Showdown vor Gericht Ist P2P-Software illegal?

Dass der US-amerikanische Supreme Court heute die Frage verhandelt, ob bereits Herstellung und Verteilung von P2P-Programmen illegal sind, bräuchte Europäer nicht zu intessieren - wenn es nicht so wäre, dass US-Entscheidungen stets auch den hiesigen Trend vorgeben. Beginnt heute das Ende der P2P-Zeit?

Die beklagten Unternehmen Grokster und Morpheus haben ihre besten Tage lang hinter sich, denn nur langsam mahlen die Mühlen der Justiz. Als rund 30 Unternehmen der Musik- und Filmbranche erstmals Klage gegen die Tauschbörsenbetreiber erhoben, war der P2P-Vertrieb von Filmen noch so etwas wie eine theoretische Möglichkeit, Napster zuckte noch schwach und die Industrie, noch ganz besoffen vom Umsatzboom des Vorjahrzehnts, begann gerade erst zu ahnen, was für eine ungemütliche Zeit ihr bevorstehen sollte.

Während Grokster und Morpheus vor Gericht standen, stieg ihr Stern und sank wieder. LimeWire, KaZa, eDonkey, BitTorrent und andere beerbten die einstigen Platzhirsche in schneller Folge. Denn satte vier Jahre zieht sich bereits das Gerichts-Scharmützel durch sämtliche Instanzen, mit Punktsiegen für beide Seiten - und den Vorteilen klar auf Seiten der P2P-Entwickler. Denn dass deren Software auch zu Piraterie und Copyrightverletzung missbraucht werden könne, bestreiten sie gar nicht: Vor Gericht geht es aber um eine ganz andere Frage.

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P2P: "Raubkopierer sind Verbrecher"

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Wie schon seit Jahren geht es um die Klärung der Frage, wie viel Verantwortung die Entwickler von P2P-Software für das "Fehlverhalten" ihrer Nutzer haben. Weil Vorinstanzen auch in den USA entschieden hatten, dass diese Verantwortung Grenzen hat, hatte die Industrie sich darauf verlegt, statt der P2P-Entwickler die Nutzer der Software zu verklagen. Das amerikanische Beispiel machte Schule, die Praxis schwappte wie so vieles mit Verzögerung über den Atlantik: Wie in den USA klagt inzwischen auch hierzulande und EU-weit die Entertainment-Industrielobby IFPI fleißig gegen P2P-Nutzer.

Allerdings mit - je nach Perspektive - durchwachsenen, bescheidenen bis kaum erwähnenswerten Erfolg. Nur wenige Klagen endeten bisher in außergerichtlichen Einigungen, während europaweit Hunderte von Klagen anhängig sind. Trotzdem gilt die Kampagne als Erfolg, denn natürlich geht es ihr eigentlich nicht darum, Kunden in den Knast zu bringen, sondern sie vom Klauen abzuschrecken.

Viel lieber wäre es der Industrie, wieder die Macher der Software vor den Kadi zu zerren. Die wiederum haben den Prozess längst zur prinzipiellen Klärung der Mutter aller Fragen des digitalen Zeitalters hochgejazzt: Ihre Verteidigung beruht auf der These, dass die rigiden, in den letzten Jahrhunderten fußenden Copyrightbestimmungen die freie Entwicklung neuer Technologien behinderten.

Ihr "Kronzeuge" in dieser Sache heißt Betamax, denn schon einmal verhandelte das höchste US-Gericht genau diese Frage: 1984 entschied der Supreme Court im Sinne der Video-Befürworter. Die Filmbranche aber ging entgegen eigenen Prognosen daran nicht zugrunde, sondern verdient heute das Gros ihrer Profite auf dem Video-, respektive DVD-Markt. Kein Wunder, dass da nicht nur diverse Cyber-Bürgerrechtsbewegungen jubeln, sondern auch die Millionen von P2P-Nutzer.

Denn denen geht - frei nach dem bekannten Werbespruch "Die Freiheit nehm ich mir!" - vielleicht nicht das Unrechtsbewusstsein, wohl aber das Schuldbewusstsein beim Datentauschen ab. Musik und Filme fröhlich frei zu verteilen und zu tauschen ist in der Wahrnehmung der meisten Menschen in der westlichen Welt heute noch nicht einmal ein Kavaliersdelikt, sondern eine Selbstverständlichkeit. Dass die Industrie versucht, jede Form der Kopienweitergabe zu kriminalisieren, stößt den Verbrauchern sauer auf.

Trotzdem hat die Industrie in den letzten zwei Jahren auch Erfolge zu verbuchen: Ihre Werbekampagnen ("Wann kommt Papa wieder nach Hause?") haben die Botschaft an den Mann gebracht, dass das Download-Hobby hinter Gittern enden könnte. Prompt lässt sich in diversen Statistiken nachweisen, dass der seit 1999 ungebremste Boom der P2P-Börsen abrupt stagnierte.

Wird weniger getauscht - oder mehr gelogen?

