Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Humor steckt in schwerster Krise seit Bestehen

Durch eine Mikrofonpanne weiß die Welt, dass Mark Zuckerberg Angela Merkel versprochen hat, Hass und Hetze auf Facebook zu bekämpfen. Das ist notwendig, aber aussichtslos. Und zwar wegen der Humorkrise.
Lulzsec-Maskottchen: Von tendenziell humorlosen US-Behörden als Terroristen eingestuft

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Das Internet ist mit daran schuld, dass der Humor in der schwersten Krise seit Erfindung des Witzes ist. Normalerweise würde das in Deutschland nicht weiter auffallen, aber die digitale Vernetzung hat alles geändert.

Achtung, es folgt ein Scherz: Ich persönlich kann mir Schlimmeres vorstellen als den Tod von Viktor Orbán und H. C. Strache, zum Beispiel das Zerknicken meines Lieblingspapptellers. Die Absurdität dieses Vergleichs lässt zwar diesen Satz als Scherz erkennen, aber bereits mit ein wenig Verständnis textlicher Feinstofflichkeit ahnt man: Jedes Wort ist wahr.

Dieses Scherzmuster ist mit dem Netz zu einer eigenen, digitalen Blüte herangereift. Im Internet erfolgreicher Humor zeichnet sich verdächtig oft dadurch aus, dass er schlicht wahr ist. Jon Stewart, dessen Ruhm durch im Netz verbreitete Videoclips aus seiner TV-Show begründet wurde, ist ein Großmeister dieses Genres: Wahrheit als Witz, Witz als Wahrheit. Diese Form des Humors hat es natürlich schon vorher gegeben, das uralte Prinzip Hofnarr basiert darauf, aber sie hat sich im Internet als besonders erfolgreich herausgestellt.

Satire und Nachricht sind kaum noch zu unterscheiden

Auch der "Postillon", die erfolgreichste Humorseite im deutschsprachigen Netz, feiert die größten Erfolge mit Artikeln, die entweder wahr sind oder sich so eng an die Wahrheit anschmiegen, dass es nur noch vernachlässigbare Unterschiede gibt. Nachdem die Satireseite den Abriss durch Sprengung  des künftigen Berliner Flughafens als Fortschritt anpries, ist inzwischen tatsächlich in der Politik davon die Rede, den Flughafen abzureißen und neu zu bauen. Noch ein paar Tage später wird bekannt, dass über 600 Brandschutzwände abgerissen werden müssen ; eine Sprengung wird immer realistischer.

Der österreichische Musikjournalist und Verleger Walter Gröbchen veröffentlicht auf Twitter  regelmäßig Links mit der Einleitung "Parodie und Realität sind nicht mehr zweifelsfrei unterscheidbar, Teil MDXXVII". Und eigentlich hat man das Gefühl, die Hälfte aller Nachrichten könnte derzeit mit dieser Einleitung vorgestellt werden.

Vielleicht ist es nur eine subjektive Empfindung, aber Scherz und nachrichtliche Realität scheinen sich aufeinander zuzubewegen. Der Scherz verschmilzt im Netz kaum mehr auflösbar mit der Realität, und das hat durchaus unlustige, dunkle Folgen. Denn ein größerer Teil von dem, was als Hatespeech oder Hassrede in den sozialen Medien diskutiert wird, sind Scherze. Oder besser: sollen Scherze sein.

Manche Scherze sind potenziell tödlich

Eines der bekanntesten Beispiele dürfte das des österreichischen Lehrlings sein. Unter ein Foto eines kleinen Flüchtlingsmädchens, das während der Hitzewelle in von der Feuerwehr aufgestellten Wasserfontänen herumtollte, schrieb er, man hätte besser Feuerwerfer benutzen sollen. Ja, das hätte ein Scherz sein sollen. Aber ebenso ja: Es ist legitim, diesen "Scherz" von tiefster Unterirdik als Ausdruck einer menschenfeindlichen Ideologie zu betrachten.

