Schicksal Stalingrad "Sie haben Jahrzehnte geschwiegen"

Zum 60. Jahrestag der deutschen Niederlage in Stalingrad schildern die Medien aufs Neue die Leiden von Hitlers Landsern. Das Schicksal der Mütter und Kinder in der zerbombten Stadt an der Wolga dagegen ist kaum je ein Thema. Jetzt haben fünfzig Überlebende erstmals ihre Kindheitserinnerungen an das grausige Los der russischen Zivilbevölkerung veröffentlicht - mit Hilfe einer Deutschen.
Von Jochen Bölsche

Mit ihren weißen Häusern und ihren üppigen Gärten, in denen Wein und Oleander und Nussbäume wuchsen, war die Stadt an der Wolga eine der schönsten im ganzen Land. Und die Lehrerstochter Wera Dmitrijewna Scholobowa, ein hübsches Mädchen mit blonden Zöpfen, führte ein "glückliches und friedliches Leben" - bis zu jenem Schreckenssonntag im August 1942, als der deutsche Luftwaffengeneral Wolfram von Richthofen 1600 Angriffe auf Stalingrad fliegen ließ und die blühende Stadt mit tausend Tonnen Bomben in ein apokalyptisches Ruinenfeld verwandelte.

Greise, Frauen, Kinder - insgesamt 40.000 Menschen starben unter der Bombardierung durch 1200 Flugzeuge vom Typ Junkers-88 und Heinkel-111. Von der 22-köpfigen Großfamilie, in der die kleine Wera ihre Kindheit verbracht hatte, überlebten nur sieben Personen das Inferno.

Am Tag, als die Deutschen kamen, war das Mädchen 14 Jahre alt. Sechzig Jahre danach ist das Grauen noch immer gegenwärtig: "Meiner Tante wurde der Kopf von einem Geschoss abgerissen und auf einen Haken geschleudert, dort verhakte er sich mit seinen prachtvollen Haaren; so schaukelte der Kopf und blickte mit toten blauen Augen auf die verkohlte Leiche ihrer Tochter Tanja."

"Die siebenjährige Milotschka verblutete und starb in den Armen ihrer verwundeten Mutter", erinnert sich die Rentnerin: "Meine kleine Freundin Tanja Popowa verbrannte im Haus zusammen mit ihrem Brüderchen und der Großmutter, und ihre Mutter verlor den Verstand ob dieser Erschütterungen. Der 15-jährige Cousin war ein halbes Jahr im Konzentrationslager. Was soll ich da aufzählen? Das Papier reicht dafür nicht aus."

Stalingrad - Deutsche gemahnt dieses Wort vor allem an das Schicksal ihrer von Hitler im Stich gelassenen Sechsten Armee. Russen wiederum rühmen die Heldentaten der Roten Armee bei der Wiedereroberung der schon verloren geglaubten Stadt. So oder so: Taten und Untaten der Soldaten beiderseits der Front waren und sind Thema Dutzender von TV-Serien, Filmen und Büchern - und müssen neuerdings sogar die Kulisse für makabre Computerspiele hergeben.

Einen weißen Fleck im Bewusstsein der meisten Deutschen bilden hingegen noch immer die Leiden der Zivilbevölkerung in der Hölle von Stalingrad. Kaum jemand weiß etwas über das Schicksal jener Kinder, die im Bombenhagel ihre Familie verloren, oder über die Halbwüchsigen, die in Viehwaggons nach Deutschland deportiert wurden, wo sie in Häftlingskluft mit der Aufschrift "OST" hinter Stacheldrahtverhauen für Hitlers Rüstungsindustrie arbeiten mussten.

Viele der Opfer von einst sehen sich - ähnlich wie ausgebombte Deutsche - bis auf den heutigen Tag außer Stande, das unsägliche Grauen der Jahre 1942/43 in Worte zu fassen. Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter plagte nach ihrer Heimkehr nach Russland Angst vor Diskriminierung: Nach der absurden Logik der Stalinisten standen alle, die lebendig in Feindeshand geraten waren, unter Kollaborationsverdacht; die "OST"-Arbeiter galten als Volksverräter, durften nicht studieren und mussten mit Hungerlöhnen auskommen; heute beziehen sie folglich Hungerrenten.

