Silicon Alley Vom Apple zurück zum Apfel

Josh Harris war der Party-König des Silicon Alley, sein Loft der Schauplatz der großen Dot.com-Extravaganza. Jetzt ist die Hightech-Gasse wie ausgestorben, und Harris arbeitet an seiner nächsten Karriere - als Apfelfarmer.

Von , New York


Die Nachbarn sind noch sekptisch, sagt Harris selbst
Carsten Volkery / SPIEGEL ONLINE

Die Nachbarn sind noch sekptisch, sagt Harris selbst

Livingston, New York - Wenn Josh Harris an seine Millenniumsparty zurückdenkt, dreht er auf. "Es war so halb faschistisch, die Gäste trugen Uniform, ein Raum war voller Maschinengewehre", erzählt er begeistert. Für ihn war es ein Happening, ein künstlerisches Experiment, das den ganzen Dezember 1999 dauerte. Die Medien berichteten von einer gigantischen Orgie mit Stars, Freaks und viel nackter Haut. In keinem Beitrag fehlte die gläserne Duschkabine, die mitten im Raum stand.

"Jegliche Privatheit war abgeschafft. Die Wände um die Toiletten wurden entfernt, ein Schild warnte die Gäste in Leuchtschrift: We Live In Public", beschrieb das US-Magazin "Wired" die Szenerie in der ausgedienten New Yorker Fabrikhalle. "Die Gäste stolperten zwischen aufblasbaren Skulpturen umher, blinzelten in flackernde abstrakte Videos, schlugen sich mit Gratis-Essen und -Getränken den Bauch voll, spielten Schach mit dem amtierenden US-Großmeister und feuerten mit Maschinengewehren unter den Augen eines Waffenexperten."

New York feierte Jahrhundertwende, und Harris spielte den Regisseur. Es war der Höhepunkt seines Lebens: Viel näher konnte ein Sterblicher dem Zeitgeist nicht kommen. Silicon Alley schwamm im Geld, Harris war der Gründer des ersten Internetfernsehkanals Pseudo.com - und damit ein ernst zu nehmender Player. Medienbosse wie Rupert Murdoch und Stephen Case baten ihn zum Gespräch. Sie sollten sich warm anziehen, tönte Harris. Er sei "der Ted Turner des Internet".

"Ich will ein guter Farmer werden"

An einem Novembertag nicht einmal zwei Jahre später steht der einstige Internet-Visionär knietief im Gestrüpp auf seiner Apfelfarm in Livingston, zwei Stunden nördlich von New York. Mit einer Kettensäge schafft er Raum. "Ich will ein guter Farmer werden", sagt der stämmige 40-Jährige. Er trägt eine Levis 501 und ein kariertes Flanellhemd. Harris bemüht sich, den einfachen Mann zu geben. Vom Abwassersystem bis zum Schleifstein ist auf der Farm alles Low-Tech: Rostig, alt, mechanisch. In sein Soho-Loft will er nie wieder zurück. "Es macht mich depressiv", sagt er. Zu viele Erinnerungen, zu viel Dekadenz.



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