Senioren im Netz Webmaster mit 65

Das Internet erlebt seinen zweiten Frühling. Immer mehr Senioren erobern das Netz, bauen ihre eigenen Portale, fachsimpeln über Java und arbeiten sogar als Webmaster.


Berlin - Noch in derselben Nacht, in der ihr Mann gestorben war, setzte sich Roswita Jonack an ihren Computer und schrieb auf ihrer Homepage einen Nachruf. "Das ist meine Art, Trauer zu verarbeiten", sagt die 65-jährige Brandenburgerin. Sie ist dem Computer dankbar: "Durch ihn habe ich in dieser schweren Zeit den Kontakt zur Außenwelt gehalten." Bekannte und Unbekannte hätten im vergangenen Jahr auf diese ungewöhnliche Art der Bewältigung reagiert - größtenteils mit Verständnis.

Keine Angst vorm Datennetz: Surfende Senioren bei Silbermedia in Berlin
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Keine Angst vorm Datennetz: Surfende Senioren bei Silbermedia in Berlin

Roswita Jonack ist kein Einzelfall. Immer mehr Senioren wagen den Schritt in virtuelle Welten. Nach Angaben der GfK-Medienforschung sind inzwischen 3,2 Millionen Senioren im Netz, Tendenz steigend. Die 50- bis 69-Jährigen sollen sogar die am schnellsten wachsende Nutzergruppe sein. Nach einer Studie der Technischen Universität Berlin verfügen allerdings erst 3,4 Prozent der 65- bis 74-Jährigen über einen Internetanschluss.

"Die Älteren sind unglaublich neugierig", stellt Doris Poll fest. Seit zwei Jahren ist sie Schulungsleiterin und Dozentin an der Berliner Silbermedia, einer 1998 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog gegründeten Computerschule für Senioren.

"Die meisten sind davon fasziniert, mit ihren Kindern und Enkeln per E-Mail kommunizieren zu können - selbst wenn diese im Ausland sind", hat Poll beobachtet. Einige betrachten den Computer auch als Erleichterung für das Alter: "Wer es jetzt lernt, der kann in zehn Jahren per Mausklick beim Supermarkt seine Brötchen ordern und braucht nicht zu laufen."

"Ich bin durch den Computer jünger geworden", zählt die 66-jährige Elvira Kamann einen weiteren Vorteil auf. Wenn sie mit 30-Jährigen zusammen ist und über Computer gefachsimpelt wird, zählt sie zu den Expertinnen. Suchtgefahr bestehe bei ihr zwar nicht. Aber als sie kürzlich aus dem Urlaub zurückkam, musste sie sofort nachsehen, wie viele E-Mails eingegangen waren und wie viel Geld sie beim Börsenspiel umgesetzt hatte.

Vor dem Start in die neuen Welten müssen aber zunächst Hemmschwellen überwunden werden, vor allem die Angst vor der neuen Technik, weiß Harry Wenzel, Vereinsvorsitzender des Leipziger Senioren-Internet-Clubs. Auch die vielen unbekannten, meist englischen Begriffe schreckten viele ab.

Das größte Problem ist jedoch die Maus. "Die Koordination zwischen Maus und dem Vorrücken des Pfeils auf dem Monitor ist ungeheuer schwierig", erklärt der 64-jährige, der seit 1997 einen Computer besitzt. "Ich wusste damals noch nicht einmal, was ein Browser ist." Heute, nach nächtelangem Experimentieren und dem Konsultieren von Fachleuten, ist das alles kein Problem mehr. Stattdessen wird im Club etwa darüber diskutiert, ob es besser ist, eine Site mit HTML oder Java zu gestalten. Online-Banking ist längst Routine.

"Das ist ein Boom"

Auch Anfängern wird im Club geholfen. Einmal pro Woche treffen sich bis zu 18 Senioren zwischen 54 und 85 Jahren und sprechen über ihre "digitalen Probleme". Auf dem letzten Seniorentag konnte er sich vor Interessenten kaum retten. "Das ist ein Boom", sagt Wenzel.

Es sind vor allem Frauen, die sich mit Computern beschäftigen wollen. Von den 3000 Senioren, die in den vergangenen zwei Jahren bei Silbermedia geschult wurden, sind mehr als 60 Prozent weiblich. "Männer wollen einfach nicht zugeben, etwas nicht zu können", sagt Dozentin Poll. Häufig sei es so, dass bei Ehepaaren die Frau mutig mit der Maus klicke, der Mann dagegen cool mit verschränkten Armen dahinter sitze und Kommentare abgebe.

Auch die Bundesregierung fördert Senioren, die das Internet entdecken wollen. Während das Wirtschaftsministerium einen Info-Bus mit dem Motto "Internet für alle" durch Deutschland touren lässt, hat das Familienministerium die Website senioren-initiativen.de eröffnet, auf der Beschreibungen von über 550 Senioreninitiativen zu finden sind.

Solche Seiten könnte Roswita Jonack selbst gestalten - nicht erst seit dem Tod ihres Mannes. Schließlich ist sie Webmasterin der Berliner Initiative des SeniorenNet und gestaltet zusätzlich Seiten für ein Reisebüro und ein Hotel. Um besser arbeiten zu können, hat Jonack einen besonders großen Monitor und die größte Schrift eingestellt. Sie ist fast blind.

Von Holger Mehlig, AP



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