Send them back Vorsicht, Humor!

Schluss mit dem Diebstahl, meint die satirische Aktion "Send them back!" - und fordert dazu auf, der Musikindustrie raubkopierte MP3-Daten zurückzuschicken. Die Nachricht geht um die Welt, und dafür wurde sie wohl auch gemacht.


"Send them back": Das Gewissen erleichtern macht glücklich

"Send them back": Das Gewissen erleichtern macht glücklich

"Wussten Sie eigentlich, dass ein Stapel Druckpapier aus 500 Seiten besteht?" fragt gewollt dümmlich der Schreiber der Gebrauchsanweisung "Send them back!".

"Them" sind all die Musikstücke, die der Adressat der offensichtlich satirischen Gebrauchsanweisung zur Rücksendung geklauter Musik so im Laufe der Zeit zusammengerafft hat. Und 500 Seiten Druckpapier braucht der locker, um sein Gewissen zu reinigen: Send them back empfiehlt unter anderem, der Musikindustrie die MP3-Daten als ausgedruckten Hex-Code zuzuschicken.

Was man davon hat, zeigt ein flüchtiger Blick auf die Website: Man fühlt sich einfach besser. Lustige, glückliche Menschen strahlen da um die Wette, als hätte der "Wachturm" mit den Mormonennachrichten und dem Stock-Fotodienst "Hoffentlich versichert" fusioniert. "Wir fühlen uns großartig", trompeten glückliche Kinder, Jugendliche und verliebte Paare, "weil wir sie zurückgeschickt haben".

Wer nicht weiß, wie das geht, wird ausführlich belehrt. Demnach lassen sich weggefundene MP3-Dateien per Mail an die Adressen der Besitzer schicken, aber auch als 200er-Packs auf CDs gebrannt, als umfängliche Hex-Code-Ausdrucksammlungen per Post oder per Fax. Eine fiese Kiste, hinter der angeblich eine Initiative "Parents and Their Kids against Stealing" stehe.

Was soll das? Alles nur Spaß?

Der satirische Charakter ist offenkundig, und sofort nach der Veröffentlichung stürzte sich die amerikanische Blog-Szene darauf. Im "Popdex", einem auf Umfragen bei Blog-Betreibern basierender Web-Popularitätsindex, kommt die Website zurzeit immerhin auf Platz 14.

Das kann kaum verwundern, wenn man sieht, wer dahinter steht: Die Website ist auf Cameron Marlow registriert. Der ist einerseits Doktorand in der Electronic Publishing Group am renommierten MIT, andererseits der Schöpfer von Blogdex.

Dahinter wiederum verbirgt sich ein Forschungsprojekt, das die Verbreitung von Weblinks und Ideen über Blogs untersucht. Dass es "Send them back!" binnen drei Wochen auf Platz 14 im Popdex gebracht hat, wird man also wohl bald auch akademisch aufbereitet nachlesen können. In Marlows Blogdex hingegen kommt die "Send them back"-Seite nicht vor.

Das sind eine Menge Zufälle: Ein auf Internet und Medien spezialisierter Sozialwissenschaftler arbeitet an einer Doktorarbeit, in der es um die Verbreitungsmechanismen von Nachrichten über die so genannte Blogsphere im Web gehen soll. Nebenbei betreibt er eine provokant-satirische Website, deren Link und Inhalte vornehmlich über Blogs verbreitet werden.

Medienecho

Ein wenig zu ernst genommen hat die satirische Protestaktion (das Experiment?), die hier zu Lande vor wenigen Tagen über eine ebenfalls allenfalls zart ironische "Glosse" bei telepolis bekannt wurde, anscheinend der "Stern". Findet zumindest die "Titanic": "Oder ist die Ironie in Deinem Bericht über www.sendthemback.org so hintergründig, daß wir sie nicht wahrgenommen haben?"

Interessant für Mr. Marlow dürfte hingegen sein, wo seine Aktion wahrgenommen wird: Während sich die Kunde von "Send them back!" in den deutschen Medien verbreitet, ist die Aktion in Amerika außerhalb der "Blogsphere" nahezu wirkungslos verpufft. Liegt das nun daran, dass wir mehr Humor haben, oder sind wir schlicht alle miteinander auf einen Trick hereingefallen - von telepolis über "Stern" und "Titanic" bis hin zu SPIEGEL ONLINE? Denn wenn "Send them back" nichts anderes sein sollte, als ein im Dienste der Wissenschaft ausgelegter Köder, nähmen wir alle an einem Experiment teil: ob mit Humor oder nicht.

Frank Patalong

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