Social Network "Wer kennt wen?" Das Dieter-Birgit-Kevin-Netz

"Wer kennt wen?" ist das seltsamste Netzwerk im deutschen Web - und der neueste Star. Nicht Studis und Manager tummeln sich hier, sondern 40-Plus-Normalos und ihre Kinder. Mit Blümchen-Grüßen und Gedichten sorgen sie für Milliarden von Klicks. Wer darüber lacht, hat den Knall noch nicht gehört.

"Über 200 kenn ich jetzt", sagt der Dieter und lacht einmal trocken. Seine Mimik zeigt, dass er das ziemlich seltsam, aber auch ganz schön cool findet. "Ist doch kein Wunder", sagt Thomas. "Du kennst ja auch jeden."

Klar, denn der Endvierziger Dieter ist bei der Berufsfeuerwehr. "Wenn du mit dem durch die Einkaufsstraße gehst", erklärt Thomas, "kommst du aus dem Grüßen nicht mehr heraus."

Soll heißen: Im realen Leben kennt der Dieter noch mehr Menschen, als bei "Wer kennt wen?" - aber das könnte sich sehr schnell ändern. Denn auch wenn man bei "Wer kennt wen?" in der Regel zuerst die trifft, die man sowieso schon kennt, häufen sich bald schon die Freundschaftsanfragen von eigentlich Wildfremden. Das bekommt auch Thomas zu spüren, wenige Tage, nachdem er sich von Dieter ins Netzwerk locken ließ: "Eigentlich wollte ich da alte Bekannte wiederfinden. Jetzt kriege ich Einladungen von allen möglichen Leuten."

Der ganz normale virtuelle Beziehungsstress also. Mit nur einem feinen Unterschied zu den MySpaces, Facebooks, StudiVZs, Orkuts und all den anderen Social Networks dieser Welt: " Wer kennt wen ?" erreicht eine völlig andere Zielgruppe. Viele der dort Aktiven haben das Wort Social Network wahrscheinlich noch nie gehört - und es würde sie auch nicht interessieren.

Ist weniger mehr?

"Wer kennt wen?" ist das wohl seltsamste Social Network, das derzeit in Deutschland aktiv ist. Anders als Xing, StudiVZ oder Facebook tummeln sich dort nicht nur Manager, Studenten, Nerds, PC-Süchtige und Pubertierende, sondern vornehmlich das Otto-Normalverbraucher-Segment der Generation 40plus - und deren Kinder.

Werbung braucht WkW, wie die Seite von den meisten salopp, aber fast zärtlich genannt wird, auch nicht. Sie wurde innerhalb eines knappen halben Jahres trotzdem zur dritterfolgreichsten Website im Lande. Für den August wies die Online-Reichweitenkontrolle der IVW "Wer kennt wen?" ein Klickvolumen von 3,5 Milliarden Seitenaufrufen aus. WkW wächst dabei von ganz allein, und das vornehmlich beim Grillen. Und Dieter ist der prototypische Nutzer.

Denn die Dieters dieser Republik, die Birgits sowie ihre Kinder Kevin und Laura sind die Katalysatoren des Netzwerkes. Als der Siegburger Feuerwehrmann Dieter im April seinen Account eröffnete, zählte WkW knapp über 1,5 Millionen Nutzer, und auch an Dieters Heimatort war noch relativ tote Hose. Doch die Leute vor Ort fanden sich schnell, besuchten sich online gegenseitig, sprachen auf der Straße darüber, im Freundeskreis, beim Grillen.

"Hast du gesehen, dass die XYZ jetzt auch drin ist?", ist da ein häufiger Satz. "Die hab ich kaum erkannt", eine häufige Antwort: "Die hat ja vielleicht zugelegt!" Bei WkW wird nicht online darüber gelästert, was andere offline tun, sondern offline über das, was sie bei WkW bieten. Das zieht, das macht neugierig, da ist man doch gern dabei: Heute sind bei WkW 3,5 Millionen Nutzer registriert.

Koblenz, der Nabel der Welt

Deftig wird es, wenn plötzlich die "Hallo, erinnerst du dich noch an mich?"-Anfragen von Ex-Freunden und -Freundinnen kommen. Heftig wird es mitunter, wenn man sich selbst auf irgendwelchen Fotos erkennt - per Metatag dann auch noch namentlich ausgewiesen und recherchierbar. Ähnlich abenteuerlich wie bei anderen Social Networks lesen sich dann auch die Datenschutz-Bestimmungen der Seite. Da wird gesammelt, was man sammeln kann, wenn auch angeblich nicht weitergegeben. Immerhin hat der Nutzer die Möglichkeit, über die Einstellungen festzulegen, in wie weit er die Hose herablassen will. Das aber tut kaum jemand, was in der Natur des Netzes liegt: Wer bei WkW aktiv ist, will ja erkennbar sein.

