Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Mit "uns" ist es vorbei

Das Netz macht die Menschen transparenter - und zerstört damit endgültig ein althergebrachtes "Wir"-Gefühl. Darin liegt eine großartige Chance.

"Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Flucht aus Gemeinschaften", diese These stellt Daniel Miller, Londoner Professor für digitale Anthropologie, in seinem Buch "Das wilde Netzwerk " auf. Er behauptet, dass "seit mindestens einhundert Jahren praktisch alle sozialwissenschaftlichen Darstellungen den Niedergang der Gemeinschaft in der Moderne" zeigen würden. Facebook aber mache "dem bislang allmählichen Schwund der sozialen Vernetzung ein Ende". Das soziale Netzwerk führe "die einst Vergessenen zurück in den Kreis derer, die wir im Auge behalten". Soweit also Daniel Miller.

Es ist natürlich schön, dass aus ethnologischer Sicht eine neue, digitale Gemeinschaft zu entstehen im Begriff ist. Das scheint auch sehr notwendig, denn die sozialen Medien offenbaren zugleich eine Wir-Krise, ein Zersplittern der Wir-Gefühle.

Die Gnade des Nichtwissens

Je näher man an seine Friends auf Facebook heranrückt, umso deutlicher werden die Unterschiede. Vor Weihnachten schwappte eine Welle der "Freundesbereinigung" durch die Medienlandschaft, Anleitungen wurden veröffentlicht, wie man Pegida-Anhänger oder Helene-Fischer-Fans aus dem digitalen sozialen Umfeld erkennt und entfernt.

Insbesondere was politische Einstellungen angeht, ist das völlig legitim: Keiner emotional zurechnungsfähigen Person kann etwa eine Freundschaft mit NPD-Anhängern zugemutet werden. Diese Freundesfilterung lässt sich aber als Symptom betrachten - je mehr man über Bekannte weiß, um so schwieriger lässt sich das "Wir" aufrecht halten. Die fluffige Gemeinsamkeit am Stammtisch des Sportvereins in prädigitalen Zeiten war auch eine Illusion - genährt durch die Annahme, man sei sich einigermaßen ähnlich. Die sozialen Medien können diese Wir-Illusion gefährden, indem sie die Gnade des Nichtwissens zerstören.

Diese internetbasierte Wir-Problematik im Kleinen besteht ähnlich im Großen. Dort hat sie mit dem Netz weniger zu tun.

Eine aktuelle Debatte wird befeuert durch Hans-Werner Sinn, den PR-Ökonomen des ifo-Instituts. In einem Artikel in der "FAZ " erklärt er, dass "eine jährliche fiskalische Nettobilanz eines Migranten von minus 1800 Euro" bestünde. Er bezieht sich auf eine Studie von Holger Bonin  im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Dort heißt es: "Die heute in Deutschland lebenden Ausländer sind keine Belastung für den deutschen Sozialstaat. Im Gegenteil: Ihre aktuellen und künftigen Einzahlungen in Form von Steuern und Abgaben liegen deutlich über den von ihnen in Anspruch genommenen Sozialtransfers."

Zwei fatale Annahmen

Was in den Medien erscheint wie der Schlagabtausch zweier Professoren zur ökonomischen Dimension der Migration, handelt eigentlich vom Wir-Begriff in Deutschland. Es ist völlig irrelevant, nach welcher - völlig willkürlichen - Berechnung man auf welchen angeblichen wirtschaftlichen "Wert" einzelner Migranten kommt. Es ist auch egal, ob dieser "Wert" positiv oder negativ ist.

Denn dahinter stehen zwei fatale Annahmen.

  • Die erste ist, dass der Markt ernsthaft als Maßstab tauge, um zu unterscheiden, ob Menschen gut oder schlecht seien. Das ist unabhängig vom Ergebnis die geradezu klassische Hybris der Ökonomen, die glauben, ihre Markttheorien erklärten die Welt. Wenn man wie Bonin und Sinn den Fokus auf die ökonomische Dimension legt, dann wird ein rassistischer, misogyner, antisemitischer Millionär willkommen geheißen, während eine nach wirtschaftlichen Maßstäben arme Frau, die sich ehrenamtlich sozial engagiert, ausgemustert gehört. Dass sich dieses Beispiel platt anhört, liegt genau an der völligen Unzulänglichkeit von Excel-Tabellen mit Euro-Werten zur Vermessung von Menschen.

  • Die zweite fatale Annahme aber ist die Existenz eines "Wir", das gegen "die" gerichtet ist. Das aberwitzige Getöse um einen "Wert" von Ausländern für Deutschland manifestiert eine schwarz-weiße Denkweise: Hier sind wir, dort sind die anderen, und "unsere" Aufgabe ist es, die anderen zu bewerten und zu sortieren. Bei einer solchen Diskussion kann es nur Verlierer geben.

"Abendland" ist nur ein Ort

Hier schließt sich der Kreis zur Wir-Krise im Kleinen, die sichtbarer geworden ist durch die Detailtiefe der sozialen Medien. Die Migrationsdebatte mit den Kriterien "wir" und "die" wird im Sinn einer "nationalen Identität" geführt. Aber je näher man an diese Identität heranzoomt, desto weniger Gemeinschaft oder auch nur Gemeinsamkeit bleibt übrig.

Denn gerade im Zusammenhang mit den Pegida-Demonstrationen und deren im Internet nachprüfbaren Äußerungen ist überdeutlich geworden, dass es mit allzuvielen Inhabern einer solchen "nationalen Identität" kein gemeinsames Wertefundament gibt: "Abendland" ist nur ein Ort. Mit jemandem, der Journalisten droht , ihnen "Isis-mäßig die Kehle durchzuschneiden", möchte man nicht "wir" sein. Genauso wenig wie mit den Mördern des Islamischen Staats selbst.

Das Hadern mit dem "Wir" ist natürlich alles andere als neu. Im Gegenteil, die Verführung zu einem "Wir-Gefühl" ist ein uraltes Mittel der Machtausübung und wurde daher von Beginn an von kritischen Geistern als problematisch betrachtet. Aber inzwischen lässt sich durch das Internet in die Köpfe derjenigen schauen, mit denen man ein "Wir" bilden soll. Wenn etwa "Bild.de" gezwungen ist, die unter jedem Artikel befindliche Klickleiste "Ihre Reaktion zum Thema" bei einem Beitrag über einen Brand in einem Flüchtlingsheim zu entfernen - weil die Mehrzahl der Leser spontan auf "Lachen" klickt.

Die heimliche Hoffnung ist, dass Daniel Miller recht behält. Dass also das Netz mit seiner gnadenlosen Informationstiefe nicht nur beweist, dass die herkömmlichen "Wir"-Definitionen anhand von Nation und Herkunft genau so problematisch sind, wie man schon ahnte. Sondern dass die sozialen Medien auch eine neue Gemeinschaft und damit ein neues Wir schaffen können.

Bis es soweit ist, kann man auf Facebook schon mal üben, mit komischen Leuten befreundet zu bleiben, ohne zynisch zu werden.

tl;dr:

Das Netz verdeutlicht die schon lange bestehende Wir-Krise - und könnte zugleich deren Lösung sein. Vielleicht. Unter Umständen.

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