Soziale Netzwerke Facebook kopiert Twitter

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass aus der einst freundlichen Konkurrenz zwischen Facebook und Twitter giftige Rivalität geworden ist, dann hat ihn der gestrige Donnerstag geliefert. Es ging um Instagram.

Instagram-Chef Systrom, neue Video-App: "Fangt doch endlich alle an zu klatschen"
Thomas Schulz

Instagram-Chef Systrom, neue Video-App: "Fangt doch endlich alle an zu klatschen"


Am Vormittag lokaler Zeit hatte Facebook ausgewählte Journalisten in das Konzernhauptquartier in Menlo Park eingeladen. Längst war bekannt geworden, worum es gehen sollte: Die erste große Neuerung bei Instagram seit der Übernahme durch Facebook im Frühjahr 2012.

Fast eine Milliarde Dollar hatte Facebook für Instagram gezahlt. Viel zu viel, sagen Kritiker. "Wir fangen jetzt erst richtig an mit diesem Produkt", sagt dagegen Facebook-Chef Mark Zuckerberg, als er die kleine Bühne betritt. Dann präsentiert er einen neuen Videomodus für Instagram. Nutzer können künftig nicht nur Fotos, sondern auch bis zu 15 Sekunden lange Clips teilen.

Nur: Bereits am Abend zuvor hatte Twitter gleich eine ganzen Reihe Neuerungen zu seinem eigenen Videodienst Vine durchsickern lassen. "Die versuchen, uns die Show zu stehlen", flüstert ein offensichtlich entnervter Facebook-Manager einem Kollegen mit Blick auf die neuesten Twitter-News auf einem Tech-Blog zu, kurz bevor Zuckerberg seine Ansprache beginnt. "Diese Penner", entgegnet der andere.

Twitter: Mehr Vine-Videos als Instagram-Fotos geteilt

Schon seit einiger Zeit ist zu beobachten, dass die Zeit der Verbundenheit zwischen Facebook und Twitter vorbei ist. Beide Netzwerke versuchen, die Vorherrschaft in einem Markt zu gewinnen, der nicht so groß ist wie in den euphorischen Anfangsjahren noch vermutet. Vor wenigen Wochen erst etwa hat Facebook Hashtags eingeführt, das von Twitter popularisierte Doppelkreuz zur Kennzeichnung von Schlagwörtern. Der Kurznachrichtendienst dagegen war Instagram mit seiner Video-App um ein halbes Jahr zuvorgekommen und verkündete prompt vor kurzem, Vine-Videos würden öfter geteilt als Instagram-Fotos.

Zuckerberg überlässt es Instagram-Mitgründer Kevin Systrom, die Details der neuen Videofunktion vorzustellen. Für einen Moment sind jedoch beide auf der kleinen Bühne, es ist eine seltsam anzusehende Stabübergabe, irgendwie rollenverkehrt. Auf der einen Seite Zuckerberg, wie immer in Turnschuhen, Hoody und T-Shirt. Der Vorzeige-Nerd, der aussieht, als ob er gerade aus dem Bett gefallen wäre, aber einen Konzern mit Tausenden Mitarbeitern führt. Systrom dagegen wirkt eher wie ein ehrgeiziger Frankfurter BWL-Student als wie der Leiter des winzigen Kreativ-Teams von Instagram: Fast drei Köpfe größer als Zuckerberg, frisch frisiert mit Seitenscheitel, Oberhemd und Lederschuhen.

Gelangweilte Stille

Systrom muss zunächst einmal viele Zahlen präsentieren. Sie sollen beweisen, dass Instagram seit der Übernahme durch Facebook nicht wie immer wieder gemunkelt an Popularität verloren hat. Systrom verkündet 16 Milliarden hochgeladene Fotos, 130 Millionen monatliche Nutzer.

Die Videofunktion steht allen Nutzern ab sofort über ein Update zur Verfügung. Aufgenommen werden können maximal 15 Sekunden lange Clips, die sich allerdings in beliebig viele kürzere Szenen unterteilen lassen, die am Ende zu einem Video zusammengefasst werden. Dazu gibt es 13 neue Filter mit Spezialeffekten. Das soll es aber noch nicht gewesen sein.

Systrom sagt, er habe sich extra noch etwas zum Schluss aufgehoben, eine Funktion die er "totalen Wahnsinn" finde und an der "die besten Videotechnologie-Wissenschaftler der Welt" gearbeitet hätten. Es ist eine Stabilisierungsfunktion, die für weniger wackelige Aufnahmen sorgen soll. Nach der hochtrabenden Ankündigung ist die Reaktion der rund zwei Dutzend Tech-Journalisten im Raum allerdings: gelangweilte Stille. Und so weist die neben mir stehende Instagram-Mitarbeiterin ihre Kollegen etwas panisch an: "Fangt doch endlich alle an zu klatschen."

"Wir haben das nicht mit dem Gedanken an Werbung entwickelt"

Auffallend ist, dass geteilte Videos automatisch abgespielt werden, wenn sie im Newsfeed auftauchen. Da liegt die Erwartung nahe, dass schon bald Werbevideos zwischen den Posts von Freunden auftauchen, denen man durch die automatische Wiedergabe nicht entgehen kann. Syström verneint das: "Wir haben das nicht mit dem Gedanken an Werbung entwickelt." Um dann aber kurz darauf hinzuzufügen, dass Instagram natürlich auch Geld verdienen müsse.

Der neue Videomodus scheint dazu auch ideal für Google Glass: Mit der Datenbrille aufgenommen Videos könnten direkt geteilt werden. Ist Instagram bereits dabei, eine App für Google Glass zu entwickeln? Sicher nicht, sagt Systrom, denn er habe Google Glass noch nie richtig ausprobiert. Es ist der überraschendeste Moment der ganzen Veranstaltung. Eine der bekanntesten Figuren des Silicon Valley besitzt noch nicht das wahrscheinlich meistdiskutierte neue Gadget?

Er habe sich ursprünglich mal ganz offiziell bei Google um die neue Datenbrille bemüht, erklärt Systrom. "Da hieß es, ich solle doch bitte ein Essay schreiben, warum ich Google Glass nutzen will. Ich hab denen dann gesagt: Ach, lasst mal."



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Schweijk 21.06.2013
1.
Was besseres fällt denen nicht ein? Traurig Traurig. Nur eine Frage der Zeit bis sie wieder aus dem NASDAQ 100 rausfliegen und zum Pennystock werden.
martin2011ac 21.06.2013
2.
Well, dass tun die doch alle, wirklich creative projekte wie z.B. jb-webs.com sind doch eher die Ausnahme. Jetzt kopiert also Facebook Twitter und morgen wird yahoo Facebook kopieren - wunder mich eigentlich nur warum Amazon und eBay noch keinen Twitter Service eineführt haben aber bis weihnachten kommt dass bestimmt auch noch
g.s.hess 21.06.2013
3. Twitter ?
Hab noch nie denn Sinn von Twitter verstanden.
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