Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Wie der Diskurs aus dem Ruder läuft

Facebook wird zu einem Forum der politisch Unzufriedenen. Der dort gelebte Stil zeigt: Mit den sozialen Medien wird es schwerer, "irrsinnige" Meinungen im Diskurs zu ignorieren.

Wenn am vergangenen Sonntag Bundestagswahlen via Facebook abgehalten worden wären und die Zahl der Fans den Stimmen entspräche, dann sähe die prozentuale Verteilung der ernstgemeinten Parteien etwa so aus:

  • AfD 23,4%
  • Die Linke 16,7%
  • Piraten 15,7%
  • CDU 15,4%
  • SPD 13,8%
  • Grüne 9,6%
  • FDP 5,5%

Ja, die Alternative für Deutschland ist die auf Facebook mit Abstand meistgelikte Partei in Deutschland (137.000 Likes). Wenn man von Martin Sonneborns "Die PARTEI" absieht (173.000), die mehr als doppelt so viele Stimmen - pardon - Likes auf sich vereinigt wie die SPD (81.000).

Facebook funktioniert selbstredend nicht als repräsentatives Umfrageinstrument, aber mit rund einem Drittel der deutschen Bevölkerung als aktive Nutzer ergibt sich ein interessantes Stimmungsbarometer. Im vorliegenden Fall zeigt es wenig überraschend Unzufriedenheit mit der Parteienlandschaft an: Wer Ironie versteht, klickt auf "Die PARTEI", und wo Verständnis generell eine knappe Ressource ist, wird eher die AfD protestgelikt.

Politische Verstörung der Bevölkerung

Wenn zwei Protestparteien zusammen mehr als 50 Prozent der Likes für Parteien insgesamt auf sich vereinigen, dann lässt sich das als ein Symptom für eine dysfunktionale politische Öffentlichkeit im Netz deuten. Eine tiefe Dysfunktionalität der Parteienpolitik mag schon Jahrzehnte flächendeckend empfunden worden sein; mit den sozialen Medien, die erst seit rund fünf Jahren in Deutschland etabliert sind, bekommt diese politische Verstörung der Bevölkerung eine Stimme. Keine besonders schöne.

Was in Deutschland mit dem politischen Diskurs im Internet falsch läuft, lässt sich an einem einzelnen Satz erkennen. Er stammt aus dem niedergeschriebenen Selbstverständnis der Jugendorganisation der Alternative für Deutschland, der "Jungen Alternative". Er lautet: "Auch mutige, fragwürdige oder irrsinnige Meinungen verdienen es, gehört zu werden." Das steht da wirklich : Irrsinnige Meinungen sollen gehört werden. Das erklärt sehr viel mehr als nur einiges.

Vermutlich ist der Satz von der "Jungen Alternative" als unbeholfene Unterstützung der Meinungsfreiheit gemeint. Unabsichtlich entlarvt er aber, was die politische Diskussion in der Öffentlichkeit der sozialen Medien oft schwierig bis unmöglich macht: die verstörend große Zahl an Leuten, deren Beiträge keiner Logik, keiner Konsistenz, keiner Rationalität folgen. Die weitgehend fehlende Bereitschaft, unbestrittene Fakten oder Kausalitäten auch nur sphärisch anzuerkennen.

Wahrscheinlich ist genau das der Grund, weshalb die "Junge Alternative" diesen Satz für so zentral hält, sie ist offenbar häufig mit Irrsinn aus den eigenen Reihen konfrontiert. Das ist sehr gut nachvollziehbar.

Aber das Brandmarken von abweichenden Meinungen als "wahnsinnig" oder "irrsinnig" gehört zum Standardrepertoire totalitärer Regimes, daher ist größte Vorsicht geboten. Und die beginnt damit, dass man Meinungen nicht leichtfertig als "irrsinnig" bezeichnet, die auch schlicht dämlich sein könnten oder absichtsvoll bösartig. Und natürlich enthält die Definition von "irrsinnig" auch immer relative und zeittypische Elemente.

Tatsächlich "irrsinnige" Meinungen aber müssen nicht gehört werden, und das ist keine neue Erkenntnis. In dem ausnahmsweise auch für Internet-Kolumnisten verständlichen Büchlein "Die Ordnung des Diskurses" (seine Antrittsvorlesung von 1970) hat Michel Foucault darauf verwiesen: "Drei große Ausschließungssysteme treffen den Diskurs: das verbotene Wort; die Ausgrenzung des Wahnsinns; der Wille zur Wahrheit."

"Pegida ist Gefühl statt Aufklärung"

Mit dem gigantischen Erfolg der sozialen Medien, die faktisch die Funktion der "Stimme des Volkes" von den Boulevardmedien im Handstreich übernommen haben, zeigt sich: Den Wahnsinn vom öffentlichen Diskurs auszuschließen ist sehr viel schwieriger geworden. In weiten Teilen der politischen Meinungsäußerung im Netz kann ein kausaler Zusammenhang einfach durch die Anwendung des Wörtchens "weil" hergestellt werden, weil Irrsinn. Es ist zugleich sehr viel schwerer geworden, zwischen unbequemen, provozierenden und "irrsinnigen" Meinungen zu unterscheiden. Der Diskurs ist aus dem Ruder gelaufen.

Dieser Umstand bekommt eine neue Qualität, weil sich mit Pegida zeigt, dass mit 15.000 Leuten auf der Straße und Facebook als Verlautbarungsorgan die Erscheinung und selbst die Politik der Bundesrepublik verändert werden kann, sogar mit internationaler Wirkung. Und zwar ohne, dass die Argumente irgendwie mit der Faktenlage abgeglichen werden müssten. Die Verfasserin eines Leserbriefs der "Süddeutschen Zeitung" bringt es präzise auf den Punkt : "Pegida ist Gefühl statt Aufklärung", daher nutzt das Wedeln mit Statistiken exakt nichts.

Pegida könnte die AfD zur deutschen Tea Party machen

Der proportional große Erfolg der AfD auf Facebook weist darauf hin, dass die sozialen Medien sich sehr gut eignen, politische Massenunzufriedenheit zu kanalisieren. Pegida zeigt, dass mithilfe der sozialen Medien Politik beeinflusst werden kann. Die "Junge Alternative" beweist unabsichtlich, dass selbst erkannter "Irrsinn" Teil des Diskurses wird.

Was aber geschieht, wenn das Ausschlusssystem "Ausgrenzung des Wahnsinns" in der medialen Öffentlichkeit nicht mehr richtig funktioniert, lässt sich an einem verbreiteten Bonmot aus den Vereinigten Staaten erkennen, das vermutlich von Aaron Sorkin stammt : "Wenn die gesamte Fraktion der Republikaner darauf beharrt, dass die Erde eine Scheibe sei, steht am nächsten Tag in der "New York Times": 'Demokraten und Republikaner sind uneinig über die Form der Erde'."

Dahinter steht die größte Gefahr, die von Pegida ausgeht: dass sie der AfD zeigt, wie wirksam und massenfähig auch in Deutschland die völlige Abkehr von rationalen Diskursen ist. Insbesondere, wenn es um Sündenböcke geht. Pegida hat das Zeug, aus der AfD endgültig die deutsche Tea Party zu machen.

tl;dr

Mit den sozialen Medien wird es schwerer, "irrsinnige" Meinungen im politischen Diskurs zu ignorieren.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hat die Zahl der Facebook-Fans der Grünen in der Aufstellung gefehlt. Wir haben sie nachgetragen und die anderen Werte entsprechend angepasst. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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