Shawn Fanning Vom Rebellen zum Vertreter?

Wenn Shawn Fanning sich bewegt, raschelt es im Blätterwald. Brandheiß wird berichtet, der Erfinder der P2P-Software Napster diene sich nun der Musikindustrie an. Was für ein Missverständnis.

Was wäre das Web ohne seine Legenden? Ein nüchternes Arbeitsmittel, das Kommunikationsmöglichkeiten, Dienstleistungen und Lesestoff offeriert. So richtig aufregend ist das nicht, letztlich sitzt man immer vor einem Bildschirm. Selbst P2P, der Software-Trend, der die Musikindustrie - da gehen die Meinungen auseinander - entweder revolutionieren oder ruinieren wird, ist keine Fun-Veranstaltung, sondern von schier endloser Warterei gezeichnet.

Wie gut, dass das Netzwerk seine Helden hat, um die sich Geschichten und Legenden spinnen. Wie die von Shawn Fanning, dem Napster-Mitbegründer, der kurze Zeit zum Robin Hood der Cyberwelt wurde.

Gerade seine Geschichte ist bekannt, obwohl man über ihn selbst kaum etwas weiß: 19 Jahre alt war er, als er - zusammen mit einem Kommilitonen - Napster entwickelte. Zunächst als Mini-Tauschbörse fürs Uni-Netz, so wird erzählt, und weil alles so toll und phantastisch funktionierte, schenkte er Napster der Web-Gemeinde und leitete damit die P2P-Welle ein.

Der Rest der unendlich oft wiederholten Legende: Die Industrie erschrak und klagte gegen Napster. Bertelsmann trat als Retter in der Not auf, nur, um von den neidischen Konkurrenzlabels ebenfalls mit Klagen eingedeckt zu werden. Bitterböse Richter sorgten dann dafür, dass Napster nach zwei Jahre dauernder Agonie seinen Häschern erlag. Getragener, dramatisch-schwülstiger Tusch: Doch sein Geist lebt fort...

Shawn Fanning, der so identifikationsträchtige, treuherzig blickende Nicht-mehr-Student, nahm seinen Abschied, arbeitete beratend für mehrere Unternehmen, berät heute Napsters noch nicht ganz wieder belebte, mit dem Leichnam PressPlays fusionierte Überreste und hält die Bälle flach: Auch nach dem finalen Aus hörte man kein wütendes Wort, nichts Bitteres vom Robin Hood der Cyberwelt.

Warum auch?

Anders als seine Fans hat sich Fanning wohl nie als Opponent der Musikindustrie gesehen. Schnell hatte er erkannt, dass Napster und P2P eine späte, aber prächtige Chance bedeuten könnten, durch das Web schnell reich zu werden. Das offensichtliche Bedrohungspotenzial der Musikbörse versuchte er, in Deals mit der Industrie zu versilbern. Das Geld zum Aufbau des Unternehmens kam zunächst von einem geschäftstüchtigen Onkel, der ihn mit Venture-Capital-Gebern zusammenbrachte, die sich von Napster ebenfalls schnelle Profite erhofften.

Deren Vertreter in Napsters Geschäftsführung war der ein Jahr nach Firmengründung zum Chef erhobene Hank Barry, in der Öffentlichkeit lange Zeit irrtümlich mit einer Art Rebell verwechselt. Zu diesem Zeitpunkt war Fanning längst abgefunden: Er hatte Napster für eine bis heute nicht genau bekannte, angeblich aber satt zweistellige Dollarmillionensumme verkauft und war zu einer Art PR-Angestellten in seiner ehemals eigenen Firma geworden: Für Fanning hatte der Napster-Deal funktioniert.

Jetzt, melden amerikanische Zeitungen im Ton der Überraschung, wolle Fanning seine Dienste der Musikindustrie anbieten, deren erbitterter Gegner er angeblich einst gewesen sei. Der 22-jährige habe eine Technik entwickelt, die automatisch den Transfer eines urheberrechtlich geschützten Werks erkennt, berichtete die "Los Angeles Times" am Dienstag.

Dabei geht es um Digital Rights Management (DRM) und um Möglichkeiten des Micropayments: Tatsächlich sucht die Musikindustrie nach Möglichkeiten, die Bewegungen kopierter Dateien im Netz zu verfolgen und die Kunden entsprechend zur Kasse zu bitten. Wie viele andere auch setzt Fanning dabei auf eine digitale Wasserzeichen-Technik. Seine, behauptet Fanning, funktioniere aber nicht nur innerhalb kommerzieller Musik-Downloadshops, sondern auch innerhalb von P2P-Börsen.

Das P2P-Geschäftsmodell: Andere kassieren lassen

Die Wasserzeichen der Dateien würden erkannt und mit einer Datenbank abgeglichen, sobald der Nutzer einer Tauschbörse eine Datei online stelle. Daran könne man eine Abrechnungsmöglichkeit knüpfen, die den User pro Download zur Kasse bittet.

Fanning soll seine Idee bereits bei mehreren Plattenfirmen vorgestellt haben. Sollten die Labels die Technik unterstützen, will Fanning sie auch bei KaZaA und anderen Tauschbörsen integriert sehen, sagt er.

Shawn Fanning meldet sich also öffentlichkeitswirksam zurück im Geschäft. Dass er den Deal mit der Industrie sucht, ist dabei weder neu noch originell: Genau das wollen auch die angeblichen Rebellen von KaZaA, die im Übrigen ähnliche Techniken erproben.

Die "Los Angeles Times" räumt Fanning aber wenig Chancen ein, die Vertreter der Labels wirklich an einen Tisch zu bekommen. Zudem wollten die User nicht für jedes Stück extra zahlen, sondern unbegrenzten Download für ihr Geld. Darüber kann man - siehe Apple - streiten.

Aber darum geht es auch gar nicht. Fannings Wiederauftauchen aus der Versenkung markiert den Beginn der nächsten Phase im Verhältnis zwischen den Vertretern der P2P-Unternehmen und der Industrie. Die beginnt sich gerade darauf zu verlegen, statt der schwer zu greifenden P2P-Entwickler und -Betreiber deren Nutzer zu verklagen. Die Angst davor, hofft die Industrie, könnte die P2P-Nutzer dazu motivieren, endlich für Downloads zu bezahlen.

Genau das aber hoffen auch Fanning und all die noch immer aktiven "Rebellen" der P2P-Szene, denn hier liegt ihre Zukunft. Erst wenn sich auch für sie die Geldbörsen der Nutzer öffnen, hat sich das geschäftliche und juristische Risiko gelohnt. Was sie von der verpönten Industrie unterscheidet ist, dass sie nicht selbst hineingreifen, sondern hineingreifen lassen. Das Geschäftsmodell von P2P ist, der Industrie zunächst die Kunden zu entziehen und ihr dann die Werkzeuge zu verkaufen, wieder bei ihnen zu kassieren. Mit so einem Werkzeug tingelt Shawn Fanning gerade durch die Chefetagen der Musikbranche. Zu glauben, das sei eine Wandlung des Rebellen zum Vertreter, wäre ein kapitales Missverständnis.