Skurrile Aktionskunst "Boing! Boing! Pock!"

Das Kunstprojekt "Sonic Body Pong" überführt einen Atari-Videospielklassiker in die Realität - und verzerrt es zur Groteske. Spieler hüpfen mit grünen Schaumstoffbalken durch einen Hangar. Doch hinter dem schrillen Spiel verbirgt sich ein philosophisches Paradox.

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"Boing" hallt es durch eine Art Hangar. Zwei Kreidestriche sind parallel zueinander auf den Asphaltboden gemalt. Ein Mann und eine Frau bewegen sich im Seitwärtsschritt entlang dieser Linien. Beide tragen weiße Bauarbeiterhelme, an denen gut einen Meter breite grüne Schaumstoffbalken befestigt sind.

Sonic Body Pong: Atari postmodern

Sonic Body Pong: Atari postmodern

Phallisch sehen die aus und Nintendo-niedlich. Wie zwei kinderliebe Runkelrüben hüpfen die Frau und der Mann an ihren Kreidegrundlinien auf und ab, zwischen ihnen nichts als Luft.

Es zischt. Die Frau bleibt stehen, lauscht angespannt. "Boing" macht es wieder, der Mann hechtet die gegenüberliegende Linie entlang.

"Boing, boing, pock."

"Player Two: Victory!", ruft ein Mann, der offenbar eine Art Schiedsrichter ist. Einige Zuschauer applaudieren. Das Match ist vorbei.

Was sich hier abspielt, ist nicht etwa Pingpong in einer Irrenanstalt, sondern ein Kunstprojekt namens " Sonic Body Pong". Skurril mutet das an, erinnert irgendwie an die Schlussszene von Antonionis "Blow Up", in der ein Trupp Schauspieler mit einem unsichtbaren Ball Tennis spielt.

Tatsächlich gibt es Parallelen: "Sonic Body Pong" ist, ebenso wie Antonionis Parabel auf die Subjektivität der Wahrnehmung, eine Melange aus Spiel, Sport und Aktionskunst; es ist auf befremdliche Weise real und virtuell zugleich; es macht den Zuschauer zum Teil des Kunstwerks und das Kunstwerk zu einem Perpetuum Mobile, das sich selbst ewig am Laufen halten kann.

Schöpfer der Installation sind die New Yorker Medienkünstler Tikva Morowati, David Hindman und Spencer Kiser. Blaupause ihrer Kunst ist der Atari-Videospieleklassiker "Pong", bei dem es darum geht, einen über den Bildschirm hüpfenden Ball mittels eines weißen Strichs, der einen Tennisschläger symbolisiert, in die gegnerische Spielhälfte zu bugsieren.

Im Unterschied zum Original kommt die künstlerische Abstraktion allerdings ohne Atari-Konsole aus, das Spielfeld ist ein asphaltierter Hangar, der Spieler selbst wird zum Pong-Schläger, und der Ball ist unsichtbar. Damit der Schläger, also der Mensch, weiß, wo sich der Ball befindet, muss er sich voll und ganz auf sein Gehör verlassen: Über Kopfhörer nimmt er wahr, in welche Richtung der unsichtbare Ball gerade hüpft. Atari postmodern, sozusagen.

Das Publikum verfolgt das Match derweil via Großbildschirm. Dieser ist im klassischen "Pong"-Look gehalten, zeigt statt Spielern wieder weiße Striche und statt Geräuschen den Ball. Das Publikum sieht also mehr als der Spieler.

Doch es ist nicht nur das. Was sich hier abspielt, ist ein kognitives Paradox: Ein virtuelles Spiel wird in die Realität überführt, bleibt in dieser jedoch unvollkommen. Nur wer das - wiederum virtuelle - Abbild des realen Abbildes betrachtet, sieht das zentrales Element, um das sich alles dreht: den Ball.

Auf die Besucher der Ausstellung übt dieser Aufbau scheinbar eine große Faszination aus. Klatschend feuern sie die im Dunkeln tappenden Spieler an. "Boing, boing, pock" tönt es durch den Hangar. Und es ist, als spielten Antonioni und Atari auf ewig zusammen "Pong".

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