Schwulen-Outer Rogers Blogger gegen die Bigotten

Von , New York

2. Teil: Die schwulen Rendezvous des Abgeordneten - das Outing geht weiter


Mike Rogers stand am Anfang einer Kette von Ereignissen, die im August mit Craigs Rücktrittserklärung endete. Er fühlt Genugtuung: "Wer steckte hinter der ganzen Story?", triumphiert er. "Ich!"

Das mag kühl klingen, wo es doch um eine Karriere und eine Familie geht, doch Rogers hat keine Skrupel. "Craig hat sich stets auf den Rückhalt von Idahos 'Wertewählern' verlassen, aber er hat sie über sich selbst belogen."

Klartext: Heimliche Schwule, die nach außen hin Schwulenhasser spielen, haben kein Anrecht auf Nachsicht. Diese Argumentation trifft den Kern der Debatte um erzwungene Outings - die auch bei Homosexuellen umstritten sind. Für einige ist ein solches Vorgehen eine Verletzung der Privatsphäre, für andere ein legitimes Kampfmittel gegen Heuchler. Das US-Schwulenmagazin "Out" zum Beispiel outete im Mai auf seinem Cover die Schauspielerin Jodie Foster und den CNN-Anchorman Anderson Cooper und erntete bitterböse Leserpost - von Stammlesern.

"Ich erstatte nur Bericht"

Rogers findet "Outing" als Ausdruck eigentlich zu negativ und zieht "Reporting" vor. "Ich erstatte Bericht", sagt er. "'Outing' ist beliebig, wahllos, zum Beispiel wenn man einen Schauspieler outet. Das würde ich nie tun. Ich kümmere mich nur um Politiker, die Schwulen das Leben schwer machen und dabei selbst schwul sind."

Er tut das als Erster mit einer mächtigen publizistischen Waffe, die ihm alle Freiheiten gibt: einem Blog. 3000 bis 4000 Besuche verzeichne er im Schnitt pro Tag, sagt er. Nur zu Skandalzeiten schnellen die Zahlen nach oben; im Fall Craig habe er bis zu 100.000 Besucher am Tag gezählt. Die Seite finanziere sich über Werbung, sei aber nicht profitabel - Rogers unterhält nebenher eine Medienfirma und eine Info-Website. Er ist inzwischen ein Star der Szene geworden; kürzlich traf sich ein "Washington Post"-Videoblogger eigens mit ihm zum Gespräch:

Begonnen hat er seinen Blog vor drei Jahren. Im Juni 2004 erwog der damals republikanisch dominierte Senat eine Verfassungsänderung, um die Schwulenehe zu verbieten und damit die christliche Parteibasis zu mobilisieren. Rogers ärgert sich heute noch darüber: "Ich fand das unakzeptabel." Also verteilte er Flugblätter in der Szene Washingtons, schaltete auf Gay.com eine Anzeige und bat um anonyme Hinweise auf schwule Republikaner.

Er konnte sich vor Zuschriften kaum retten. Jedem Hinweis telefonierte er hinterher, traf sich oft auch mit Quellen. Sein Verifizierungsprinzip: "Sobald ich ein gutes Gefühl habe, drücke ich auf die Sendetaste." Fehler dürfe er sich dabei nicht leisten: "Eine Falschmeldung, und ich bin weg vom Fenster."

Viele seiner Opfer haben dementiert, andere haben sich später als schwul bekannt, etwa der frühere Kongressmitarbeiter Kirk Fordham. Aber keiner vermochte Rogers je gerichtlich zu widerlegen.

Als Ersten erwischte es Ed Schrock. Der Republikaner hatte aktiv gegen Schwule agitiert und kämpfte 2004 um seine Wiederwahl. "Der Abgeordnete Ed Schrock hat sich Rendezvous mit schwulen Männern zur Gewohnheit gemacht", schrieb Rogers in jenem August und schmückte seinen Blog mit Audio-Dateien, angeblich Schrocks Anrufe bei einem Sex-Telefondienst. Zwei Wochen später gab der Mann seinen Wahlkampf auf.

"Amerikaner sind von Sex besessen"

2005 schoss sich Rogers auf Mark Foley ein, lange bevor dessen anzügliche Korrespondenz mit den Kongresspagen publik wurde. Immer mehr Namen fanden sich auf Rogers' Liste: Abgeordnete, Kongressmitarbeiter, Berater im Weißen Haus. Als Zugabe setzte Rogers ein paar Demokraten drauf - etwa den New Yorker Ex-Bürgermeister Ed Koch, der sich schon 1977 gegen den Slogan wehrte: "Wähle Cuomo, nicht den Homo."

Dass sich viel mehr Republikaner auf seiner Liste finden als Demokraten, "hat nichts mit Parteilichkeit zu tun", schwört Rogers, selbst ein Demokrat. Sondern mit dem Phänomen, dass sich viele Schwule in ihrer Selbstverleugnung lieber im konservativen Mantel versteckten.

Rogers eigene Homosexualität wurde nicht so brutal ans Licht gezerrt. Aufgewachsen in New York, sagte er eines Tages als Student einfach: "Ich bin schwul." Er engagierte sich in der Schwulenbewegung, arbeitete bei der Harvey Milk School - einer High School für Schwule und Lesben in Manhattan - und heuerte 1996 in Washington bei der US-Schwulenlobby National Gay and Lesbian Task Force an. Soziale Scheinheiligkeit war ihm immer zuwider, vor allem so "hasserfüllte" wie bei homophoben Politikern. Warum ausgerechnet die USA bei Schwulenrechten heute noch so weit zurückbleiben, ist ihm ein Rätsel: "Amerikaner sind von Sex besessen und spielen gleichzeitig die Puritaner."

100.000 Blog-Besucher am Tag

Letzteres will er ihnen mit seinem Blog verderben. Es stört ihn wenig, dass er sich dabei nicht nur den Hass der Rechten zuzieht - ein Kongressmitarbeiter nannte ihn "Satan", andere halten ihn für einen "Erpresser" und "Verbrecher" -, sondern auch den etablierter Schwulen-Organisationen wie des Gay, Lesbian and Allies Senate Staff Caucus (GLASS), der homosexuelle Angestellte des Senats vertritt. Dan Gurley, ein Ex-Parteifunktionär, findet Rogers "verabscheuungswürdig". Rogers hatte ihn geoutet und um seinen Job gebracht.

Larry Craig war "nicht der Erste und nicht der Letzte", droht dagegen Rogers. "Ich habe Volksvertreter aus dem ganzen Lande in petto." Mehr wolle er jedoch noch nicht sagen.

"Wir haben ja bald eine große Wahl."



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