Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Deutschland, eine Belehrtenrepublik

Katzen, Pornos, Verschwörungstheorien - es gibt viele Thesen darüber, worum es im Internet wirklich geht. Die jüngsten Diskussionen im Netz belegen einen sehr deutschen Kommunikationsantrieb: die Belehrung.
Erhobener Zeigefinger: Geste des Oberlehrers

Erhobener Zeigefinger: Geste des Oberlehrers

Foto: Marijan Murat/ dpa

Völlig unabhängig vom jeweiligen Thema ist jede neue Großdiskussion über die Ukraine bis zu den Masern ein willkommener Anlass, sein eigenes Weltbild zu stärken. Indem man es anderen belehrend überstülpt und en passant Nichtanhänger verächtlich macht.

Die Zurechtweisung, der deutscheste aller Gesprächsanlässe, durchdringt soziale und redaktionelle Medien. Im Internet offenbart sich nebenbei auch, dass das verbreitete Geschimpfe über Lehrer und ihre Haltung nichts ist als der Zorn über die Selbstähnlichkeit: In uns* allen ist ein Lehrer verborgen, der belehren will. Und im Netz darf er endlich.

"xkcd" ist ein Strichmännchencomic, der für Netznerds das ist, was Loriot für die Achtziger- und Neunzigerjahre war: Ein Stichwortgeber für jede Alltagssituation, etwas, das immer ein passendes, superwitziges Zitat liefert. Ein Comic zeigt den Dialog eines Pärchens. Auf die Frage, wann der Partner endlich ins Bett käme, antwortet dieser: "Ich kann nicht. Da liegt jemand falsch im Internet. "

Wäre "xkcd" deutsch, die Antwort würde weitergehen: "...und ich muss ihn zurechtweisen." Natürlich ist die Belehrung auch netzinternational ein beliebtes Feld, um seine Überlegenheit zu illustrieren. Aber nur in einem Land, in dem Anarchisten vor dem Bombenattentat auf einen Zug eine Bahnsteigkarte kaufen, ist der Wunsch nach Korrektheit so übermächtig, dass selbst Durchschnittsnutzer in der Belehrung ihre Erfüllung finden.

Ob politisch links, rechts, in der Mitte oder dazwischen hin- und hertaumelnd, nirgends mangelt es an Belehrungsenergie. Gerade Weltanschauungsdiskussionen bilden aus der Belehrungsperspektive die produktivsten Anlässe, um vor der Interworld das eigene Kapazundertum hervorzuheben.

Herzlichen Glückwunsch, Deutschland, du bist zur Belehrtenrepublik geworden. Natürlich warst du es schon immer, aber armseliger als in den sozialen Medien war das bisher selten zu besichtigen.

Zuletzt ließ sich das bei der multipel absonderlichen Impfdebatte besichtigen. Ja, die wissenschaftliche Faktenlage dort ist vergleichsweise eindeutig, Impfungen nützen sehr viel mehr, als sie auch nur theoretisch schaden können. Aber genau deshalb handelte es sich um ein Negativbeispiel dafür, wie mit schwierigen und pseudoskeptischen Haltungen umzugehen ist.

Hysterie wird mit Gegenhysterie beantwortet

Das nur mit definitorischen Schmerzen als Diskussion zu bezeichnende Getöse Pro und Kontra Masernimpfungen war unerträglich satt an selbstgewissen Belehrungen. In vielen Fällen vermutlich von Leuten, die Impfungen für weltrelevant erklärten, ohne selbst zu wissen, ob und wann sie das letzte Mal gegen Masern geimpft wurden.

Die irrationale Hysterie der Impfgegner erzeugte eine pseudorationale Hysterie der Impfprediger. Das ist einer der ungünstigen Grundmechanismen der sozialen Medien, Hysterie mit Gegenhysterie zu beantworten, wie zwei verfeindete Inselhälften. Es geht dann für beide Seiten nur noch um den jeweiligen Gruppenzusammenhalt. Die Diskussion bekommt den diskursiven Nährwert einer chlorgebleichten Zellstofftischdecke.

Eines jedoch passiert sicher nicht - die Überzeugung von irgendjemandem. Genau darin liegt das Kernproblem der Netzbelehrung: Sie dient dem Wohlgefühl des Absenders, der Selbstvergewisserung und der Rückversicherung der eigenen Peer Group, ist aber in der Sache selbst extrem kontraproduktiv.

Wer mit spottverschmierten Belehrungen glaubt, überzeugen oder auch nur eine Diskussion eröffnen zu können, glaubt auch, dass der Verfassungsschutz die Verfassung schützt.

Illustration der eigenen Großartigkeit

Seit mehr als 30 Millionen Leute in diesem Land soziale Medien benutzen, prallen ständig sehr unterschiedliche Bildungs- und Herzensbildungsniveaus aufeinander. Eine neue Ebene ist erreicht, denn nicht nur gewöhnliche Nutzer belehren sich gegenseitig in Grund und Boden, sondern auch vermeintliche Medienprofis.

Seit etwa 2014 antworten die Community-Moderatoren verschiedener klassischer Medien auf merkwürdige bis absurde Kommentare nicht mehr nur nach den Regeln des zivilisierten Netzumgangs. Danach würde man Monstrositäten löschen, bestürzenden Dummheiten deutlich, aber freundlich widersprechen oder sie ignorieren und den großen, diffusen Rest souverän als mehr oder weniger wertvolle Meinungswolke bestehen lassen. Man muss als Wirt auch nicht bei jedem missglückten Kneipengespräch den Grammatikduden aus dem Schrank ziehen, Facebook ist kein Trivial-Pursuit-Turnier.

Aber stattdessen wird mitunter Hohn, Spott und Verachtung  ausgegossen. Insbesondere bei Kommentaren, die noch dem letzten Holzpflock erlauben, sich intellektuell überlegen zu fühlen. Anschließend werden Screenshot-Beweise der gleißenden Überlegenheit verbreitet, wie man es dem staubdummen Pöbel endlich mal so richtig gezeigt hat.

Näher an einen Pyrrhussieg kann man als Pressemedium im Internet kaum herankommen. Denn mit dem peinlichen Überlegenheitsgeschrei wird zugleich eine fatale Botschaft ausgesendet: die Illustration der eigenen Großartigkeit durch superwitzige Publikumsdemütigung.

Dahinter steht die Überzeugung, klüger und besser zu sein und das der Welt plattestmöglich mitteilen zu müssen - genau die Urmotivation der Belehrung also. Und die auf der Bühne der sozialen Medien schadenfroh Belehrten? Schließen bestimmt medial erniedrigt und deshalb geläutert gleich morgen ein neues Jahresabo ab. Danach Familienausflug zur Masernimpfung in der Ukraine.

tl;dr
Jetzt, wo die meisten im Netz sind, manifestiert sich der vornehmste Zweck des Internets: andere zu belehren, wann immer möglich.

*Anmerkung des Autors:
Der Beruf des Interneterklärers ist manchmal ärgerlich nah an der Belehrung. Deshalb - und aus Gründen der Persönlichkeitsstruktur - habe ich es selbst leider nicht immer geschafft, Belehrungselemente aus meinen Erklärungsversuchen herauszuhalten.