"Niemand wollte von ihren Erlebnissen hören"

Erst jetzt, im Alter, haben einige jener Frauen und Männer, die als Kinder die Schrecken von Stalingrad erlebt haben, ihr Schweigen gebrochen. Dass sie sich dazu entschlossen haben, ist einer Deutschen zu verdanken: der Kölnerin Frauke Eickhoff, Jahrgang 1940, vom Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft zwischen Köln und Wolgograd. (Wolgograd heißt das auf Blut und Knochen hastig wieder aufgebaute einstige Stalingrad seit der Entstalinisierung Russlands in den sechziger Jahren.)

Im Auftrag ihres kirchennahen Kölner Vereins, der auch Schülerreisen und Spendenaktionen für die Wolgastadt organisiert, schrieb Eickhoff russische Zeitzeugen an und bat sie, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Mit Erfolg: Nicht nur Wera Dmitrijewna Scholobowa richtete einen langen Brief an die "entfernte und mir unbekannte Zeitgenossin aus Deutschland", rund fünfzig weitere Wolgograder Rentnerinnen und Rentner taten es ihr gleich.

Vorige Woche war es so weit: Im Restaurant des Hotels "Wolgograd" präsentierte die Kölnerin vor 200 Gästen die russische und die deutsche Ausgabe eines Buches, in dem sorgsam dokumentiert ist, wie sich die einstigen Kinder von Stalingrad 60 Jahre danach an das Kriegsgeschehen erinnern.

Einige der Autorinnen und Autoren sind schon gestorben, andere bettlägerig. Die Überlebenden aber lauschten gebannt der Übersetzerin, als Eickhoff die Neuerscheinung vorstellte.

Der Kölner Vereinsvorsitzende und Jugendpfarrer Werner Völker hat einen Text über die verdrängten Leiden der russischen Zivilbevölkerung beigesteuert: "Sie haben jahre- und jahrzehntelang geschwiegen, denn niemand wollte von ihren Erlebnissen hören - sie passten nicht in die offizielle Historiographie. Um so mehr sollten sie heute Gehör finden!" Tränen flossen, das Lokalfernsehen filmte.

Da kam sie wieder hoch, die Erinnerung an den 23. August 1942, als die deutschen Bomben auch die petrochemischen Anlagen am Ufer des russischen Schicksalsflusses zerstörten: "Das Öl fing Feuer," erinnert sich Lidija Wassiljewna, und "die Wolga brannte... Mama packte mich... Rundherum Stöhnen, Hilferufe, Explosionen und das Heulen der Flugzeuge... Das Ufer war das Ufer des Todes. Die einen klammerten sich an Booten fest, die anderen an Brettern."

Dem Bericht von Lidija Wassiljewna verdankt das Buch aus Köln seinen Titel: "...und die Wolga brannte".

Im zweiten Teil lesen Sie, wie die russischen Kinder das Grauen der Schlacht erlebten

"Wek, wek, russisch Schwein!"

Fast alle Wolgograderinnen und Wolgograder, die jetzt ihre Kindheitserinnerungen niedergeschrieben haben, erzählen von dem Hungersnöten in der umkämpften Stadt. "Wir ernährten uns von verbranntem Weizen, den meine Eltern unter Lebensgefahr besorgten," notierte Galina Grigorjewna: "Wasser holten sie aus den Gräben, es war bitter und eklig, es wurde einem schlecht davon, und meiner Schwester rann sogar Blut aus dem Hals."

Die Familie von Konstantin Dmitrijewitsch lebte zeitweise nur von Rinderhäuten: "Wir schnitten die Haut in Stücke, sengten die Borsten über dem Herd ab, danach kochten wir daraus eine Suppe. Wenn sie kalt wurde, hatte sie eine dunkle, schwarze Farbe."

In den Trümmern der verwüsteten Stadt machten die Kinder beim Holzsuchen grausame Entdeckungen. Die kleine Wera Dmitrijewna fand eine "schwarzblaue weibliche Hand mit vertrockneter Haut und einem Ring am Finger" - "anscheinend hatte die Frau versucht, sich aus den Mauern des Hauses zu befreien, die sie bedeckten, aber sie hatte es nicht geschafft."

