"Smarttress" Die seltsame Geschichte von der Sex-Warn-Matratze

In Spanien wurde eine Matratze vorgestellt, die angeblich dank moderner Technik Ehebrecher überführen kann. Medien weltweit berichteten - sind sie auf einen aufwendig inszenierten Hoax hereingefallen?

Screenshot aus "Smarttress"-Werbeclip: Überall steht Ashley Madison
Durmet/ YouTube

Screenshot aus "Smarttress"-Werbeclip: Überall steht Ashley Madison

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Diese Produkteinführung ist eine globale Sensation.

Die Weltpresse berichtet, mit mehr oder minder anzüglichen Zeilen. "Bei Untreue schlägt die Matratze Alarm", titelt die "Süddeutsche Zeitung". "Smarte Matratze verrät, ob Ihr Partner Sie betrügt", schreibt der britische "Telegraph", "Die spanische Matratze, die betrügerische Ehegatten verpetzt" die "Times".

Ähnliche Artikel erscheinen auch in Indien und Australien, in den Niederlanden und in Japan, in der Türkei und in Russland, Italien und Thailand. Die "Smarttress", die Matratze, die angeblich mit Sensoren erfasst, ob gerade jemand auf ihr Sex hat und dann per App eine Smartphone-Warnung samt Livedaten verschickt, ist ein globaler Hit - zumindest medial.

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Smarttress: Smarte Matratze oder grandioser Fake?

Bei YouTube allerdings ist das englischsprachige Werbevideo am Dienstagvormittag erst 131.000-mal abgerufen worden. Das ist für einen globalen viralen Hit ein Witz.

Und ein Witz ist womöglich auch die Geschichte der Matratze selbst. Denn ob es das angeblich mit "Ultraschallsensoren" ausgestattete Gerät, das schon im kleinsten Format von 135 x 190 Zentimetern 1550 Euro kosten soll, tatsächlich gibt, ist unklar.

Globale Untreue-Epidemie?

Die internationalen Spanien-Korrespondenten, die zum Presse-Event am 13. April in Madrid erschienen, ließen sich jedenfalls überzeugen. Von einem Darstellerpaar, das mit Poloshirts mit dem Logo des angeblichen Herstellers "Durmet" auf einer Demonstrationsmatratze herumturnte, von Matratzeningenieuren, die über Sensortechnik und Smartphone-Apps sprachen. Und über die angebliche globale Untreue-Epidemie, die den Planeten gerade überrollt.

Die Belege für diese angebliche Epidemie lieferten Daten eines Unternehmens, das im Zusammenhang mit der Sexdetektor-Matratze auffällig oft genannt wird: das im vergangenen Jahr auf unrühmliche Weise in die Schlagzeilen geratene Seitensprungportal Ashley Madison. Damals veröffentlichten Hacker Millionen Nutzerdaten des Portals . Anschließende Analysen ergaben auch noch, dass Zehntausende Bots, also leblose Programme, als vermeintlich seitensprungwillige Damen auf dem Portal Nachrichten verschickten , um die zahlende, männliche Kundschaft bei Laune zu halten. Ashley Madison braucht dringend positive PR.

Dauer des Geschlechtsaktes, Druckverteilung auf dem Bett

Doch zurück ins Bett. Die "Smarttress" soll eifersüchtigen Ehegatten dazu dienen, aus der Ferne nicht nur zu erfahren, sondern auch noch en détail live mitzuverfolgen, wenn der Gemahl oder die Gemahlin sie gerade betrügt. Inklusive Erschütterungsfrequenz und -intensität, mit Erfassung der Dauer des außerehelichen Geschlechtsaktes und der Druckverteilung auf dem Bett.

Tatsächlich gibt es im nordwestspanischen Ordes, nahe La Coruna, eine Matratzenfabrik, die einem gewissen Antonio Muino gehört. Ein Foto der 2012 erst bezogenen Fabrik zeigt ein Schild, auf dem auch der Firmenname "Durmet" zu lesen ist. Ein Antonio Muino war auch beim Presseereignis in Madrid zugegen und sprach dort etwa über die "Verbindung von Technologie und Komfort". Ab da aber wird die Sache verdächtig.

Überall taucht eine bestimmte, internationale Werbeagentur auf

Die Durmet-Unternehmensseite nämlich existiert erst seit dem 12. April 2016 - dem Tag vor dem Presse-Event in Madrid. Registriert hat sie nicht Muino, sondern die spanische Dependence der internationalen Werbeagentur Grey, ebenso wie die Smarttress-Webseite selbst. Ein Unternehmen, das eine App-gekoppelte Hightech-Matratze herstellt, aber bis vergangene Woche keine eigene Website hatte?

Und es gibt noch mehr offene Fragen: Warum verwendet der Hersteller "Ultraschallsensoren" wenn Bewegungssensoren, wie sie in aktuellen Smartphones verbaut sind, für Centbeträge zu haben wären? Wer soll so ein Produkt überhaupt kaufen? Welches Ehepaar könnte sich darauf einigen, ein Eifersüchtigenwerkzeug im eigenen Schlafzimmer zu installieren? Wie soll man einem Ehepartner eine Matratze unterjubeln, deren Batterie regelmäßig aufgeladen werden muss?

