Missbrauch im Smart Home Er hat das Passwort - und damit die Macht

Vernetzte Thermometer, Kameras, Lautsprecher: Ums Digitale kümmern sich bei Paaren oft die Männer - ein gefährliches Ungleichgewicht. Bei einer Trennung kann das zum Problem werden.

  • Der Ex ist raus aus der gemeinsamen Wohnung, doch die Frau fühlt sich beobachtet. "Ich mag den Pulli, den du gestern angehabt hast", schreibt er ihr.
  • Monate nach einer schlimmen Trennung flattert einer anderen Frau eine astronomische Heizkostenabrechnung ins Haus. Dabei ist sie nur selten daheim.
  • Bei einem dritten Opfer gehen mitten in der Nacht die Lichter an. Die Musikanlage plärrt los. Morgens schreibt der ehemalige Partner: "Hast du gut geschlafen?"

Das alles sind Geschichten von Frauen, über die Erica Olsen zu berichten weiß. Olsen arbeitet in den USA beim "Nationalen Netzwerk zur Beendigung häuslicher Gewalt". Sie leitet bei der gemeinnützigen Organisation ein Projekt, das sich mit dem Missbrauch von Technik beschäftigt.

Denn alle drei Fälle haben etwas mit neuer Technik zu tun. Sie erzählen eine Geschichte davon, wie smarte, also internetfähige Geräte Einzug halten in unserem Zuhause - und später in Konfliktfällen so missbraucht werden, dass der Ort sich eben nicht mehr so anfühlt wie ein Zuhause.

  • Im ersten Fall nutzte der verbannte Partner das eingebaute System aus Überwachungskameras aus. Per Internet und App hatte er weiter Zugriff. Die Frau, die in der Wohnung geblieben war, hatte anfangs keine Ahnung, was passiert.
  • Im Fall mit der Heizkostenabrechnung ging der Täter besonders hinterlistig vor: Er wusste, wann die Frau die Wohnung verlässt - und drehte übers smarte Thermometer und per App aus der Ferne die Heizung hoch. Stunden, bevor die Mieterin zurückkam, machte er alles rückgängig.
  • Beim dritten Fall der nächtlichen Störung ging es dem Täter um eine offene Machtdemonstration: So einfach wirst du mich nicht los.

Traumatisierender Kontrollverlust daheim

"Wenn jemand erzählt, dass bei ihm unfreiwillig die Musik angestellt wurde, klingt das nicht sonderlich furchteinflößend. Aber diese Form des Missbrauchs kann extrem traumatisierend sein", sagt Olsen.

Erica Olsen

Erica Olsen

"Es geht ums Zuhause, das ein privater, sicherer Rückzugsort sein soll. Und das ist es plötzlich nicht mehr." Opfer fühlten sich, als hätten sich die eigenen vier Wände gegen sie verschworen, berichtet Olsen über ihre Beratungsgespräche.

Genaue Zahlen zu dieser Form des Missbrauchs gibt es laut Olsen noch nicht. "Das Phänomen ist sehr neu und schwierig zu erfassen. Wenn ein Täter es darauf anlegt, nicht entdeckt zu werden, klappt das oft auch. Es gibt ein großes Dunkelfeld."

Olsen rechnet damit, dass es in den nächsten Jahren mehr solcher Fälle geben wird, nicht nur in den USA, wo Smart-Home-Geräte noch beliebter sind als in Deutschland. Aber auch hierzulande steigt die Zahl der Haushalte, die auf smarte Heizungen, smarte Lampen oder smarte Türschlösser setzen.

Oft gilt: Der Mann kontrolliert die Technik

"Der Missbrauch dieser Systeme wird zunehmen, je günstiger und einfacher bedienbar sie werden", schätzt Olsen. Weil genaue Zahlen, fehlen, ist es schwer, über Opfergruppen Auskunft zu geben. In den meisten Fällen zeigen sich aber alte Geschlechterrollen, beschreibt Olsen. Sie schätzt, dass überwiegend Frauen von dieser Form des Missbrauchs betroffen sind.

Der Mann kauft die Technik, installiert alles und holt sich die App aufs Handy. Viele Frauen wüssten laut Olsen oft nicht genau, wie das alle funktioniere. Im Konfliktfall sind sie so ein leichtes Opfer.

Ist die Lösung, smarte Technik zu verbannen?

"Auf gar keinen Fall", sagt Olsen. "Wir wollen, dass Überlebende von Missbrauch Technologie zur Verfügung haben. Wer sie kontrollieren kann, kann die Geräte auch zu seinem Vorteil einsetzen."

Ein Beispiel: Wenn ein Ex-Partner sich immer wieder unerlaubt Zugang zur Wohnung des Opfers verschafft hat, kann eine Kamera Sicherheit bieten.

"Die wichtigste Frage ist: Wer managt die Accounts?"

Das sind Olsens Tipps für Frauen - und natürlich auch Männer:

  • Viele Opfer zweifeln zuerst an sich selbst. Werde ich verrückt? Bilde ich mir Verdachtsmomente nur ein? "Vertrauen Sie ihrem Instinkt", rät Olsen.
  • "Die wichtigste Frage ist: Wer managt die Accounts für die Geräte? Jeder sollte verstehen, wie die Technik funktioniert, die er im eigenen Zuhause um sich hat. Und jeder kann es lernen", sagt Olsen.
  • Wer sein Zuhause durchchecken will, sollte beim Router anfangen. Das ist ein Gerät, das den Internetverkehr daheim verwaltet: Welche Geräte wählen sich ins Heimnetzwerk ein? Unerwünschte Verbindungen können entfernt werden.
  • Olsen rät, sich einen Überblick über alle internetfähigen Geräte im Haushalt zu verschaffen - und berichtet von einem Fall, in dem ein Täter ein Mikrofon in der Wohnung platzierte, um mithören zu können. Versteckt in einem Kinderspielzeug. Als Geschenk.

Auch die Hersteller von smarten Geräten sollten künftig dafür sorgen, dass ihre Technik nicht so leicht missbraucht werden kann, sagt Olsen. Oft sei es sehr schwierig, den Inhaber des Haupt-Accounts auszutauschen. Hackerangriffe von außen seien eine bekannte Gefahr. "Aber die Hersteller gehen davon aus, dass zumindest das eigene Zuhause ein sicherer Ort ist."

Bei häuslichem Missbrauch ist diese Annahme leider falsch. "Die Realität ist: Viele, gerade Frauen, sind nicht sicher in ihren Beziehungen", sagt Olsen. Für sie gilt: Sicherheit und Privatsphäre sind enger verknüpft als je zuvor.

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