Die Erinnerungen der russischen Autoren an Begegnungen mit deutschen Landsern beeindruckten durch "Genauigkeit und differenzierte Darstellung", urteilt Frauke Eickhoff: "Das Grauen der Schlacht wird ebenso geschildert wie Beispiele menschlicher Gesten."

Wladislaw Iwanowitsch beschreibt, wie er als Kind deutsche Soldaten um ein Stück Brot anbettelte. Einer habe gerufen: "Wek, wek, russisch Schwein!" Ein anderer aber "beugte sich über das Geländer und warf uns die Reste seines Butterbrotes hin... Im Handumdrehen hatte ich das Stückchen heruntergeschluckt. Im Mund blieb lange der Geschmack des salzlosen fettgetränkten Weißbrotes."

Als Hitlers Soldaten, eingekesselt von der Roten Armee, schließlich selber zunehmend unter Dauerfrost und Nachschubmangel litten, habe sich ihr Verhalten geändert, schreibt Konstantin Dmitrijewitsch: "Die Deutschen, verlaust, verhungert, durchgefroren von Kälte und dem starken Wind, wurden wie wilde Tiere. Alle warmen Sachen, die sie den Bewohnern abnehmen konnten, nahmen sie für sich. Die Deutschen trugen die Schultertücher von Frauen, die zu Decken zusammengebunden waren."

Im Januar 1943 starb die Mutter des kleinen Konstantin an Unterkühlung und Unterernährung: "Irgendwie zogen wir sie heraus, legten sie auf den Schnee neben die Wand eines zerstörten Gebäudes, bedeckten sie mit Lumpen und dann mit Schnee." Bald darauf erkrankten seine kleinen Geschwister Schenja und Galja: "Fast unhörbar baten sie um etwas zu essen, aber es gab nichts zu essen. So starben sie in derselben Minute. Wir legten sie neben unsere Mutter, bedeckten sie mit Schnee."

Der SS-Mann schwang die Peitsche

Wladimir Terentjewitsch beschreibt, wie die jungen Russen zu den Zügen getrieben wurden, die sie in die Zwangarbeitslager transportierten: "Verletzte konnten nicht mitgehen, sie wurden erschossen, Alte ebenso, viele Schwache blieben in der Steppe. Wasser gab es nicht, wir tranken aus Pfützen, wenn es welche gab. Dafür bekamen wir Schläge mit dem Gewehrkolben."

Der Hunger blieb ihr Begleiter, als sie nach ihrer Verschleppung aus Stalingrad in deutschen Rüstungsfabriken Zwölf-Stunden-Schichten absolvieren mussten: "Am schwersten war es, nachts zu arbeiten," schreibt Ljudmila Jakowlewna, "zu essen gab es nichts. Es war eine schreckliche Prüfung, Deutsche essen zu sehen. Sie brachten das Essen in speziellen Behältern. Vom Geruch wurde uns fast schwindlig."

"Viele kippten vor Schwäche an ihren Arbeitsplätzen um," berichtet Nadjeschda Panitsch. "Viele kamen nicht mehr nach Hause... Sie wurden zu Tode gequält von der Gestapo, oder sie sind an Krankheiten und Hunger gestorben." Das Lager in Teltow bei Berlin, in dem sie lebte, war mit drei Reihen Stacheldraht gesichert. Der SS-Lagerchef traktierte die Arbeiterinnen mit seiner Peitsche.

Im dritten Teil schildert Frauke Eickhoff, wie sich Russen und Deutsche über Massengräbern versöhnen

"Diese Wärme, diese Herzlichkeit"

Trotz der düsteren Erfahrungen, urteilt Frauke Eickhoff, spreche "aus vielen Briefen eine große Bereitschaft zur Versöhnung". Dieser Einstellung begegneten ihre Mitstreiter vom Partnerschaftsverein schon bei vielen ihrer Begegnungen mit Wolgogradern: "Wenn die Erinnerung hochkommt, spritzen die Tränen, aber dann wird man in den Arm genommen - diese Wärme, diese Herzlichkeit!"

