Grüner leben Film streamen statt DVD kaufen - ist das gut für die Umwelt?

Schonen wir unsere Umwelt, wenn wir auf digitale Technik setzen? Zwei Wissenschaftler versuchen, diese Frage zu beantworten. Sie haben eine klare Botschaft an uns Konsumenten.
Netflix-Logo auf TV

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Foto: Mike Blake/ REUTERS

Massentierhaltung, Verbrennungsabgase und Plastikmüll belasten unsere Umwelt, das wissen wir. An Tech-Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon denkt hingegen kaum jemand, wenn es um Umweltsünder geht.

Die Ökonomen Tilman Santarius und Steffen Lange störte das. In ihrem neuen Buch "Smarte grüne Welt?" versuchen sie sich daher an einer Umweltbilanz der digitalen Gesellschaft. Welchen Einfluss haben Big Data, Künstliche Intelligenz oder selbstfahrende Autos aufs Klima? Schütze ich die Umwelt, wenn ich einen Film nur online streame, mir aber keine DVD kaufe?

"Die Art und Weise, wie wir produzieren und konsumieren, muss grundlegend umgestaltet werden, um ökologisch nachhaltig und sozial gerecht zu werden", mahnen die Autoren. Sie arbeiten derzeit an dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Forschungsprojekt "Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation"  an der TU Berlin und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW).

Bezogen auf den Streaming-Trend und die eingesparte DVD bedeutet das zum Beispiel, dass eine ganze Reihe von Faktoren mitgedacht werden muss: Ganze 70 Prozent des weltweiten Datenaufkommens würden heute auf Streaming entfallen, so die Autoren. In Zukunft würden noch mehr Menschen streamen, zum Beispiel weil es für sie kostengünstiger, komfortabler, schneller ist. Zudem nehme auch das Datenvolumen der immer höher auflösenden Filme (PDF ) zu.

Größere Datenberge, höherer Stromverbrauch

Eine zentrale Herausforderung der Digitalisierung ist daher, wie wir immer größere Datenmengen speichern und bewegen, glauben die Autoren. Denn für riesige Datenberge werden nicht nur neue Geräte benötigt, die in ihrer Herstellung bereits viele Ressourcen verbrauchen, sondern auch mehr Rechenleistung und mehr Strom. Auch das Problem des Elektroschrotts, der oft noch mal durch die halbe Welt reist, dürfe man nicht außer Acht lassen.

Das gleiche Problem ergibt sich aber auch beim DVD-Spieler. Der Rohling selbst verbraucht Ressourcen in der Herstellung und dem physischen Transport zum Kunden. Diesen Teil der Gleichung rechnen die Autoren im Buch aber leider nicht konsequent durch, sodass sich keine konkrete Handlungsempfehlung für den Verbraucher ergibt. Die Botschaft: Es ist eben kompliziert.

Eines ist aber laut den Autoren auf jeden Fall problematisch aus ökologischer Sicht: der steigende Konsum. Santarius und Lange gehen davon aus, dass der globale Energieverbrauch von Informations- und Kommunikationstechnologien in den kommenden Jahren stark ansteigen wird. Der Verbrauch von Ressourcen und Energie müsse aber deutlich reduziert werden, um die Belastungsgrenzen des Planeten nicht zu sprengen, fordern sie.

"Die Gesellschaft wird ungerechter"

Ähnlich dystopisch geht es an anderen Stellen im Buch weiter, allerdings zeigen die Autoren auch immer die Chancen der Digitalisierung auf: So könnte diese nachhaltigere Konsumweisen fördern - etwa wenn Menschen ihre Güter und Dienstleistungen über Sharing-Plattformen miteinander teilten.

Noch trage die Digitalisierung aber dazu bei, dass die Gesellschaft ungerechter werde, meinen die Autoren und warnen: "Eine disruptive und einseitig kapitalistisch getriebene Digitalisierung könnte viele Menschen abhängen." Ihre Maxime lautet daher: "So viel Digitalisierung wie nötig, so wenig wie möglich."

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Santarius, Tilman, Lange, Steffen

Smarte grüne Welt?: Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit

Verlag: oekom verlag
Seitenzahl: 268
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Wie genau eine zielführend ausgestaltete Digitalisierung funktionieren soll, erörtern Santarius und Lange eindrücklich auf knapp 200 Seiten. Dabei schaffen sie es, die komplexen Mechanismen und Wechselwirkungen, die sich in der digitalen Sphäre abspielen, herunterzubrechen und den Leserinnen und Lesern anhand von Alltagsbeispielen, Grafiken und Bildern prägnant aufzuzeigen. Der Text wird dazu an manchen Stellen durch Infoboxen unterbrochen, in denen zentrale Begriffe - oder wie die Autoren sie nennen "Technik-Utopien" - wie Blockchain, Internet der Dinge oder 3D-Drucker kurz erklärt werden.

Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit

Von den Leserinnen und Lesern wird dabei wenig Vorwissen verlangt. Trotz wissenschaftlichen Anspruchs setzen die Autoren zudem auf eine einfache Sprache. Wer sich tiefer mit der Materie auseinandersetzen möchte, wird im 58-seitigen Anhang auf etliche Studien, Sachbücher und Artikel verwiesen. Damit ist den Autoren ein brauchbares Handbuch für jene gelungen, die eine solide Übersicht über die Chancen und Risiken der Digitalisierung im Spannungsfeld von Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit suchen.

Besonders charmant sind die im letzten Teil des Buches skizzierten Zukunftsvisionen einer nachhaltigen digitalisierten Welt; etwa einer, in der die Daten den Menschen gehören. Hier entwickeln die Autoren zugleich Leitprinzipien, auf die eine umwelt- und gerechtigkeitsorientierte Digitalisierung ausgerichtet werden sollte - und zeigen auf, was daraus für die Politik, die Zivilgesellschaft und für die Nutzerinnen und Nutzer folgt.

Über den einen oder anderen Vorschlag lässt sich streiten, wie etwa über ein grundsätzliches Werbeverbot oder eine Verpflichtung für Unternehmen, die Kriterien von Algorithmen  gänzlich offenzulegen. Auch klingen einige Vorschläge illusorisch - vor allem in Anbetracht gegenwärtiger Entwicklungen. Dadurch wird aber andererseits deutlich, was die Digitalisierung alles möglich machen könnte. Denn trotz der beschriebenen Dystopien ist das Buch von seiner Grundstimmung her grundsätzlich hoffnungsvoll.