"Personen, die du vielleicht kennst" Wie Facebook Ihren Freundschaften nachspioniert

Facebooks Freundschaftsvorschläge sind oft so treffend, dass es einem unheimlich wird. Mit welchen Daten füttert das Netzwerk den Freunde-Finder? Wie zieht es daraus mitunter gefährliche Schlüsse? Eine Erklärung.

Woher kennt Facebook den Geschäftspartner, den man kurz zuvor das erste Mal getroffen hat? Wieso taucht der Klubflirt in den Freundschaftsvorschlägen auf, obwohl man den Namen erst seit wenigen Stunden kennt? Und wieso schlägt Facebook den Patienten einer Psychiaterin vor , Freunde zu werden, obwohl sie auf der Plattform nicht einmal mit der Ärztin in Kontakt stehen?

Wer sich mit der Facebook-Rubrik "Personen, die du vielleicht kennst" beschäftigt, merkt: Das soziale Netzwerk kennt seine Mitglieder sehr genau. Weil mehr Vernetzung für mehr Interaktionen und längere Besuchszeiten auf der Plattform sorgt - und damit für mehr Werbeeinnahmen - hat Facebook ein hohes Interesse daran, Nutzern treffende Kontakte vorzuschlagen.

Das kann ziemlich peinlich werden - oder richtig gruselig, wenn einem das soziale Netzwerk Personen als Freunde vorschlägt, von denen es eigentlich gar nichts wissen kann. Wir haben mit Experten gesprochen und uns angeschaut, mit welchen Daten das soziale Netzwerk seinen Freunde-Finder füttert.

Wer die gleiche Party besucht, kennt sich auch

Facebook vergleicht zuallererst freiwillige Profilangaben miteinander. Denn die Chance ist groß, dass sich Nutzer kennen, die auf der gleichen Schule waren oder in der gleichen Firma arbeiten. Wenn man einen neuen Job anfängt, dann dauert es meist auch nicht lange, bis die neuen Kollegen in der Vorschlagsliste auftauchen.

Es genügt schon, ein paar neue Kollegen hinzuzufügen, den Rest kann sich die Software selbst ausrechnen. Auch wer die Einladung zu einem Geburtstag annimmt, der kennt zumindest nach der Party die Gäste - und bekommt prompt die Profile angezeigt.

Web-Klicks und Sucheingaben

Um die weniger offensichtlichen Verbindungen aufzuspüren, nutzt der Facebook-Algorithmus vor allem eine mathematische Methode namens Link Prediction. Das ist die Vorhersage, zwischen welchen Mitgliedern in Zukunft wohl eine Verbindung entstehen wird. Facebook lässt dafür unter anderem das Verhalten der Nutzer einfließen. Aus jedem Chat, jeder "Gefällt mir"-Angabe, jeder Statusmeldung und jeder Sucheingabe bastelt die Software ein Verhaltensmuster, aus dem sich Vorlieben und somit ein bestimmtes Umfeld ermitteln lässt.

Dabei muss der Nutzer nicht einmal die Eingabe bestätigen. Es genügt, wenn er den Namen der Klubbekanntschaft von letzter Nacht in die Suchzeile eingibt und ohne Suchbefehl wieder löscht. Laut Norbert Fuhr, Informatikprofessor an der Universität Duisburg-Essen, sammelt Facebook alle eingegebenen Daten, "weil der Javascript-Code jedes eingetippte Zeichen sofort überträgt".

Auch außerhalb des Netzwerks werden die Nutzerbewegungen mitgeschnitten. Sobald ein "Like"-Button auf einer Website zu sehen ist, wird der Besuch des angemeldeten Facebook-Nutzers an das soziale Netzwerk übermittelt. Vor allem bei kleineren, lokal ausgerichteten Websites ist das verräterisch. "Auch wenn zwei Personen eine Reihe selten besuchter Webseiten gemeinsam haben, könnte man daraus einen Vorschlag generieren", sagt Fuhr.

