Zeitungsdebatte Springer loben!

Journalisten kritisieren den Springer-Konzern dafür, sich von seinen regionalen Tageszeitungen zu trennen. Springer handele nur konsequent, sagt der Medienunternehmer Sebastian Turner. Die Zeitungen seien in anderen Händen besser aufgehoben.

Deutschlands emotionalstes Medienhaus hat eine teilweise rationale Entscheidung getroffen. Seitdem werden dafür alle anderen Medien von ihren Gefühlen übermannt. Bitte googeln Sie dazu die umfangreichen Pressestimmen und lesen dann hier die weit weniger dramatische medienwirtschaftliche Seite.

Die Renditen sehr vieler Printmedien sind auch heute noch saftig höher als die von Handwerksbetrieben, Autozulieferern und Bierbrauereien. Darum hat der dem Geldverdienen nicht abgeneigte "WAZ"-Funke-Verlag zugegriffen, als jetzt gleich ein ganzes Paket von Printmedien auf den Markt kam. Auch die Zeitungsgruppen in Augsburg, Stuttgart, Hannover und Düsseldorf kaufen gerne zu. Ebenso der für seinen geradezu legendären Investoreninstinkt gepriesene Warren Buffet. Es gibt also nicht nur einen einzelnen verwirrten Verlag aus Essen, der Zeitungen verdaut, sondern gleich einen ganze Szene - sonst hätte Springer auch nicht fast eine Milliarde Euro für zwei Regionalzeitungen und einen Packen Zeitschriften für Frauen, Fernseher und Frauen, die fernsehen, bekommen.

Warum kaufen die Verlage und Buffet? Weil sie Wachstumschancen in Zeitungsketten sehen, wie es sie in den USA schon lange gibt (Gannett, Knight-Ridder, Tribune) Die starke Stellung von Regionalzeitungen in Deutschland (anders als in Großbritannien mit der dort dominanten Hauptstadtpresse) ist dafür wie geschaffen. Wer zum Beispiel eine Zeitung in Augsburg besitzt, der kann sich überall (außer in Augsburg) Zeitungen dazu kaufen, ohne dass das Kartellamt Einwände erhebt.

Der einzige Zeitungsverlag, der an dieser Konsolidierungswelle nicht teilnehmen kann ist: Axel Springer. Seine "Bild"-Zeitung ist die einzige deutsche Zeitung, die überall im Land mit einer relativ hohen Auflage erscheint und damit fast immer gemeinsam mit der jeweiligen Regionalzeitung ein Monopol darstellen würde - wie zum Beispiel in Hamburg mit dem dortigen (noch-Springer) Abendblatt. Damit war dem Verlag von "Berliner Morgenpost" und "Hamburger Abendblatt" jede weitere Zeitungsakquisition in Deutschland verwehrt.

Die Tatsache, dass Springer diese kartellrechtliche Grundeinschätzung inzwischen teilt und daraus die Konsequenzen gezogen hat, spricht dafür, dass sich das Medienhaus heute inzwischen nicht mehr in einer Ausnahmestellung sieht, die aufgrund ihrer enormen "Bild"-"BamS"-Firepower auf Extrawürste von der Politik hofft.

Diese Einsicht bei Springer sollte eigentlich von den Medienbeobachtern gelobt werden. Sie sollte erst recht von denen gelobt werden, die bislang der Meinung waren, dass Springer zu einflussreich ist. Jahrzehntelang wurde gefordert: Enteignet Springer. Jetzt gibt der Verlag Eigentum auf - und jetzt ist es auch wieder nicht recht. Das kann man wohl nur damit erklären, dass manch publizistischer Springer-Gegner im Augenblick des Verkaufs eine bislang verdrängte Solidarität der Printmacher verspürt und sich insgeheim mitverkauft fühlt.

Sehr viel berechtigter ist Kritik von Seiten der Springer-Mitarbeiter. Das Haus Springer hat sich immer durch einen ganz besonderen Korpsgeist (der Begriff ist hier besonders wenig unpassend) auszeichnet. Wer die Anfeindungen gegen die Springer-Presse kennt und trotzdem oder vielleicht sogar deshalb dort arbeitet, ist eine besonders loyale Haut. Die Springer-Mitarbeiter haben ihrem Haus die Treue gehalten und das Haus ihnen. Dieses Urvertrauen, das einen schwer zu beziffernden, aber hohen ökonomischen Wert darstellt, wurde bei allen Mitarbeitern erschüttert, auch bei denen, die in den verbleibenden Geschäftsbereichen arbeiten. Indem Springer dies in Kauf nimmt, wird der Verlag normaler und mindert seine Ausstrahlung als Arbeitgeber. Das ist in der Kreativwirtschaft besonders wenig förderlich.

Wer Springer aber vorwirft, das Unternehmen denke eiskalt nur an die Rendite, übersieht, dass der Verkauf eine ökonomisch nicht begründbare Seite hat: Springer behält die überregionale "Welt" - und das, obwohl durch den Verkauf der Regionalblätter die wirtschaftliche Basis der "Welt" noch geschwächt wird. Für die deutschen Überregionalen gilt bislang der Grundsatz: Ohne starke regionale Basis ist überregionale Qualität nicht bezahlbar.

Die "Süddeutsche" bezieht ihre Kraft aus der starken Stellung in München, die "FAZ" aus Rhein-Main ebenso wie die jüngst ihr zugeschlagene "Rundschau". Die "Welt" hat nach der Odyssee ihres Redaktionssitzes von Hamburg nach Bonn nach Berlin diese regionale Rückbindung erst durch die Verbindung mit der "Morgenpost" erhalten. Die "Morgenpost" zu verkaufen und die "Welt" zu behalten bedeutet: Springer bleibt ein emotionales Haus. Dann können alle anderen auch wieder zur Vernunft kommen.