Selbstbild der Filehoster "Wir sind auch Opfer"

Für die Filmindustrie ist die Sache klar: Sie sieht 1-Click-Hoster als kriminelle Unternehmungen. SPIEGEL ONLINE fragte bei den Marktführern Rapidshare und Megaupload nach, wie sie die eigene Rolle einschätzen und was sie auf die Vorwürfe der Rechteinhaber zu entgegnen haben.
Von Jan Mölleken
Rapidshare-Spinoff RapidGames: Bemüht um legale Nutzung?

Rapidshare-Spinoff RapidGames: Bemüht um legale Nutzung?

Über sie werden Filmdateien, Serienfolgen und Musik in großem Stil verschoben - doch sie sind sich keiner Schuld bewusst. Wer jedoch annimmt, dass es sich bei 1-Click-Hostern wie Rapidshare oder Megaupload um bloße Briefkastenfirmen handelt, irrt. Tatsächlich antworteten beide Unternehmen auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE. Bei der Kontaktaufnahme herrschte allerdings Vorsicht. Ein klassisch geführtes Interview lehnten beide Firmen ab, man werde die Fragen per E-Mail beantworten. Bei Rapidshare war die Replik dann immerhin ausführlich und kam von Gründer Christian Schmid persönlich, Megaupload dagegen hielt sich ausgesprochen bedeckt.

Die Vorsicht der beiden Branchenvertreter überrascht nicht: Zu dünn ist wohl das Eis, auf dem sich die Firmen juristisch betrachtet bewegen, als dass man im Gespräch unbedachte Äußerungen riskieren wollte (mehr dazu im dritten Teil dieser Serie).

Das Geschäftsmodell sei völlig legal, betonen die Unternehmen immer wieder. Ihnen zufolge sind 1-Click-Hoster schlicht serverbasierte Verteilsysteme für große Dateien, die schnell und einfach zu bedienen sind.

Das war vor der Ära Rapidshare tatsächlich ziemlich umständlich. Deshalb habe Christian Schmid 2004 "Ezshare" entwickelt. In der Tat scheint Schmid damals einen Nerv getroffen zu haben: Vom Erfolg überrascht entwickelte er Rapidshare und zog bald darauf mit seiner Firma aus Deutschland ins beschauliche Cham in der Schweiz - im bestens vernetzten Gewerbegebiet der 14.000-Einwohner-Gemeinde siedelt mehr als ein Filehoster. Denn die Idee des 1-Click-Hosting hob schnell ab: Aktuell tummeln sich rund 150 Unternehmen auf dem wachsenden Markt.

Bandbreite für 100 Divx-Filme pro Sekunde

Mittlerweile ist auch bei Rapidshare aus der einfachen Idee ein mittelständisches Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern geworden. Valide Schätzungen über den Umsatz gibt es nicht. Die Zahlen, die das Unternehmen bekannt gibt, deuten nur an, in welchen Größenordnungen Rapidshare Daten bewegt: Rund 1000 Server stellten mehrere Millionen Gigabyte zur Verfügung. Täglich würden rund 400.000 Dateien auf die Server hochgeladen.

Über die interessanteste Größe - die Zahl der Downloads - schweigt Rapidshare sich aus. Reserven für etliche parallele Downloads stehen aber bereit: 800 Gigabit pro Sekunde sollen die Server leisten. Blockbuster-Filme im Divx-Format haben typischerweise eine Größe um 700 Megabyte. Pro Sekunde ließen sich über 100 davon übertragen. Angesichts dieser Zahlen werden Hollywoods Sorgen nachvollziehbar. Die Filmstudios betrachten die Speicherhändler als die neue große Gefahr in Sachen Raubkopien.

Beim Konkurrenten Megaupload geizt man noch mehr mit Angaben zum Unternehmen. Dennoch schätzte Fred Huntsberry von Paramount im Juni, dass das in Hong Kong ansässige Unternehmen bis zu 215 Millionen Dollar Gewinn pro Jahr einstreiche. Zudem wisse er, wer hinter Megaupload stecke: Der Deutsche Kim "Kimble" Schmitz, eine der schillerndsten Figuren der New Economy, der bereits wegen Insiderhandels und Veruntreuung verurteilt wurde.

Schmitz hatte sich einst selbst zum "berühmtesten Hacker Deutschlands" stilisiert (und wird bis heute auch so in der englischen Wikipedia geführt), ansonsten aber vor allem mit viel heißer Luft gehandelt: Seinen größten dokumentierten Profit fuhr er ein, als er durch den Aufkauf von Aktien von Letsbuyit.com deren Kurs in die Höhe trieb und die dann verkaufte, bevor er hätte zahlen müssen - ob er das überhaupt gekonnt hätte, ist zumindest umstritten. Als bewiesen sah ein Gericht in München aber an, dass Schmitz hier mit Aktienkursmanipulation und Insiderhandel Geld gemacht hatte - "Kimble" kassierte eine Bewährungsstrafe.

Bald darauf setzte er sich nach Asien ab, soll in Hongkong hinter einer Tech-Investmentfirma stehen - und hinter einigen Firmen, die alle den Namensbestandteil "Mega" führen, darunter angeblich eben auch Megaupload.

