Sex-Toy-Branche Sensible Geschäfte mit der Lust

Die Sextech-Branche entwickelt vernetzte Gadgets, die unser Sexleben auf smarte Weise aufpeppen. Die coolsten Ideen kommen von Frauen, doch die Gründerinnen kämpfen mit zwei Problemen: der Prüderie der Branche und dem Horror vor Datenklau. Von Angela Gruber
Vibrator Bullet

Vibrator Bullet

Foto: Crave

"Berlin, ihr könnt das Sextech-Zentrum der Zukunft sein", sagt Cindy Gallop auf der Bühne des "Tech Open Air"-Festivals . Hüsteln und Kichern im Publikum. Ein paar junge Zuhörer in der selbst ernannten deutschen Gründerhauptstadt rutschen auf ihren provisorischen Sitzen aus Pappkarton herum.

Gallop will in Berlin erklären, warum der Sextech-Branche, die Elektronik und Erotik verbinden will, die Zukunft gehört. "Cannabis, Bitcoin und Sextech sind die innovativsten Geschäftsfelder der Welt", sagt Gallop. "Jeder einzelne Sextech-Gründer revolutioniert einen anderen Bereich menschlicher Sexualität." Das gefällt dem Publikum - gerade noch so. Denn die Vorstellung, gleich ganz so nah dran zu sein am Sexthema, führt dann eben doch zu besagten nervösen Reaktionen; so gerne man in der Tech-Branche auch disruptiv und innovativ sein mag.

Sextech-Gründer wie Gallop kennen das. Dank Plattformen wie YouPorn und Redtube ist Pornografie im Mainstream so präsent wie nie zuvor, aber das Schmuddelimage wird die Branche einfach nicht los. Viele Investoren haben deshalb vorsorglich Klauseln in ihren Statuten, die die Finanzierung von Unternehmen aus der Porno-Ecke untersagen. Für Sextech-Gründer ist das ein riesiges Problem.

Und auch in den großen sozialen Netzwerken dieser Zeit, egal ob Facebook oder Instagram, hat Erotik keinen Platz. Gegen praktisch jeden sichtbaren Nippel wird vorgegangen, selbst wenn er zu einer stillenden Mutter gehört.

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Vernetzte Sex-Toys: Erotik durch Elektronik

Foto: Mystery Vibe

Gleichzeitig ist die Verbindung von Elektronik und Erotik, die Vermessung der Sexualität durch Sensoren, für viele Menschen noch ein befremdlicher Gedanke. Er klingt nicht nur ambitioniert, sondern erscheint vielen alles andere als wünschenswert . Für Kritiker ist spätestens vor der Schlafzimmertür Schluss mit dem vom Silicon Valley geprägten Fortschrittsglauben, nach dem die Technik jeden Lebensbereich des Menschen verbessern könne.

Der kleine Kreis der Sextech-Gründer um Gallop will aber nicht in einer verschämten Nische existieren und die vermeintlich sündigen Wünsche der Kundschaft heimlich erfüllen. Man will die Grauzonen der Erotik zwischen "Safe for Work" und Porno bedienen - und damit Geld verdienen. Aktuell ziehen vor allem Frauen Start-ups in diesem Bereich hoch.

Cindy Gallop auf dem "Tech Open Air" in Berlin

Cindy Gallop auf dem "Tech Open Air" in Berlin

Foto: SPIEGEL ONLINE

Gallop selbst hat vor rund drei Jahren "Make Love Not Porn"  gegründet. Auf der Website können Pärchen ihre unbearbeiteten privaten Sexvideos hochladen, Nutzer können sie gegen eine Gebühr ansehen. Gallop sieht ihre Seite als Gegenentwurf zu Plattformen wie YouPorn, wo in vielen Videos straffe Frauen mit Waschbrettbauch-Männern durch die Kulisse turnen, als gäbe es einen Preis in Sexgymnastik zu gewinnen.

Jugendliche bekämen so eine bestimmte Vorstellung von Sex vermittelt, die völlig absurd sei, sagt Gallop. Ihre Seite soll das Konzept von "Social Sex" propagieren, echtem Sex, der nicht immer schön aussehen muss. "Wir wollen das Netzwerk werden, bei dem Nutzer sich einloggen, wenn sie doch mal einen Nippel oder mehr zeigen wollen", sagt Gallop.