Standortdaten: Facebook weiß, wo Ihr Rechner steht

Welche beängstigenden Ausmaße Facebooks Vorschlagsmasche annehmen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA: Dort wurden Patienten einer Psychiaterin sich gegenseitig als Freunde vorgeschlagen - obwohl sie sich untereinander nicht kannten. Auch mit der Psychiaterin als möglichem Bindeglied hatten sie laut einem "Fusion"-Bericht  keinen Kontakt über das soziale Netzwerk.

Die Patienten - einige suizidgefährdet, andere schwer krank - haben aber regelmäßig die Praxis der Psychiaterin besucht. Die Psychiaterin geht davon aus, dass Facebook die Patienten anhand der Standortdaten miteinander verknüpft hat. Facebook weist diesen Vorwurf jedoch zurück. "Wir benutzen keine Standortdaten, um Personen vorzuschlagen, die du kennen könntest, weder Standortdaten eines Geräts noch Ortsangaben, die du auf deinem Profil veröffentlichst", sagt eine Sprecherin auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Doch zumindest der grobe Standort des Rechners wird anhand der IP-Adresse übermittelt, und auch die Facebook-Messenger-App verlangt Zugriff auf GPS-Daten. Zudem hat Facebook vor einigen Monaten zugegeben, zumindest damit experimentiert zu haben, die Nutzer anhand ihrer Standortinformationen zu vernetzen . In jedem Fall gibt das Netzwerk durch seine Vorschläge in dieser Situation Hinweise über Nutzer preis, die diese wohl lieber geheim halten würden.

Solche Situationen seien aber selbst für die Mitarbeiter des sozialen Netzwerks schwer vorauszusehen, sagt Thorsten Strufe, Professor am Lehrstuhl für Datenschutz und Datensicherheit an der Technischen Universität Dresden. "Die Menschheit hat einfach noch keine Erfahrung mit solchen Datenmengen und deren automatisierter Auswertung, also kommt es natürlich immer wieder zu Vorfällen, die ethisch oder geschmacklich zweifelhaft sind."

Smartphone-Adressbuch als wichtige Informationsquelle

Laut Strufe ist der Standort aber gar nicht so entscheidend für den Facebook-Algorithmus. Schließlich können die Nutzer sich auch zufällig an der gleichen Stelle aufhalten. Viel wichtiger sind seiner Meinung nach Informationen, die von den Mitgliedern freiwillig geliefert werden, indem sie Facebook entsprechende Berechtigungen einräumen.

Vor allem Telefonnummern und E-Mail-Adressen sind gefragtes Futter für Facebook. Mit solchen konkreten Daten könne der Algorithmus das tatsächliche soziale Netzwerk laut Strufe besser verstehen. "Bei Facebook interagiert man ja fast nur mit entfernteren Freunden und Bekannten, deutlich weniger mit engen Freunden, mit denen man aber telefoniert und SMS oder E-Mails austauscht."

Wie viel man selbst bereits hochgeladen hat, kann man hier nachprüfen . Durch solche Aktionen verrät jeder Nutzer zudem nicht nur viel über sich selbst - sondern auch über seine Freunde. Selbst zurückhaltende Nutzer werden so kategorisiert.

Diese Informationen liefern eine weitere mögliche Erklärung, wie es im Fall der Psychiaterin zu den ungewollten Facebook-Vorschlägen bei ihren Patienten kam: Möglicherweise hatten mehrere Patienten die Nummer der Ärztin in ihrem Handy gespeichert - und erlaubten Facebook den Zugriff auf die Smartphone-Kontakte. Laut Thorsten Strufe könnte der Algorithmus so die Brücke zwischen den Personen schlagen: "Wenn wir beide häufig mit der gleichen dritten Person kommunizieren, dann müssen wir uns ja eigentlich auch kennen."


Haben Sie auch schon einmal ungewöhnliche Freundes-Vorschläge von Facebook bekommen? Erzählen Sie uns Ihre Geschichten hinter den Vorschlägen! Unter spon.netzwelt@spiegel.de  sammeln wir die skurrilsten und witzigsten Anekdoten. Schicken Sie uns einfach eine E-Mail, bitte mit dem Betreff "Facebook-Freunde".