Schönheitsideale in Apps Im Internet sind alle schön

Tech-Firmen wie Samsung oder Snapchat prägen mit ihren standardisierten Beauty-Filtern das Bild von Schönheit. Weil so viele Menschen sie benutzen, erhöht sich der Druck auf den Einzelnen, mitzuhalten.

Unbearbeitetes Foto der Autorin und die optimierte Version (rechts)
SPIEGEL ONLINE

Unbearbeitetes Foto der Autorin und die optimierte Version (rechts)

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Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Oder wird von Samsung bewertet: Der Smartphone-Hersteller hat in seiner Kamera-App einen "Beauty-Face-Modus" integriert, der die Selfies der Nutzer verschönern soll.

Samsung gibt seinen Kunden die Möglichkeit, ihre Augen zu vergrößern, das Gesicht zu verschlanken und die Haut weichzuzeichnen. Was früher Prominenten vorbehalten war, kann heute jeder. Einen professionellen Grafiker, der einem die Pausbacken und den dicken Pickel am Kinn wegretouchiert, braucht heute niemand mehr anzuheuern. Foto-Apps erledigen den Job automatisch. Weil sie nach den immer gleichen Vorgaben optimieren, produzieren sie ein standardisiertes Bild von Schönheit - Nutzer kann das unter Druck setzen.

Mit der richtigen App können alle schön sein

Auch Snapchat bietet seinen Nutzern einen Beauty-Filter mit vorgefertigten Schönheitsvorstellungen an - ähnlich denen von Samsung. Das geschönte Selfie kann so weit gehen, dass manche Frauen mit den veränderten Gesichtern kaum noch wiederzuerkennen sind. Im Falle der amerikanischen Serienschauspielerin Laverne Cox dachten andere Nutzer sogar, sie habe sich operieren lassen. Cox' schmale Nase ließ sich aber mit Snapchats Beauty-Filter erklären.

Das führt vor Augen, wie stark Technologiefirmen in das Online-Aussehen ihrer Nutzer eingreifen können. Nach welchen Regeln die Beauty-Funktionen Gesichter optimieren sollen, bestimmen die Hersteller. Das Schönheitsideal stammt dabei in der Regel aus der westlichen Welt: schlank, schmales Gesicht, schmale Nase, große Augen. Eben wie ein Snapchat-Filter.

Technologien manifestieren Schönheitsideale

Erst kürzlich sorgte ein Online-Schönheitswettbewerb für Aufsehen, bei dem ein Algorithmus die Gesichter von Menschen beurteilte: Unter den Gewinnerinnen und Gewinnern fanden sich fast ausschließlich Weiße - obwohl sich eine bunte Mischung an Menschen angemeldet hatte.

Die Wissenschaftler, die den "AI.Beauty Contest" ausgerichtet hatten, gaben zu, dass die Gründe dafür auch bei der Personalauswahl zu finden seien, als es noch ums Programmieren ging: Eine sehr homogene Gruppe von weißen Menschen hatte den Algorithmus entwickelt.

So erklärt auch der Psychologe und Attraktivitätsforscher Martin Gründl, dass die künstliche Intelligenz sich bei dem Wettbewerb an weißen Schönheitsvorstellungen orientiert hat. "Weiße bevorzugen eher weiße Gesichter, Schwarze bevorzugen eher schwarze und Asiaten eher asiatische Gesichter. Es ist einfach so, dass man die eigene ethnische Gruppe bevorzugt."

Selbstoptimierung durch Filter und Beauty-Modes

Doch auch nichtweiße Frauen benutzen die westlich geprägten Beauty-Filter und legen damit über ihre Gesichter eine dicke Schicht stereotyper Schönheitsvorstellungen. Dass das westliche Schönheitsideal vielerorts auf dem Vormarsch ist, liegt vermutlich daran, dass es durch die Medien verbreitet wird - das Internet eingeschlossen. Schon lange dominieren amerikanische Serien und Blockbuster, die sehr schlanke Menschen zeigen, den internationalen Markt.

Die Schönheitsfilter der Apps und Smartphones erleichtern es, mitzuhalten. Sie verändern aber laut Attraktivitätsforscher Gründl nicht die Schönheitsvorstellungen als solche. Makellose Haut etwa galt auch schon früher als attraktiv. Technik macht es nur leichter, sich anzupassen. Die Filter und die allgegenwärtigen aufgehübschten Fotos könnten Menschen aber auch unzufriedener machen, mit sich oder dem Partner, glaubt Gründl. Die Anwendungen könnten unter Umständen auch Essstörungen begünstigen.

Denn neu ist, dass man es sich online kaum noch erlauben kann, ein ganz natürliches Bild zu posten. "Das ist wie bei Passfotos: Wenn es Standard ist, dass jeder sein eigenes Aussehen bei Fotografen schon optimieren lässt und jeder makellose Haut hat, dann setzte einen das unter Zugzwang", sagt Gründl.

