Rechtsextreme auf Social Media "Für manche Eltern ist das Internet ja vielleicht auch eine fremde Welt"

Für die Radikalisierung und die Propaganda von Attentätern wie Stephan Balliet spielt das Internet eine wichtige Rolle. Forscher Flemming Ipsen erklärt, worauf Eltern angesichts rechtsextremer Online-Subkultur achten sollten.
Ein Interview von Max Hoppenstedt
Die sogenannte Identitäre Bewegung setzt besonders stark auf soziale Medien, um ihre Inhalte zu verbreiten. Inzwischen haben zahlreiche Plattformen ihre Kanäle allerdings verbannt (Archivbild)

Die sogenannte Identitäre Bewegung setzt besonders stark auf soziale Medien, um ihre Inhalte zu verbreiten. Inzwischen haben zahlreiche Plattformen ihre Kanäle allerdings verbannt (Archivbild)

Foto: Bernd Von Jutrczenka/ dpa

Am heutigen Dienstag beginnt in Magdeburg der Prozess gegen Stephan Balliet. Es ist das erste Mal, dass sich vor einem deutschen Gericht ein "Anon" wegen rechtsterroristischer Morde verantworten muss. "Anon" nennen sich Foren-Nutzer aus der Online-Subkultur der sogenannten Imageboards. Viele dieser Nutzer sind jüngere, weiße Männer; sexistische, rassistische und antisemitische Hetze ist in den Foren allgegenwärtig. Für Stephan B. spielte diese Szene eine wichtige Rolle, ähnlich war es bereits bei den Attentätern von Christchurch und El Paso.

Flemming Ipsen hat für die aktuelle Studie "Rechtsextremismus im Netz"  nicht nur jene Nischen untersucht, für die Attentäter wie Stephan Balliet ihre live gestreamten Morde inszenierten, sondern auch die Strategien von Rechtsextremen auf Plattformen wie Instagram, YouTube und Facebook. Die Hetze dort sei zwar oft so formuliert, dass sie nicht strafbar sei, sagt er - dennoch schaffe sie einen Resonanzboden, der potenzielle Attentäter bestärken könne.

Zur Person
Foto: Jugendschutz.net

Flemming Ipsen, 32, ist Soziologe und Referent für Rechtsextremismus bei jugendschutz.net, der von Bund und Ländern finanzierten Zentralstelle für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Netz. Für die Untersuchung "Rechtsextremismus im Netz" hat er zahlreiche Plattformen untersucht, auf denen Rechtsextreme ihre Propaganda verbreiten und gezielt Jugendliche ansprechen.

SPIEGEL: Herr Ipsen, Sie warnen, dass Jugendliche und Schüler im Netz gezielt von Rechtsextremen angesprochen werden. Mit welchen Inhalten geschieht das?

Flemming Ipsen: Rechtsextreme versuchen an alle Themen und Trends anzudocken, die Jugendliche aus ihrer Lebenswelt kennen. Identitärer Rap ist hier inzwischen bedeutender als traditioneller Rechtsrock.

SPIEGEL: Mit welcher Strategie versuchen rechte Rapper denn für Jugendliche attraktiver zu sein als rechte Rockmusik?

Ipsen: Die meisten rechten Rapper aus diesem Spektrum nutzen keine platten, auf den ersten Blick eindeutig rechtsextremistischen Parolen oder strafbare Symbole. Sie treten auch nicht im Verborgenen auf geheimen Konzerten auf, wie man das von Neonazi-Rockbands kennt. Stattdessen inszenieren sie sich auf Social Media als sehr nahbar. Sie vermischen dort Marketing mit Videos und Fotos von dem, was sie als ihr Privatleben darstellen. So versuchen sie, eine Nähe zu ihren Followern herzustellen. Ganz wie man es von normalen Influencern und Influencerinnen kennt.

SPIEGEL: Und wie sieht das aus, wenn Rechte auf Social Media wie Influencer agieren?

Ipsen: Am Beispiel des Rappers Chris Ares lässt sich das gut beobachten: Rechtsextreme starten von ihren Accounts große Mitmach-Kampagnen, die wie persönliche, spontane Kampagnen aussehen sollen. Sie treten nach außen so auf, als wären sie von traditionellen neonazistischen Organisationen unabhängig und würden nur für sich stehen. Dabei arbeitet Chris Ares mit Kadern der sogenannten Identitären Bewegung zusammen und hat keine Berührungsängste zu Personen mit Neonazi-Vergangenheit.

"Rechtsextreme überlegen sich strategisch, welche Games sich eignen"

SPIEGEL: Sie berichten, dass Rechte auch Videospiele nutzen, um ihre Ideologie zu verbreiten. Welche Spiele sind das denn?

