Schach-Machtkampf Deep Fritz will es Kramnik heimzahlen

Fritze wäre gereizt, wenn er ein Mensch wäre. Doch das Schachprogramm das derzeit in Bahrein gegen Weltmeister Kramnik antritt dürfte die Niederlage vom Sonntag locker weggesteckt haben. Heute ab 14 Uhr spielt Deep Fritz Weiß, und Experten vermuten taktische Vorteile.


Hat einen unsichtbaren Gegner: Schachweltmeister Wladimir Kramnik
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Hat einen unsichtbaren Gegner: Schachweltmeister Wladimir Kramnik

Ein Remis, ein Sieg: 1,5 zu 0,5 lautet die Zwischenbilanz im Kräftemessen zwischen Schachweltmeister (Mensch) und weltmeisterlichem Programm (Maschine), das noch bis zum 19. Oktober in Bahrein ausgetragen wird.Auch wenn Wladimir Kramnik das lockerer sieht, letztlich laufen solche Matchs auf die immer gleiche Frage hinaus: Wie weit ist die Maschine, an die Möglichkeiten des menschlichen Geistes heranzukommen? 1997 musste sich überraschend der damalige Weltmeister Garri Kasparow dem IBM-Supercomputer Deep Blue geschlagen geben. Fünf Jahre später ist es kein Superrechner mehr, der einen amtierenden Schachweltmeister schlagen soll, sondern "nur" ein außerordentliches Stück Software - das man für bescheidene 99 Euro in jedem Laden kaufen kann. Das läuft zudem auf einem verhältnismäßig "handelsüblichen" Rechner, der immerhin mit acht Xeon-Prozessoren bestückt ist, die auf 900 MHz getaktet sind.

Das ist fett - aber es ist nicht "super". Nichts macht den IT-Fortschritt deutlicher als der direkte Vergleich zwischen den Konfigurationen von IBMs Megarechner Deep Blue (ein Fall für den Lkw-Transport) und dem heutigen Deep Fritz (den man im Kofferraum eines Corsa verstauen könnte). Wer jedoch die Oberhand behalten würde, ließe man die beiden Rechenknechte aufeinander los, daran besteht keinerlei Zweifel. Fritz ist derzeit von keiner Maschine zu schlagen.Auch Kramnik zweifelte im Vorfeld keine Sekunde, dass Deep Fritz ihm in Sachen Gedächtnis und strategisches Nach-Vorn-Denken überlegen sein würde. Das allein aber, und das sehen auch IT-Experten ähnlich, macht "Intelligenz" nicht aus. Kramniks Strategie beruht im Grunde darauf, den Rechner zu "überraschen". Genau das, sagen Experten, gelang ihm in der zweiten Partie vom Sonntag mit dem 13. Zug: Kramnik hatte einen Zug gefunden, für den es offenbar keine Vorbilder gab - und Fritz offenbarte seine Grenzen.Manche hat das überrascht, andere nicht: Von vornherein galt als klar, dass die Defensive nicht Fritzens Sache ist. Die Stärken von Deep Fritz liegen im strategischen Bereich. Die schiere Größe seiner Datenbank und die unfassbare Anzahl der für ihn vordenkbaren Züge (drei bis vier Millionen pro Sekunde) macht ihn zu einem gefährlichen Gegner, wenn Fritze Flink Gelegenheit erhält, dem Spiel seine Strategie aufzulegen. Weiß ist seine Farbe, und tatsächlich zeigte er sich in der ersten Partie stärker als in der Begegnung von Sonntag. Fritz zu unterschätzen, das weiß auch Kramnik, wäre dumm. Das Programm gilt als so mächtig, dass es - von seiner Spielstärken-Einstufung (2741 Elo-Punkte) her - locker in der Weltrangliste der Großmeister mithalten könnte. Viele Top-Spieler nutzen Fritz für die Analyse von Spielen und zum Training, und einige - einschließlich Kasparow - mussten sich dem Rechner auch schon geschlagen geben. Die meisten Experten tippen derzeit auf einen Match-Sieger Kramnik, doch dass dieser jede Partie für sich entscheiden könne, glaubt niemand.Es bleibt also spannend. Heute, um 14 Uhr, spielt Fritz wieder Weiß - und die Schachwelt blickt gebannt auf "Brains in Bahrein".Unser Flash-Applet zeigt bis 14 Uhr noch einmal alle Züge der zweiten Partie. Ab 14 Uhr geht es wieder live nach Bahrein. Für die Mittagspause wird das wohl ein wenig lang: Die letzte Begegnung dauerte immerhin 2,5 Stunden. Das Applet bietet aber über die "Zurück"-Tasten die Möglichkeit, verpasste Züge zu wiederholen. Schauen Sie rein:
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Die Kommentatoren: Anna Dergatscheva, russische Schachmeisterin
Julian Hodgson, Schach-Großmeister, Großbritannien
Daniel King, Schach-Großmeister, Großbritannien
Nigel Short, Großmeister und ehemaliger Kasparov-Herausforderer
Frederic Friedel, ChessBase (Deep-Fritz-Entwickler) Die Match-Termine: Freitag, 4. Oktober
Sonntag, 6. Oktober
Dienstag, 8. Okober
Donnerstag, 10. Oktober
Sonntag, 13. Oktober
Dienstag, 15. Oktober
Donnerstag, 17. Oktober
Samstag, 19. OktoberDie Partien beginnen jeweils um 14 Uhr MEZOrt der Veranstaltung: Manama, Bahrein



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