"Schade, dass nur 71 im Laster waren", "Spielt Schiffe versenken mit Flüchtlingsbooten", "Duschen an für Asylanten" - es ist für Leute oberhalb des Zivilisierungsgrads einer Pfahlmuschel kaum vorstellbar, aber solche Äußerungen auf Facebook hätten Scherze sein sollen. Und doch sind sie sowohl entlarvend für den Absender wie auch potenziell tödlich in der Entfaltung ihrer Wirkung.

Das ist eines der Dilemmata der Hetze, über die Merkel am Rande des Dingenskirchen-Gipfels mit Mark Zuckerberg sprach. Dass dieses Unterfangen an der Grenze zur Unmöglichkeit entlangtänzelt, liegt auch an der Natur von Scherzen und "Scherzen", an der schieren Größe der sozialen Medien - und am Geschäftsmodell von Facebook.

Maschinen können alles - außer Ironie

Wie fast alle Plattformen setzt Facebook darauf, menschliche Eingriffe durch Angestellte möglichst zu vermeiden. Auch bei der Überprüfung der Einhaltung der Community-Richtlinien. Der Grund ist die schiere Größe. Allein die Tatsache, dass jeden Tag quer durch die Facebook-Firmenfamilie 45 Milliarden Nachrichten plus eine zweistellige Milliardenzahl von Status-Updates und Kommentaren ausgetauscht werden, lässt erahnen: Das schiere Volumen der Kommunikation kann nur noch algorithmisch automatisiert bewältigt werden, selbst die Auswahl der gemeldeten Postings. Die Nachricht "Facebook stellt 10.000 Posting-Prüfer ein" wäre zudem eine Garantie für einen halbierten Börsenkurs - technische Skalierbarkeit geht Investoren über alles.

Die algorithmische Bewertung semantischer Zusammenhänge aber scheitert (unter anderem) am Scherz, unabhängig von dessen Qualität. Eine Brustwarze lässt sich visuell berechnen und kann deshalb flugs gelöscht werden. Die Ambivalenz und sprachliche Verworrenheit versuchter Scherze - auch schlechter und menschenfeindlicher Scherze - ist kaum algorithmisch greifbar, jedenfalls nicht ohne enorme Fehlerquote. Maschinen können alles außer Ironie. Jedenfalls bisher.

Scherze als Entschuldigung für Menschenfeindlichkeit

Das heißt: Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass die Hass- und Hetzsituation in den sozialen Medien sich ohne eine Form menschlicher Moderation dramatisch verbessern wird. Weil problematische Kommunikation unter der Fahne des Humors und der Zwei- bis Mehrdeutigkeiten segeln. Und das, wo "Das war doch nur ein Scherz" auf der einen Seite als Entschuldigung für noch jede Menschenfeindlichkeit gebraucht wird.

Und auf der anderen Seite als Scherz gemeinte Kommunikation via Verbreitung im Netz internationale Krisen mit vielen Toten auslösen können . Der Scherz, Humor insgesamt, hat mit dem Netz seine Unschuld verloren, weil das Internet ihn aus seinem ursprünglichen Kontext herauskatapultiert in die Weltöffentlichkeit . Und er gerade dadurch eine ungeahnte und eben auch hetzerische, aufwiegelnde oder anders destruktive Wirkung entfaltet.

Durch die digitale Vernetzung ist der Humor in der tiefsten Krise seit seinem Bestehen. Das konnte man schon erahnen, als 2011 die Gruppe LulzSec "for the lulz" (für die Lacher) höchst aggressive, allerdings oft auch lustige digitale Attacken ritt. Und dafür von tendenziell humorlosen US-Behörden als Terroristen eingestuft wurde.

Eingedenk dieser Überlegungen möchte ich meinen Eingangsscherz korrigieren: Natürlich wäre es nicht schlimmer als Orbáns und Straches Tod, wenn mein Lieblingspappteller zerknicken würde. Weil ich nämlich gar keinen habe.

tl,dr

Das Netz hat die Welt in eine Humorkrise gestürzt oder umgekehrt oder noch ganz anders.

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Foto: SPIEGEL ONLINE