Arbeitsmarkt Maschinen verdrängen Menschen

Es gibt wenige Orte auf der Welt, die so technologiefreundlich und fortschrittsgläubig sind wie das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Aber ausgerechnet von hier kommt nun eine eindringliche Warnung.
Montage in GM-Werk in Michigan: "Die Liste der Tätigkeiten, in denen Menschen besser als Maschinen sind, schrumpft rasant"

Montage in GM-Werk in Michigan: "Die Liste der Tätigkeiten, in denen Menschen besser als Maschinen sind, schrumpft rasant"

Foto: Jeff Kowalsky/ dpa

Die digitale Revolution wird zum globalen Problem für die Arbeitsmärkte, denn sie vernichtet Jobs schneller als sie neue schafft. Die Folge: Dauerhaft höhere Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne - wie in den USA bereits jetzt der Fall. Es droht "eine tektonische Verschiebung in der Arbeitswelt", warnt Andrew McAfee, Direktor am Center for Digital Business des MIT.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Erik Brynjolfson forscht er seit Jahren über die Auswirkungen des IT-Fortschritts auf die Wirtschaft. Die Schlussfolgerung der beiden Ökonomen : Im Kampf Mensch gegen Maschine ziehen wir dank immer billigerer und besserer Hardware und Software zunehmend den Kürzeren. Diese Entwicklung ist schon länger spürbar: Kassiererinnen werden durch Selbstbedienungskassen verdrängt, Fluggesellschafts-Mitarbeiter durch Check-in-Kioske, Börsenhändler durch Algorithmen. "Das ist aber bislang alles nur ein Vorgeschmack, in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir den Wandel weltweit erst richtig zu spüren bekommen", betonte McAfee, als ich ihn unlängst am MIT besuchte.

Die MIT-Ökonomen hatten ihre Forschungsergebnisse vor zwei Jahren erstmals veröffentlicht und damit in Fachkreisen für Aufruhr gesorgt. Inzwischen haben sie weiteres Datenmaterial gesammelt und dabei festgestellt: Die Entwicklung hat sich beschleunigt. "Die Liste der Tätigkeiten, in denen Menschen besser als Maschinen sind, schrumpft rasant", sagt McAfee. Anders als bei vorangegangenen technischen Revolutionen sind nicht nur einzelne Branchen bedroht; etwa Fließbandarbeiter in der Autoproduktion, die durch Roboter ersetzt werden. Zwar wird auch die Fabrikautomatisierung immer besser und billiger. Aber es geht vor allem um die breite Mitte von Dienstleistern und Angestellten: Call-Center-Mitarbeiter werden durch Telefon-Roboter ersetzt, Anwaltsgehilfen durch Computerprogramme, die Dokumente schneller und besser durchkämmen.

Untermauert werden die Beobachtungen der MIT-Forscher durch Wirtschaftsdaten aus den USA, die Ökonomen und Politikern schon seit Jahren Sorgen bereiten: Die Produktivität der größten Volkswirtschaft der Welt nimmt rasant zu, die Zahl der Arbeitsplätze aber stagniert. Die 2000er waren das erste Jahrzehnt seit der Depression, an dessen Ende es netto nicht mehr Jobs gab als zu Anfang - obwohl in den USA die Wirtschaftsleistung je Einwohner um ein Drittel höher liegt als vor 20 Jahren. Auch die aktuelle US-Arbeitslosenstatistik von Anfang April scheint das nur zu bestätigen: Trotz guten Wirtschaftsklimas und steigender Konsumlaune wurden viel weniger Jobs geschaffen als erwartet. Prompt brachen die Börsenkurse ein.

Die beiden MIT-Ökonomen sind deswegen nicht mehr alleine mit ihren Warnungen. Politiker und Wissenschaftler aller ideologischen Lager teilen inzwischen ihre Bedenken - darunter etwa der liberale Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman  genauso wie der konservative Wirtschafts-Nobelpreisträger Gary Becker .

Auch den IT-Pionier Jaron Lanier beschäftigt das Thema. Nächste Woche erscheint sein neues Buch "Who Owns the Future?". Darin beklagt er, dass die "narzisstischen" neuen Technologie-Giganten wie Google und Facebook mehr Jobs vernichten als schaffen. Der große Verlierer der neuen digitalen Weltordnung sei die Mittelklasse. Gehe die Entwicklung so weiter, würden zwangsweise "die Märkte schrumpfen und der Kapitalismus kollabieren".

Larnier mag zwar etwas zu klassenkämpferisch klingen. Nicht von der Hand zu weisen ist aber, dass die Technologisierung der Arbeitswelt zu einer gesellschaftlichen Verschiebung beiträgt, die schon länger zu beobachten und durch harte Daten belegt ist: Die Wohlstandsgewinne werden überproportional von den obersten Einkommensgruppen eingesteckt. Der Druck auf die unteren Einkommensgruppen nimmt gleichzeitig zu. Denn mit der Technisierung steigt auch die Komplexität der Jobs - und damit die Konkurrenz um die Arbeitsplätze, die weniger Fähigkeiten und Bildung verlangen.

Im aktuellen SPIEGEL habe ich mich ausführlicher mit dem Thema befasst.

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