Was allerdings nicht heißt, dass heute weniger Menschen Musik oder Filme tauschen. In den USA erhebt Pew Internet and American Life jährlich grundsätzliche Daten über die Gewohnheiten der Nutzer, und die aktuelle Umfrage ist aus Sicht der Entertainment-Industrie eher ernüchternd. Nahezu konstant sei die Zahl der Datentauscher im letzten Jahr geblieben - nur zu erwischen seien sie heute schwerer, denn die Tausch- und Weitergabegewohnheiten hätten sich verändert. Neben dem Weiterreichen von gebrannten Kopien seien es heute vor allem iPods und ähnliche Geräte, über die Musik von einem Nutzer zum nächsten wandere.

Möglich, gestehen die Autoren der repräsentativen US-Studie zu, sei es aber auch, dass die Anti-P2P-Kampagnen der Industrie in ganz anderer Hinsicht Wirkung zeigten: Wachsende Kriminalisierungsängste könnten dazu führen, dass Menschen in entsprechenden Befragungen öfter als früher nicht die Wahrheit sagten. Ach, ehrlich?

Gut möglich, und es würde ja auch passen: Selten wurde eine Diskussion um eine neue Medientechnologie von allen beteiligten Seiten so verlogen geführt wie die Diskussion um P2P-Technik.

Weiter zum zweiten Teil...

Denn natürlich muss den Machern von KaZaA, Grokster und anderen "Börsen-Programmen" klar sein, dass die Copyrightverletzung durch die Nutzer von P2P-Programmen theoretisch zwar ein "Missbrauch", in Wahrheit aber die absolute Regel darstellt. Die freie Verteilung urheberrechtlich geschützten Materials vor dem Hintergrund der bestehenden Rechtslagen aber mit Argumenten wie Meinungsfreiheit oder "Information wants to be free" zu begründen, ist schon fast wieder niedlich.

Verlogen geriert sich aber auch die Entertainmentindustrie, die den - damals für sie günstigen - Wechsel technischer Plattformen (Schallplatte zu CD, VHS zu DVD) dazu nutzte, alten Wein in neuen Schläuchen noch einmal gewinnbringend und völlig überteuert an den Kunden zu bringen. Der fühlte sich zu Recht über Jahre veräppelt und empfindet das heute übliche Rippen, Brennen, Verteilen als gerechte Strafe für so viel Gier und angebliche Arroganz.

Auch das laute Jammern und Klagen der Industrie über kollabierende Umsätze war nie ganz ohne Falschheit: Branchenintern gärt die Diskussion seit Jahren, ob es nun wirklich nur die Brenner und Börsen waren, die zur Branchenkrise führten, oder nicht auch eine völlig verfehlte Produkt- und Preispolitik.

Siehe da: Qualität zieht Kunden

In Deutschland hat sich die Musikbranche gerade selbst bewiesen, dass es sich lohnen mag, auch vom Publikum als Vollklone wahrgenommene Casting-Kasper durch zumindest echt erscheinende Gruppen und Sänger zu ersetzen. Seit in Gazetten wie Charts statt Kübelböcks und Brosis Julis, Helden, Silbermonde oder Louisanns dominieren, rollt der Rubel in der - zugegebenermaßen auch personell stark ausgedünnten - Branche wieder. Trotz P2P und immer mehr Brennern scheint jugendlichen Fans ein "Original", das ihnen wirklich etwas bedeutet, noch etwas wert zu sein.

P2P-Software aber, da sind sich die Fans und Vertreter solcher Programme sicher, wird niemals wieder völlig verschwinden. Selbst, wenn es der Industrie in diesem letzten, höchstinstanzlichen US-Prozess gelingen sollte, ihre Sicht der Dinge durchzufechten, hätte sie kaum etwas gewonnen.

P2P-Software ist längst kein Produkt mehr, von dem sich hoffnungsvolle Entwickler ein lohnendes Geschäft versprechen. Längst bietet die Industrie legale Alternativen (die Filmbranche hat hier noch etwas aufzuholen) und ist auf die Technik der P2P'ler nicht mehr angewiesen. Die neuen P2P-Techniken sind zudem völlig Ort- und Betreiberlos: Selbst wenn ihre Entwickler abgestraft würden, wäre die Software in der Welt - und nicht zu stoppen.

Vor Gericht stehen also die Dinosaurier der P2P-Szene und warten auf ihren "Dooms-Day" der einen oder anderen Art. Wichtig bleibt der Prozess, in dem vor dem Sommer kein Urteil erwartet wird, trotz alledem. Zunächst für die USA könnte er die Frage klären, unter welchen Vorzeichen der Umgang mit Urheberrechten in Zeiten der absolut perfekten Kopie weiter verlaufen wird: Als Verteidigungsgefecht mit zunehmend rigiden Methoden gegen eine wenig schuldbewusste, klauende Kundschaft - oder als Suche nach einem neuen Copyright und realistischen Refinanzierungsmethoden für Urheber, in Einklang mit dem Entwicklungsfluss der Technologien. Leicht wird wohl beides nicht.

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