Versöhnung hinweg über Massengräber - darauf setzt auch Nadeschda Mitjukowa, ehemalige Deutschlehrerin und Vorsitzende des Vereins "Kinder der Heldenstadt Stalingrad". Sie hat als Kind die gefangenen Deutschen leiden sehen: "Sie sahen so schlecht aus, waren hungrig, hatten keine Winterkleidung, und es war doch so kalt. Mir taten diese Gefangenen sehr leid...Ich fühlte keinen Hass. Ich hatte Mitgefühl, weil sie doch auch nur einfache Menschen waren."

Wera Dmitrijewna Scholobowa - die als Kind den abgerissenen Kopf ihrer Tante am Haken schaukeln sah - schrieb der Vereinsfrau Eickhoff nach Köln: "Nicht Sie und ich haben diesen schrecklichen Krieg begonnen; zu dieser Zeit waren wir Halbwüchsige, aber wir waren in der Lage, diese sinnlose Grausamkeit, die der Krieg hervorbrachte, einzuschätzen, und wir haben nicht das Recht, sie zu vergessen."

Marmorkuchen und bleiche Skelette

Wann immer Austauschschüler aus Deutschland nach Wolgograd fahren, bekommen sie im Kriegsmuseum die Überbleibsel der großen Schlacht zu sehen: Waffen und Stiefel, rostige Helme und bleiche Skelette in zerfetzten Uniformen. Doch in der Stadt, in der einst mörderischer Hunger Abertausende in den Tod trieb, stoßen sie immer wieder auf überwältigende Gastfreundschaft.

"Ich habe mich selten irgendwo so wohlgefühlt, und so ging es fast allen," berichtet eine Schülerin aus Rodenkirchen in der Mitgliederzeitschrift des Partnerschaftsvereins über Ferien in Wolgograd: "Seit einem Jahr sollen die Gastfamilien gespart haben, um uns so bewirten zu können, wie sie es letztendlich taten. Süßigkeiten, Gebäck, Obst und vieles mehr wurden mir zu jeder Tages- und Nachtzeit kredenzt... und es war alles so lecker. Kein Wunder, dass ich nicht die einzige war, die zugenommen hat. 'Ich bin satt' ... wie oft habe ich diesen Satz wohl ausgesprochen?"

Der Vater der Gastgeberfamilie, ein Ingenieur, "hat gekocht, wenn ich aufstand, tütenweise Picknick gepackt, wenn ich das Haus verließ, und den Tisch reichlich gedeckt, wenn ich abends von meinen Exkursionen heimkehrte. Obwohl ich mich dagegen wehrte, wurde fast bei jeder Mahlzeit ein frisches Brot angeschnitten, da das alte vielleicht nicht mehr ganz frisch war. Am letzten Abend bemerkte ich, dass das rechteckige Stück Marmorkuchen, das ich gegessen hatte, aus der Mitte des Kuchens herausgeschnitten war."

Bewegt auch von solchen Eindrücken, wünscht sich die Kölnerin Eickhoff (Motto: "Durch Erinnerung der Versöhnung dienen"), dass das Stalingrad-Buch ihres Vereins starke Resonanz findet. Allzu optimistisch jedoch scheint sie nicht zu sein: Von ihrem 320-Seiten-Werk über die Leidtragenden der deutschen Bombardierung Stalingrads sie zunächst vorsichtshalber nur 300 russische und 500 deutschsprachige Exemplare drucken lassen.

Zum Vergleich: Der Bestseller "Der Brand", der von den Leiden der Deutschen unter angloamerikanischen Bombenteppichen handelt, ist in der Bundesrepublik binnen weniger Wochen weit über 100.000 mal verkauft worden.


Das Buch "...und die Wolga brannte - Überlebende aus Stalingrad erinnern sich" ist kostenlos erhältlich (Spende erbeten) beim Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Köln - Wolgograd e. V., c/o Ev. Jugendpfarramt, Kartäuserwall 24 b, 50678 Köln, Telefon 0221- 2220542, E-Mail wolgograd@netcologne.de