Scientology macht Werbung auf Twitter – Was dahinter steckt

Scientology Hamburg spielt die Sache schon mal runter.
Von Nora Noll und Marc Röhlig

Dieser Beitrag wurde am 29.08.2016 auf bento.de veröffentlicht.

Auf Twitter gibt es seit einigen Tagen "den wohl genauesten und verlässlichsten Persönlichkeitstest" – ein von der Sekte Scientology geschalteter gesponserter Post. Die Anzeige wird Twitter-Nutzern prominent angezeigt. Wer auf den Link klickt, kommt auf eine Seite, die mit einem Test aufzeigen will, wie sehr "Glück und Erfolg Ihr Leben bestimmen".

Interessierte müssen ihre Adresse nennen, dann können sie den Test machen. Der Haken: Das Ergebnis erfahren sie nur bei einem persönlichen Gespräch in einer Scientology-Kirche.

Dass Scientology nun auf Twitter werben darf, macht die Nutzer wütend:

Der Test ist die gängige Falle der Sekte, um neue Mitglieder anzulocken. Die Anzeige wurde im gesamten deutschsprachigen Twitter ausgespielt. Neben dem Persönlichkeitstest gibt es auch eine Website, die über Scientology sagen wir mal: aufklären will.

Was genau ist Scientology?

Die Sekte bezeichnet sich selbst als religiöse Bewegung, ihre Lehren fußen auf den Büchern des Selbsthilfeautoren L. Ron Hubbard. Mitglieder glauben an eine unsterbliche Seele und die Präsenz eines bösen intergalaktischen Herrschers. Gerade in den USA ist die Sekte sehr bekannt und erfolgreich. Tom Cruise und John Travolta zählen zu den prominentesten Mitgliedern, weltweit soll Scientology rund 50.000 Anhänger haben ("The Atlantic" ).

Neuzugängen verspricht die Sekte ein verbessertes Leben, ausrechnen wollen sie das mit psychologischen Tests. Aussteiger hingegen berichten von einem Mafia-ähnlichen System, das einzelne Mitglieder in den finanziellen Ruin treibt ("Frankfurter Allgemeine" ).

In Deutschland wird Scientology vom Verfassungsschutz beobachtet. Der Sekte werden anti-demokratische Bestrebungen zugetraut (Hamburger Verfassungsschutz ).

In der Fotostrecke – Diese Promis sind bei Scientology:
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Scientology Promis

Warum schaltet Scientology jetzt Anzeigen auf Twitter?

In der Scientology-Zentrale in der Hamburger Altstadt sitzt Pressesprecher Frank Busch in seinem Büro und lacht bei der Frage. "Wir gehen mit der Zeit, das ist doch normal", sagt er. "Wir sind ein Werbekunde wie andere Organisationen auch."

Der Scientologe sitzt in einem großen Raum mit Bildtafeln, die die Praktiken der Sekte anpreisen. Die Social-Media-Strategie von Scientology werde international gesteuert, neben Twitter sei Scientology auch auf Facebook mit mehreren Seiten unterwegs, sagte er. Eigens dafür wurde in diesem Jahr "Scientology Media Productions" gegründet, ein "völlig neu konzipiertes Film- und Fernsehstudio" in Los Angeles.

Dennoch scheint Busch das Gefühl zu haben, die Twitter-Werbung verteidigen zu müssen: Scientology berufe sich auf die Religionsfreiheit, festgeschrieben in Artikel 4 des Grundgesetzes – man könne die Werbung demnach rechtlich nicht anfechten. Und jugendgefährdend sei es auch nicht: "Niemand unter 18 Jahren kann Mitglied ohne Einwilligung der Eltern werden."

Will Scientology mit der Social-Media-Strategie neue Zielgruppen erreichen? Die Mitgliederzahlen sinken jedenfalls. Vor acht Jahren hatte Scientology Deutschland mehr als 5.500 Mitglieder, heute sind es nur noch rund 3.500 ("Abendblatt "). "Ich tue mich schwer mit dem Thema Mitgliederzahlen", antwortet Busch ausweichend. Als Mitglieder zählt er bereits diejenigen, die sich ohne Anmeldung online mit kostenlosem Material informieren.

Der Hamburger Verfassungsschutz sieht den via Twitter angebotenen Persönlichkeitstext als Falle. Scientology beanspruche ein Monopol auf jegliche psychologische Betreuung: "Mögen die Angebote im Internet, speziell in sozialen Netzwerken, noch so ansprechend, hipp und modern aussehen – Finger weg davon." (Hamburger Verfassungssschutz II )

Im Video – Wie Sekten funktionieren:
Warum erlaubt Twitter die Scientology-Werbung?

Twitter Deutschland verwies auf eine Anfrage von bento auf die amerikanischen Kollegen. Diese verwiesen wiederum auf die allgemeinen Werbe-Richtlinien . Darin heißt es, "dass der Werbekunde für den gesamten von ihm beworbenen Inhalt haftet. Dies umfasst auch die Einhaltung aller geltenden Gesetze". Ob es Ausschlusskriterien für bestimme religiöse Gruppen gebe, wollte die Twitter-Pressestelle nicht beantworten.

Eine Expertin im Interview – Wie gefährlich sind Sekten wirklich?
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