also, in dem bis 2009 Bürgerkrieg herrschte und wo die ethnischen Spannungen so groß sind, dass die Verbreitung eines einzelnen Facebook-Postings über Leben und Tod entscheiden kann.

Eine Parallele zwischen beiden Ländern ist, dass Facebook für viele Menschen die wichtigste oder sogar einzige Nachrichtenquelle ist, also den gesellschaftlichen Standard der Information setzt und zugleich indirekt, nämlich algorithmisch nach den Kriterien der Maximierung von Interaktion und Umsatz, auch den Standard der Informationsverbreitung. Für viele Menschen dort ist ihr persönlicher Facebook-Nachrichtenstrom ein Abbild der Realität, bei dem man gar nicht erst auf den Gedanken kommt zu hinterfragen.

Die neue soziale Infrastruktur als erste vernetzte Gefühlsmaschine der Welt

Aus Sicht des aufgeklärten, mediensachkundigen Teils der Öffentlichkeit mag das merkwürdig oder gar unterentwickelt erscheinen. Aber es gibt ebenso in mitteleuropäischen Öffentlichkeiten kaum Verständnis selbst der wichtigsten Mechanismen von Facebook. Das ist nicht allein eine Frage der Bildung, ich erlebe immer wieder, wie selbst promovierte Nutzer sich beschweren, wie wenig Likes dieses oder jenes unglaublich kluge Posting kriegt, obwohl das Katzenfoto letzte Woche doch so viele Herzchen bekam. Die meisten Leute - auch ich selbst - unterliegen direkt oder indirekt solchen Fehleinschätzungen, die oft eher Fehlgefühle sind. Denn Treibstoff der sozialen Infrastruktur Facebook sind: Emotionen. Alle wesentlichen Probleme - wie auch die wirtschaftlichen Vorteile - ergeben sich aus der Macht von Facebook, flächendeckend Emotionen auszulösen. Genau dafür ist Facebook gebaut, wie man schon an Standardreaktionen sieht: Like, Love, Haha, Wow, Sad, Angry.

Und das ist der Hauptgrund dafür, dass vor der - absolut notwendigen - Regulierung Facebook überhaupt erst verstanden werden muss: Diese neue soziale Infrastruktur bildet nicht nur den Stand der digitalen Gesellschaft ab. Sie ist zugleich die erste vernetzte Gefühlsmaschine der Welt, deshalb ist Populismus in sozialen Medien so wirkmächtig. Das Bestreben ernsthaft demokratischer Politik war immer, die Hoheit niedergeschriebener, nachvollziehbarer Prozesse an die Stelle der gefühlten Realität zu setzen. Rechtsstaat statt Hitze des Moments. Aber alle diese zivilisatorischen Fortschritte sind nichts, wenn sie nicht auch in den Köpfen verankert sind. Und wie es im Moment aussieht, muss genau das neu geschehen: eine soziale Infrastruktur nach demokratischen, menschenrechtlichen Prinzipien ausrichten. Niemand kann bisher sagen, wie genau das geschehen kann. Aber Facebook alleine scheint dazu nicht in der Lage.