Ipsen: Wir haben das unter anderem bei Spielen aus der "Battlefield"-Reihe beobachtet. Rechtsextreme überlegen sich strategisch, welche Games sich eignen, um Jugendliche zum Beispiel über die Chat-Funktion direkt anzusprechen. Auf der Plattform Steam, wo Spiele gekauft und diskutiert werden, gibt es außerdem Gruppen, die rechtsextreme Amokläufer verherrlichen. Steam löscht zwar immer mal wieder volksverhetzende Inhalte, aber gerade bei den Gaming-Plattformen wäre ein besseres, systematisches Vorgehen der Plattformen gegen Hetze wirklich notwendig. Besonders vor dem Hintergrund, dass dort zahlreiche Jugendliche und Kinder unterwegs sind.

SPIEGEL: In Ihrer Studie schreiben Sie an mehreren Stellen über Memes, also lustig gemeinte Posts, die oft nur aus einem Bild und einem darüber gelegten Text bestehen. Memes sind alltäglicher Teil des Internethumors. Sie warnen aber, dass Rechtsextreme mit eigenen Memes zum Beispiel Muslime oder Juden entmenschlichen würden. Warum sind solche einfachen Bild-Posts problematisch?

Ipsen: Wir sehen immer wieder Memes, die sich über den Holocaust oder bekannte historische Personen wie Anne Frank lustig machen. Das kann man als Tabubruch oder Provokation abtun - das Gefährliche ist aber, dass sie den Holocaust dadurch verharmlosen. Wir geben auch Workshops an Schulen. Wenn wir dann über rassistische oder antisemitische Memes diskutieren und Beispiele zeigen, passiert es immer wieder, dass Jugendlichen erst mal lachen oder den darin mitschwingenden Rassismus oder Antisemitismus gar nicht bemerken.

SPIEGEL: Was antworten Sie, wenn Jugendliche sagen, das sei doch nur ein Witz?

Ipsen: Ich spreche mit ihnen darüber, was denn eigentlich die Aussage hinter dem Meme ist. Wenn wir uns das vergegenwärtigt haben, bleibt den meisten das Lachen doch im Halse stecken. Nach einem längeren Gespräch merkt man schon, dass es bei den Jugendlichen Klick macht.

SPIEGEL: Sind Ihrer Erfahrung nach eher Jungs oder eher Mädchen für rechtsextreme Online-Inhalte empfänglich?

Ipsen: Wenn man sich anschaut, wer sich online in den Kommentaren tummelt, sind es schon eher Jungs. Aber es gibt auch Aktivistinnen, die Propaganda machen, die sich an junge Frauen richtet. Wir beobachten, dass Rechtsextreme online auch bewusst Themen wie Sexualität, Geschlechteridentität und Rollenbilder ansprechen, weil das Jugendliche in der Pubertät viel beschäftigt.

"Eltern sollten einfach offen nachfragen"

SPIEGEL: Die Messenger-App Telegram ist in den vergangenen Monaten für die rechtsextreme Szene immer wichtiger geworden. Wie bewerten Sie die Nutzung der App durch Rechtsextreme?

Ipsen: Auf Telegram gibt es sehr unterschiedliche rechtsextreme Kanäle: Das reicht von drastischen, Terror-verherrlichenden Inhalten bis zu auf den ersten Blick harmlosen Kommentaren. Problematisch ist, dass Inhalte von den verschiedenen Kanälen untereinander häufig geteilt und weitergeleitet werden. So landet man von harmloseren Kanälen doch ziemlich schnell bei expliziten Gewaltaufrufen, zum Beispiel gegen jüdische Menschen, gegen Schwarze oder gegen Migranten.

SPIEGEL: Was sollten Eltern und Schüler beachten, um nicht rechtsextremen Online-Kampagnen aufzusitzen?

Ipsen: Das Wichtigste für Eltern ist aus meiner Sicht, mit ihrem Kind in Kontakt zu bleiben. Reden Sie mit Ihrem Kind darüber, was es im Netz so tut, und seien sie aufgeschlossen! Es hat beim Thema Rechtsextremismus schnell den Anschein, als sei das Netz nur schlimm und schrecklich. Das stimmt natürlich nicht. Es ist bloß wichtig, dass Kinder und Jugendliche und eben auch die Eltern lernen, manipulierende Kampagnen zu erkennen. Für manche Eltern ist das Internet ja vielleicht auch eine fremde Welt. Dabei ist das Netz ein spannender Ort und es lohnt sich, neugierig zu sein, was dort passiert.

SPIEGEL: Wie könnte so ein Gespräch zwischen Eltern und Kind denn aussehen?

Ipsen: Eltern sollten einfach offen nachfragen, wenn ihnen extreme Aussagen auffallen: Wo hast du das her? Oder fragen, ob dem Kind schon aufgefallen ist, dass in einem Video im Hintergrund doch subtil Propaganda versteckt wurde. So können sie herausfinden, ob eine extremistische Denke wirklich schon internalisiert wurde oder ob vielleicht nur mal ein Video über WhatsApp weitergeleitet wurde.

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