Schulmassaker in Finnland "Du stirbst als nächstes"

Schauriges Vermächtnis im Internet: Auf Fotos und Videos im Netz posiert der Amokläufer von Kauhajoki mit seiner Waffe. Die Dateien passen in ein bekanntes Muster - das Massaker an der Columbine Highschool im Jahr 1999.

Von


Einmal mehr hat sich ein aggressiver junger Mann geradezu buchstabengetreu an das informelle Handbuch für Amokläufer gehalten. Zehn Menschen tötete der Schul-Amokläufer im finnischen Kauhajoki, sich selbst verletzte er mit einem Kopfschuss schwer. Stunden später erlag er seinen Verletzungen.

Am Dienstag stellte sich heraus: Zuvor hatte er seine Tat im Internet angekündigt und ein Vermächtnis aus Fotos und Videos hinterlassen. Einem aktuellen Zeitungsbericht zufolge war der Mann bereits polizeibekannt: Am gestrigen Montag erst soll er wegen seiner Waffenvideos bei Youtube von der Polizei befragt worden sein. Die finnischen Beamten konnten dem Bericht zufolge aber keinen Handlungsbedarf feststellen - eine fatale Fehleinschätzung.

Die Clips, die von dem mutmaßlichen Täter stammen, Fotos und Texte in einem YouTube-Profil und andernorts im Netz, passen in ein bekanntes, immer wieder verstörendes Raster. Es ist bekannt seit dem Massaker an der Columbine Highschool in Littleton im US-Bundesstaat Colorado im April 1999. Damals ermordeten zwei Schüler 13 Menschen.

Die Eckpunkte dieses Rasters sind immer die gleichen. So trug der mutmaßliche Täter in Kauhajoki auf seinen ins Netz gestellten Fotos überwiegend schwarze Kleidung und zelebrierte seinen Waffenfetischismus. Er gab als Hobbys "Computer, Waffen, Sex und Bier" an, er mochte brutale Horrorfilme, harte Gitarren- und düstere Industrialmusik. Mit zu seinem Plan gehörte es, die Tat kurz vorher anzukündigen - und leicht auffindbare "Medienpakete" zu hinterlassen, damit sein Täter-Nachruhm gesichert sei. Auf seinen Fotos und Videos feiert der mutmaßliche Amokschütze sich selbst als Rächer, als Kämpfer gegen eine vermeintlich verweichlichte Gesellschaft - so wie seine Vorbilder von Littleton bis Emsdetten. Im westfälischen Emsdetten verletzte ein ehemaliger Schüler im November 2006 mehrere Menschen und erschoss sich anschließend.

"Dies ist Krieg!"

Die inzwischen gesperrte YouTube-Profilseite des mutmaßlichen Täters von Kauhajoki zierte ein Auszug aus dem Text eines Songs des deutschen Musikers Rudy Ratzinger, der unter dem Namen "Wumpscut" seit vielen Jahren Industrial-Songs mit teils sehr bösen Texten macht. Die im Original englischsprachige Strophe endet mit den Worten (Übersetzung der Red.): "Das ganze Leben ist Krieg und das ganze Leben ist Schmerz, und Du wirst alleine kämpfen in deinem persönlichen Krieg. Krieg. Dies ist Krieg!"

Die finnische Zeitung "Iltalaehti" hat inzwischen von einer Quelle aus der Verwaltung Kauhajokis die Bestätigung erhalten, dass die Videos und Fotos tatsächlich von dem mutmaßlichen Täter stammen.

Er hatte am Dienstagmorgen auf einer Web-Seite eine Botschaft hinterlassen: "Massacre in Kauhajoki". Die betreffende Webseite wurde inzwischen gelöscht, Screenshots davon kursieren aber weiterhin im Netz. Drei Fotos, auf denen der junge Mann mit seiner Waffe von oben in die Kamera zielt, wurden am Dienstagmorgen gegen 10.15 Uhr online gestellt - eine gute Stunde, bevor die Schießerei in der Schule in Kauhajoki begann.

"Ich und meine Walther P 22"

Auf der Youtube-Seite waren vor der Sperrung mehrere Videos zu sehen, in denen der 22-Jährige sein Waffe an einem Schießstand abfeuert. In einem auf einer Filesharing-Seite abgelegten Paket mit Dateien befinden sich neben mehreren Bildern, auf denen er mit seiner Waffe posiert, auch mehrere Videos. Darunter eines mit dem Titel "Ich und meine Walther P22 beim Zielschießen", eines, in dem er sagt "You will die next" ("Du stirbst als nächstes"), und dann knapp an der Kamera vorbeischießt. In einem weiteren Clip feuert er mehrere Schüsse ab, geht dann auf die Kamera zu und sagt "Good Bye".

SPIEGEL ONLINE
Ein SchwarzweißfFoto zeigt einen Waffenkoffer mit einer Automatikpistole, einem Magazin, Zielvorrichtung und Schalldämpfer. Überschrieben ist das Bild mit der Frage (Übersetzung der Red.) "Mitleid mit der Mehrheit?" Ein am Computer nachbearbeitetes Bild mit blutrotem Hintergrund zeigt den jungen Mann von hinten, neben ihm prangt der Schriftzug: "W. on his way to hell" ("W. auf seinem Weg in die Hölle"). Dieses Bild wurde bereits Anfang August hochgeladen. Zu etwa dieser Zeit soll der Mann finnischen Medienberichten zufolge auch die Waffe erworben haben - das gleiche Modell, das auch der finnische Amokläufer benutzte, der im November 2007 im Jokela-Gymnasium von Tuusula acht Menschen und dann sich selbst tötete

Internationaler Code für Amoktäter?

Wenn sich die Information bestätigt, dass es sich bei dem Ersteller dieser Seiten und Dateien um den mutmaßlichen Täter handelt, zeigt sich hier erneut, dass es inzwischen eine Art internationalen Code für derartige Amokläufe gibt - nahezu alle beziehen sich auf das Schulmassaker von Littleton.

Amokläufer in Montreal, Erfurt und Emsdetten haben seitdem ebenfalls Schwarz getragen, verwiesen auf ähnliche bevorzugte Bands und ähnliche Filme, inszenierten sich zum Teil selbst auf Web-Seiten, in Videos oder Fotos als finstere Rächer, die der in ihren Augen schwächlichen Menschheit Schaden zufügen wollen. Das Gleiche gilt für den vorletzten finnischen Amokläufer: Pekka-Eric Auvinen, der im November 2007 im Jokela-Gymnasium von Tuusula acht Menschen und dann sich selbst tötete. Auch er hinterließ ein umfangreiches digitales Vermächtnis.

Die Mörder von der Columbine Highschool haben im April 1999 eine Art Raster für Amokläufe geschaffen, eine Ikonografie von Verzweiflung und rücksichtsloser Gewaltbereitschaft, auf die sich andere nun beziehen, wieder und wieder. Kauhajoki ist der jüngste Name in einer langen Reihe. Es ist zu befürchten, dass er nicht der letzte bleiben wird.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.