Das Gerücht geistert bereits seit einigen Jahren durchs Netz, eine entsprechende Frage von SPIEGEL ONLINE mochte man bei Megaupload aber nicht klar beantworten: "Megaupload wurde 2005 von einer Gruppe von Freunden in Hong Kong gegründet. Es ist ein privates Unternehmen und unsere Anteilseigner möchten anonym bleiben", antwortete eine Bonnie Lam auf Englisch. Mehr als 300 Millionen Dateien beherberge der Dienst auf seinen Servern, die Geschwindigkeit sei "zu jeder Zeit ausreichend". Datensauger schätzen Megaupload derzeit als den Dienst mit den dicksten Leitungen - schneller ist tatsächlich kaum einer.

Die Unschuldsmiene gehört zum Konzept der Branche

Über Umsatz, Zahl der Mitarbeiter sowie die Gründer schweigt man sich dort gänzlich aus, betont aber: "Mega bietet eine Festplatte in der Cloud um Daten zu speichern, in Verbindung mit Bandbreite, um Daten zu übertragen. Wir sind kein Inhalteanbieter. Unser Geschäft ist es, Speicherplatz und Bandreite anzubieten."

Dass Megaupload ungefragt seine Unschuld betont, ist bezeichnend für die Strategie der Branche: Ihr Schild gegen Vorwürfe von Rechteinhabern ist die so genannte Safe-Harbor-Regel, nach der ein in gutem Glauben agierender Dienstleister nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, wenn seine Dienste von seinen Kunden für illegale Zwecke missbraucht werden. Denn dass Nutzer mithilfe der Filehoster urheberrechtsgeschützte Inhalte verbreiten, ist nicht zu bestreiten. Nur über die Größenordnung und die Verantwortung dafür ist man sich uneins.

Während die Rechteinhaber unterstellen, dass ihre Inhalte den Großteil der getauschten Daten ausmachen, handelt es sich nach Aussage der Unternehmen nur um einen geringen Anteil: "Das bewegt sich durchgehend im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Wir sind der Meinung, dass dies auch branchenübergreifend ein sehr gesunder Wert ist", sagt etwa Rapidshare-Chef Christian Schmid. Ihm das Gegenteil zu beweisen wäre allerdings auch unmöglich, denn die Festplatten der Unternehmen lassen nicht sich nicht direkt einsehen. Zudem beschäftige Rapidshare ein "Abuse-Team", was sowohl auf Hinweise von außen als auch eigeninitiativ tätig werde und Dateien, die gegen Urheberrechte verstoßen, von den Servern lösche.

Rapidshare will nicht mit "Crimehostern" verwechselt werden

Rapidshare, so Geschäftsführer Schmid, hebe sich klar von anderen Filehostern ab, deren Geschäftsmodell zum Teil einzig und allein darin bestehe, sich für die Verbreitung urheberrechtlich geschützter Werke bezahlen zu lassen. "Das ist nicht unsere Welt", schreibt Schmid. Man habe den schlechten Ruf zu Unrecht, im Gegensatz zu zahlreichen schwarzen Schafen in der Branche. Manche Hoster, schreibt Schmid, steckten sogar direkt hinter großen Warez-Seiten, über die der Handel mit und die Verteilung von allen möglichen digitalen Gütern läuft - von Film- und Spiele-Raubkopien über gecrackte Software-Lizenzschlüssel, Kreditkartendaten, Viren, Würmer und Botnetz-Zugänge bis hin zu jeder Art von Pornografie.

Schmid: "Wir sind da genau so ein Opfer wie die Content-Industrie, die uns mit solchen 'Crimehostern' in einen Topf wirft." Es bestehe noch viel Kommunikationsbedarf.

Den sieht man bei Megaupload offenbar nicht. Dort macht man sich gar nicht erst die Mühe, den Anteil der urheberrechtsgeschützten Dateien zu benennen, sondern zieht sich aus der Verantwortung. "Mega ist nicht in Copyrightverletzungen verwickelt und unsere Nutzungsbedingungen sagen klar aus, dass wir das nicht tolerieren." Tatsächlich ist die "Haltbarkeit" von Links hin zu kopierten Filmen bei Megaupload oft begrenzt - immer wieder verschwinden einzelne Dateien, gerade mit aktuell sehr populären Inhalten aus dem Angebot. Ein Indiz dafür, dass der Betreiber zumindest eine zu rege Verteilung populärer Dateien unterbindet.

Aus Sicht der Rechteverwerter ist das eine reichlich nutzlose Maßnahme. So kommentiert Matthias Leonardy, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) den Standpunkt von Megaupload gegenüber SPIEGEL ONLINE folgendermaßen: "Ein bloßer Hinweis auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen, wonach Verbotenes verboten ist, ist ungefähr so wirkungsvoll wie ein Stoppschild gegen das Waldsterben."

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, eine Serverleistung von 800 Gigabit pro Sekunde erlaube den Download von über 1000 Divx-Filmen pro Sekunde. Richtig ist: Sie erlaubt den Download von über 100 Divx-Filmen pro Sekunde. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.


Teil drei der Filehoster-Serie:
Ausweitung der Grauzone - Die rechtliche Situation
Was die GVU zu den Positionen der beiden Unternehmen zu sagen hat, wie deutsche Gerichte im Fall Rapidshare urteilten und was Megaupload der Deutschen Telekom vorwirft, lesen Sie im dritten und letzten Teil der Serie über Filehoster - am Donnerstag in der Netzwelt.