Sextech-Gründerin ist auch Stephanie Alys. Sie denkt sich neue Hardware fürs Schlafzimmer aus. Ihr Start-up Mystery Vibe vertreibt einen biegsamen, vernetzen Vibrator, den Männer und Frauen nutzen können. Die sechs Motoren im Inneren lassen sich einzeln ansteuern. Per App können die Besitzer bestimmte Vibrationsmodi wählen oder einprogrammieren. Geladen wird der Crescendo drahtlos, wie eine Apple Watch.

Die Hälfte der Bestellungen für den Crescendo kommt von Frauen. Während die Porno-Branche sich hauptsächlich an den Wünschen der männlichen Kundschaft zu orientieren scheint, versuchen viele Sextech-Unternehmen, wie Mystery Vibe oder Crave von Gründerin Ti Chang, mit ihren Produkten gezielt Frauen als Kunden anzusprechen.

"Die weibliche Lust ist genauso wichtig wie die von Männern", sagt Alys, eine kleine Britin mit rubinrotem Haar. Und: "Schon heute ist der Sex-Toy-Markt für Frauen vielfältiger und größer als der für Männer."

Gründerin Stephanie Alys

Gründerin Stephanie Alys

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Alys' Vibrator ist dennoch so designt, dass ihn auch Paare gut gemeinsam einsetzen können. Ihre Erfahrung: "Viele Männer stört es, wenn der Vibrator einem echten Penis nachempfunden ist. Wenn er aber eine ganz andere Form hat und eine andere Farbe - blau oder pink -, dann fühlen die Männer sich weniger bedroht."

Cindy Gallop von "Make Love not Porn" hat es sich zum Anliegen gemacht, die weiblichen Gründerinnen zu vernetzen, und lädt daher auch mal zum Umtrunk in ihr New Yorker Apartment. "In der Sextech-Branche gibt es einen besonderen Geist der Zusammenarbeit, gerade unter den Gründerinnen", sagt sie.

Geld zu organisieren, fällt auch Gallop schwer, trotz ihrer markigen Sprüche auf der Bühne. Wer erst gesellschaftliche Tabus brechen muss, um erfolgreich zu sein, braucht einen langen Atem.

Bisher sind zudem erst rund 1000 Videos auf Gallops Plattform hochgeladen worden, von denen aktuell noch rund 700 oder 800 online stehen, sagt sie. Ihre Vorstellung von sozialen Sexvideos im Netz hat also noch keine große Anhängerschaft gefunden.

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Gehackter Vibrator als Horrorvorstellung

Neben dem Imageproblem könnte das alte Thema Datenschutz für die Sextech-Branche gefährlich werden. Wie real die Gefahr ist, zeigte sich gerade erst auf der diesjährigen Hackerkonferenz Defcon in Las Vegas Anfang August. Dort zerlegten  zwei Forscher die Sicherheitsmaßnahmen des smarten Vibrators We Vibe 4.

Sie konnten die Kontrolle über das Gerät übernehmen und es fernsteuern sowie höchst private Nutzerdaten erfahren. Die Hacker lasen zum Beispiel Informationen über Temperatur, Einsatzzeitraum und benutzte Einstellungen aus. Für viele potenzielle Nutzer dürfte das eine Horrorvorstellung sein, die der potenzielle Lustgewinn nicht aufwiegt.

Die Arbeit am Sex Toy der Zukunft geht dennoch weiter, trotz solcher Rückschläge. Bei Mystery Vibe wird gerade ein smarter Vibrator entwickelt, der sich mit dem Smart Home, dem vernetzten Haus, verbindet. "Wenn der Vibrator an ist, sollen smarte Lampen das wissen und ihr Licht anpassen, oder eine kuratierte Spotify-Musikliste spielt die passende Musik", sagt Gründerin Alys in Berlin. "Wir arbeiten außerdem an Sensoren, die uns durch verschiedene körperliche Faktoren anzeigen, wie erregt jemand ist."

Das klingt nett, aber auch ein bisschen nach Spielerei. Es braucht wohl mehr als nur per Sensor smart gedimmtes Licht, um in Stimmung zu kommen; ein Stück Hardware rettet die Erotik im Schlafzimmer also nicht.

Trotzdem: Alys glaubt, dass ausgerechnet zusätzliche Technik Menschen künftig helfen wird, wieder mehr zu sich zu kommen. "Technik kann total ablenken", sagt sie. "Aber wenn etwas einfach so funktioniert, ohne dass man lange die Einstellungen anpassen und zig Knöpfe drücken muss, dann wird es interessant." Und das klingt schließlich fast wie eine Beschreibung von gutem Sex.

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