Tatsächlich taucht die Werbeagentur Grey im Zusammenhang mit der Horchmatratze häufiger auf als der Hersteller selbst. Sie registrierte nicht nur die Webseiten, auch die spanische PR-Agentur, die sich auf Nachfrage als "Pressestelle von Durmet" meldet, listet zwar Grey Spanien unter ihren Kunden auf, nicht aber Durmet. Das liege aber nur daran, dass der Kunde noch so neu sei, heißt es dort auf Nachfrage.

Die Links zu angeblichen Smartress-Apps für iOS und Android, die auf der aufwendig gestalteten Smarttress-Seite zu finden sind, führen immer wieder zurück auf die Webseite selbst, nicht in einen App-Store. Auf Nachfrage stellt die PR-Agentur einen Link zur Verfügung, die dort hinterlegte Android-App heißt "Smarttresstest".

Herunterladen kann man sie von Deutschland aus nicht. Als Entwickler taucht wiederum nicht Durmet auf, sondern "Grey Iberia". Die Werbeagentur verantwortet also Werbung, Websites und App des angeblichen Hightechproduktes. Grey ist eine internationale Großagentur mit Tausenden Mitarbeitern und Umsätzen in Milliardenhöhe, ein Teil der WPP-Gruppe. Firmen wie Volvo, Gillette oder Vodafone sind Grey-Kunden. Und jetzt Durmet, ein Matratzenhersteller mit zehn Angestellten?

Gefälschte Screenshots im Werbevideo

Besonders auffällig ist das auf Englisch und Spanisch veröffentlichte Werbevideo selbst. Unterlegt mit dramatischer Musik wird dort verkündet, dass die digitale Gegenwart zu einer riesigen Welle außereherlicher Aktivität geführt habe, mit Ausrissen von Nachrichtenartikeln aus aller Welt als Beleg. Genauer: vermeintlichen Ausrissen, denn manche der gezeigten Screenshots wurden massiv bearbeitet. Und zwar immer so, dass plötzlich sehr werbliche Aussagen über Ashley Madison in der Zeile stehen.

Einen CNN-Artikel von 2013 mit der Originalüberschrift "Ashley Madison: Dating-Website verdient an Untreue in Asien" versahen die Werber mit der Zeile "32 Millionen Menschen nutzen die Seitensprung-Website Ashley Madison" - eine im Übrigen eher zweifelhafte Behauptung. Insgesamt taucht der Name der gebeutelten Datingplattform für Verheiratete mindestens sieben Mal in dem Video auf, zusätzlich noch mehrmals das Markenzeichen der Seite, ein Frauenmund mit "Psst"-Zeigefinger. Der Firmenname "Durmet" dagegen erscheint in dem Clip nur dreimal.

Ashley-Madison-Website
REUTERS

Ashley-Madison-Website

Die PR-Agentur, die angeblich den Matratzenhersteller vertritt, beteuert auf Nachfrage, alles sei echt und das Produkt gebe es wirklich. Man habe die Screenshots nur verändert, um das Ganze "sprachlich zu homogenisieren" und "das Ausmaß des Phänomens Untreue zu betonen". Und Ashley Madison sei nun einmal "die Messlatte im Bereich Untreue". Sollte sich eines der Medien beschweren, deren Inhalte man verändert wiedergibt, werde man dessen Logo aber entfernen. Ashley Madison hat auf eine Anfrage zum Thema nicht reagiert.

Unseren eigenen Versuchen und auch Berichten in den sozialen Medien zufolge hat noch niemand, der per E-Mail-Eingabe Interesse an einer "Smarttress" bekundet hat, eine Rückmeldung bekommen. Die Agentur begründet dies mit dem Andrang, der die Firma überrascht habe. Durmet sei nun einmal keine große Firma und wolle jedem potenziellen Kunden eine "persönliche Behandlung" zuteil werden lassen.

Wir würden fast wetten: Irgendwann demnächst - vielleicht kurz bevor im Juni in Cannes die jährlichen Werber-Oscars vergeben werden - wird jemand verkünden, dass es die "Smarttress" nie wirklich zu kaufen geben wird.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
amidelis 19.04.2016
1. Hamm
Der gute alte Keuschheitsgürtel aus Eisen scheint sich auch heute noch großem Interesse zu erfreuen :)
shine31 19.04.2016
2. Re: Keuschheitsgürtel
Wie wärs mit dem Keuschheitsgürtel mit App-Anbindung? Da wäre Alt und Neu schön miteinander verbunden ;)
didi2212 19.04.2016
3. Eine Webcam für 60 Euro tut es auch!
Und der Ehemann erhält sogar visuell kostenfrei eine Lehrstunde ... :-)
Christoph 19.04.2016
4.
Wenn es so eine Matratze wirklich gäbe, was sollte die bewirken, sobald allgemein bekannt wird, dass es sie gibt? Gerüchteweise habe ich mal gehört, dass man auch woanders als im Bett Sex haben kann ...
teesatz 19.04.2016
5. Der App-Keuschheitsgürtel
hätte noch einen weiteren Vorteil : Für die Erkennung eines Betruges bräuchte der 'nur' eine einfache Lichtschranke :-)
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