SelfHTML-Gründer Stefan Münz "Eine Grundidee des Internets ist verloren gegangen"

Vor 25 Jahren veröffentlichte Stefan Münz ein HTML-Handbuch, das Millionen Menschen zum Webseiten basteln animierte. Facebook, Google und Co. bezeichnet er als „Sargnägel für das Web“.
Ein Interview von Jörg Breithut
Mit SelfHTML entwickelte Stefan Münz ein bis beute gültiges Nachschlagewerk für alle, die in die Programmierung ihrer Webseiten selbst eingreifen wollen

Mit SelfHTML entwickelte Stefan Münz ein bis beute gültiges Nachschlagewerk für alle, die in die Programmierung ihrer Webseiten selbst eingreifen wollen

Foto: imago images/Shotshop

Wer in den Neunzigerjahren eine eigene Webseite basteln wollte, kam an SelfHTML  nicht vorbei. Das Projekt war damals eine der weltweit umfangreichsten Online-Anleitungen für Websprachen wie HTML, CSS und Javascript. Amateure lernten dort die Grundlagen, Profis schlugen Codeschnipsel nach, die sie vergessen hatten. Nun feiert die Plattform ihren 25. Geburtstag.

SelfHTML-Gründer Stefan Münz erinnere sich gern an die Ära der Internetpioniere zurück. "Das war eine witzige Zeit", sagt der Webentwickler. Vieles sei mittlerweile aber deutlich einfacher geworden. Im Interview spricht Münz darüber, ob man heutzutage neben Facebook-Profilen und Twitteraccounts überhaupt noch eine Webseite braucht - und warum er den Grundgedanken des Internets in Gefahr sieht.

Zur Person
Foto: Privat

Stefan Münz, Jahrgang 1960, ist Webentwickler und Autor. Mit dem Online-Handbuch SelfHTML hatte er im Juni 1995 eine der weltweit umfangreichsten Anleitungen für Websprachen wie HTML, CSS und Javascript veröffentlicht. Umgerechnet füllt die Online-Plattform etwa 1500 Buchseiten. Im Jahr 2007 ist Münz aus dem Projekt ausgestiegen. SelfHTML wird derzeit als Wiki weitergeführt.

SPIEGEL: Herr Münz, was schätzen Sie: Wie vielen Webentwicklern haben Sie mit SelfHTML schon aus der Patsche geholfen?

Stefan Münz: Das ist schwer zu sagen. Das Angebot war ja nicht nur für professionelle Webentwickler ausgelegt. Die Seite war auch für Mitarbeiter von Bäckereien und Restaurants gedacht, die einfach schnell eine Homepage brauchten und keine Ahnung hatten, wie das geht. Die haben dann SelfHTML runtergeladen und sich damit eine Weile beschäftigt. Wie vielen die Seite geholfen hat, ist kaum ermittelbar, geht aber möglicherweise in die Millionen. Bei den professionellen Nutzern werden es schon ein paar Zigtausend gewesen sein. 

SPIEGEL: Wie hat SelfHTML angefangen?

Münz: Das Projekt war zunächst keine Website. Ich habe die erste Version von SelfHTML in einer Zip-Datei hochgeladen. Ich hatte mit meinem Modem anfangs nur Zugriff auf spezielle Compuserve-Foren, aber nicht auf das komplette Internet. Dort haben viele Tausend Leute die Datei heruntergeladen. Ein paar Monate später kam ein Provider aus München auf mich zu und hat angeboten, SelfHTML ins Internet zu stellen. Das fand ich toll, konnte es mir aber am eigenen Rechner nicht anschauen. Daher bin ich einfach mal zu dem Provider gefahren, um zu sehen, wie das im Browser aussieht.

SPIEGEL: Haben Sie mit dem Projekt Geld damals verdient? 

Münz: Nicht direkt mit der Website. Ich bin von Buchverlagen angesprochen worden und habe viele Artikel für Fachzeitschriften geschrieben. Damit habe ich Geld verdient. Mein Antrieb war immer nur das Interesse an dem Projekt. Ich habe nie versucht, Kapital aus SelfHTML zu schlagen, obwohl das bestimmt funktioniert hätte. Es gab zeitweise ein paar Textlinks mit Anzeigen auf der Seite, aber Werbebanner habe ich immer abgelehnt.

SPIEGEL: Sie sind vor 13 Jahren ausgestiegen. Bereuen Sie diesen Schritt? 

Münz: Ich bin stolz auf das Projekt und froh, dass ich das damals damit angefangen habe. Aber es war auch ein guter Schritt, die Sache irgendwann anderen Leuten zu überlassen, die engagierter rangegangen sind. Ich habe privat andere Schwerpunkte gesetzt. Ich freue mich, dass es SelfHTML noch gibt und es in sehr guten Händen ist. 

SPIEGEL: Wie bewerten Sie die Entwicklung des Internets seit 1995? 

Münz: Was mich schmerzt, ist die Verklumpung von Web-Angeboten. Immer mehr große Seiten reißen die Nutzer an sich und die kleinen Plattformen sterben aus. Natürlich nehmen die großen Anbieter wichtige Funktionen wahr. Die Vernetzung in sozialen Netzwerken etwa hat es in dieser Form früher nicht gegeben. Es ist aber schade, dass einzelne Nutzer ihre Seele an der Garderobe von Facebook, Twitter oder Google abgeben. 

SPIEGEL: Sie bezeichnen Facebook, Google, Netflix und Twitter als "Sargnägel für das Web ". Wie meinen Sie das? 

Münz: Die ursprüngliche Idee des Internets war, dass jeder sein eigener Publisher ist. Diese Grundidee ist ein bisschen verloren gegangen. Obwohl es viel einfacher geworden ist, mit einem Blog oder einem Wiki ohne viel technisches Verständnis eine Webseite zu betreiben. Trotzdem wird das Angebot kaum genutzt, weil die Infrastruktur von Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram unerreichbar ist. Ich nutze die Seiten ja auch alle. Aber es ist eine Verarmung gegenüber der damaligen Zeit, wo jeder seine eigene Webseite hatte. Früher ist man als Nutzer von einer Seite zur anderen gehopst und hatte nicht alles unter einem Dach.

SPIEGEL: Wer sich heute im Netz präsentiert, richtet sich zunächst ein Profil bei Facebook, Instagram und Twitter ein. Hat die klassische Website ausgedient? 

Münz: Bei Hotels und Restaurants schätze ich es sehr, wenn sie eine eigene Webseite haben. Dort will ich mir Zimmer und Speisekarten anschauen. Das sind nützliche Informationen, die ich gerne auf einer eigenen Webseite nachschlage. Ich finde es schade, wenn Hotels nur noch bei Facebook vertreten sind. Allerdings muss jedem klar sein, dass er mit einer Webseite nicht einfach so ein Millionenpublikum erreicht. 

SPIEGEL: Es gibt mittlerweile zahlreiche Baukasten-Programme für Websites. Braucht man heute überhaupt noch HTML-Kenntnisse? 

Münz: Es ist nicht dringend nötig, aber schaden kann es nicht. Wenn man mehr will als nur Grün durch Rot austauschen, dann ist es schon von Vorteil, wenn man sich mit HTML und CSS auskennt. Ich finde es aber gut, dass heute jeder ohne große technische Hürden publizieren kann. Das ist ganz im Sinne des Internets.

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