Der Wunsch nach Schönheit bringt den Firmen Umsatz

Und die Möglichkeiten der digitalen Optimierung sind noch nicht ausgereizt: In den USA bietet Snapchat in Kooperation mit Loréal einen gesponsorten Filter an, der einem den perfekten Lidstrich übers Auge setzt. Eine Firma macht Geld mit Augmented-Reality-Spiegeln, mit denen Frauen das beste Make-up testen können. Der Markt ist riesig: Allein die US-Kosmetikindustrie wird in diesem Jahr schätzungsweise 62 Milliarden Dollar einnehmen - von einer überwiegend weißen Zielgruppe.

Doch mit dieser Vereinheitlichung gemäß westlicher Vorstellungen hinken die Technologiefirmen dem aktuellen Schönheitsverständnis hinterher, glaubt Teresa Bücker, Redaktionsleiterin des Online-Frauenmagazins "Edition F". Als Beispiel nennt sie das Video zur Herbstkampagne von H&M:

Das Video des Bekleidungsherstellers zeigt Frauen aller Couleur: schwarze und weiße, manche davon mit Bauchspeck, manche mit Glatze, andere mit Achselhaar. Eine Stimme singt dazu "She's a Winner". Im Internet war das Video sehr erfolgreich und wurde viel geklickt. Bücker glaubt daran zu erkennen, dass die Normierung auf ein ideales Schönheitsbild keinen Sinn macht: "Sie wird von den Nutzern so auch nicht nachgefragt."

Den gleichen Konstruktionsfehler hätten auch viele Apps, ärgert sich Feministin Bücker. "Das ist zum einen rassistisch, aber es ist auch ein Fehler in der Vermarktung, weil hier gar nicht das Marktpotenzial erkannt wird." Dabei wäre das doch ein gutes Argument für die Tech-Branche, auch die Vorstellungen von Nichtweißen in Betracht zu ziehen. Die Vorstellungen von Schönheit in der Tech-Branche müssen also wirklich sehr verhärtet sein.



insgesamt 22 Beiträge
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MerlinXX 03.10.2016
1. Viel interessanter als das eigentliche Thema
Wenn Sie über den letzten Satz nachdenken haben Sie übrigens auch die Antwort auf die Frage, warum es Rassismus gibt: "So erklärt auch der Psychologe und Attraktivitätsforscher Martin Gründl, dass die künstliche Intelligenz sich bei dem Wettbewerb an weißen Schönheitsvorstellungen orientiert hat. "Weiße bevorzugen eher weiße Gesichter, Schwarze bevorzugen eher schwarze und Asiaten eher asiatische Gesichter. Es ist einfach so, dass man die eigene ethnische Gruppe bevorzugt."
fitzke 03.10.2016
2. Frau Sickert
Liebe Frau Sickert, machen Sie sich nicht zu viel Zweifel, Sie sind ein schöner Mensch, Sie brauchen diese Software nicht.
Alexx Jacobson 03.10.2016
3.
Ich sehe Bildbearbeitung bei Portraits nicht nur negativ. Ein zufälliger Pickel gehört ja gar nicht permanent zum Gesicht, warum müsste man in 10 Jahren auf einem Foto noch an diesen Pickel erinnert werden? DIe meisten Menschen sehen sich selbst vielleicht als etwas attraktiver als Unbekannte sie beurteilen würden, aus verschiedenen Gründen. Die immer höheren Kameraauflösungen bringen jede Unebenheit brutal zum Vorschein, viel genauer als unser flüchtiger Blick wahrnehmen würde oder in früheren Zeit vom analogen Film leicht verwischt wurde. Ein kleines bisschen nachzuhelfen kann daher das Selbstbild auch positiv beeinflussen wenn das Foto dann besser zum inneren eigenen Bild passt. Wie immer übertreiben es automatische Filter dabei und lehnen sich zu weit in Richtung Kindchen-Schema. Ich nutze eine Profi-Software und verzichte auf die Möglichkeit die Gesichtszüge zu verändern, nur quasi ein wenig digitales Make-Up. Das Ergebnis sind objektiv geschönte aber natürliche Bilder, so als hätte man sich einfach am optimalen Tag mit aufwendiger Vorbereitung fotografiert.
crazy_swayze 03.10.2016
4. Huhn oder Ei?
Benutzen die Menschen die Filter, weil sie sie schön finden, oder finden die Menschen den Filter schön, weil ihn so viele Menschen benutzen? Ich behaupte ja ersteres. Weswegen eine Prägung der Schönheit Blödsinn ist. Es gibt nur Frauen, die jeden möglichen Trend mitmachen wollen - das ist ein Unterschied.
moebiuz1980 03.10.2016
5. Schönheitsideal
Wie kommen Sie darauf, dass das vorherrschende Schönheitsideal nur bei weißen gilt? OKCupid hat das Nutzerverhalten von Millionenen Singles ausgewertet - demnach stehen auch Farbige und Asiaten auf diese Merkmale. Ich vermute, dies widerspricht Ihrer PC-Weltanschauung. Diese elende Meinungsindoktrination nervt....bitte berichten Sie objektiv! Aber es darf ja nicht wahr sein was nicht wahr sein soll!
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