WkW wirkt so, als hätte man StudiVZ mit dem Nachbarschafts-Kaffeeklatsch sowie dem örtlichen Marktplatz gekreuzt.

Bemerkenswert ist auch die Kommunikationsform. Der normale WkW-User ist vor allem damit beschäftigt, sein erweitertes soziales Netzwerk online abzubilden. Wer noch nicht "drin" ist, wird angeworben, wer dabei ist, wird eingesammelt. Im nächsten Schritt: Gegenseitige Besuche, dokumentiert durch Grußbotschaften. Dabei entstehen regionale Cluster von bemerkenswerter Dichte: Aus der Perspektive von WkW ist Koblenz die größte Stadt Deutschlands, denn dort sind unfassbare 35 Prozent der Bevölkerung dabei - kein Wunder, denn hier nahm WkW seinen Anfang.

"Und gemeint ist wirklich die Bevölkerung, nicht der Prozentsatz an den Internet-Nutzern", unterstreicht Patrick Ohler, der die Seite 2006 zusammen mit Fabian Jager aus der Taufe hob. Die Idee, erzählt Ohler, kam den beiden in der Mensa-Warteschlange: Social Networks, befanden die beiden, gab es zwar viele - aber keines, das sich wirklich explizit an ganz normale Internet-Nutzer wandte. Die Idee eines Netzwerks entstand, das auf sämtlichen Firlefanz verzichten sollte. Die Seite sollte kein Thema haben, keine irgendwie definierte Zielgruppe. Entsprechend einfach ist WkW gestrickt. Man kann:

  • "Eigene Seite gestalten und Foto hochladen"
  • "Freunde und Bekannte einladen oder finden"
  • "Gruppen (Vereine etc.) in der Umgebung finden oder eigene Gruppen erstellen"
  • Chatten
  • Bloggen

Das reicht offensichtlich. Schon der Name des Netzwerkes drückt eigentlich alles aus, was es zu bieten hat.

Wahrhaft viral

Gut zwei Jahre lange köchelte WkW auf kleiner Flamme. Ohler und Jager studierten in Koblenz, und zuerst verbreitete sich das Netz dort. Weil es vor allem über Mundpropaganda wuchs, verbreitete es sich in konzentrischen Kreisen vom Deutschen Eck aus in Richtung Eifel, Hunsrück, Saarland, Hessen, in den Westerwald, ins südliche Nordrhein-Westfalen.

"Viral" sei diese Werbung gewesen, sagen die Gründer, und selten war der Begriff passender für die Ausbreitung eines Web-Phänomens. Ortloses, weltweites Medium? Pustekuchen: WkW war und ist vor allem regional und viral, verbreitet sich, wie sich Masern verbreiten. Da, wo Infizierte auf noch nicht Infizierte treffen.

Das Geheimnis des WkW-Erfolges

Das Erfolgsgeheimnis ist der Mangel an Komplexität. WkW ist auch für Menschen nutzbar, für die E-Mail eine Geheimwissenschaft ist. "Für viele unserer Nutzer", sagt Ohler, "ist die Benachrichtigungsfunktion von WkW so eine Art Ersatz-E-Mail. Sie finden das viel natürlicher: Sie schreiben nicht an eine E-Mail-Adresse, sondern an eine Person mit Namen und Vornamen."

So, ist man da versucht zu sagen, sollte das ja eigentlich auch sein. Es ist Web 0.2, aber dem 2.0 (siehe Kasten unten) in vielerlei Hinsicht überlegen. Diggs, Taggings, Einbinden von Videos? Mash-ups, Geo-Funktionen, Mobileinbindung? Podcasts, Musik-Streams oder P2P? Alles Fehlanzeige.

Stattdessen: Grüße, Gedichte, liebevoll zusammengetippte ASCII-Art (siehe Bildergalerie unten). Wer darüber lächelt, hat den Knall noch nicht gehört: WkW könnte das Zeug haben, die elitäreren Social Networks mit Karacho auf die Plätze zu verweisen.

RTL im Hintergrund

Das fand man offenbar auch bei RTL. Im Februar kaufte sich der Interactive-Ableger des Kölner Senders 49 Prozent der Firmenanteile. Kurz darauf gab RTL-Miteigner Bertelsmann seinen scheintoten Social-Network-Versuch Bloomstreet auf und empfahl der kleinen Nutzer-Schar den Umzug zu WkW. Seit Juli vermarktet die RTL-Tochter IP Deutschland die Werbeplätze dort. Darüber hinaus setzt WkW auf Provisionsgeschäfte: Seit August haben WkW-Mitglieder beispielsweise kostenlosen Zugang zum Reiseclub TripHunter (sie sparen damit 12,50 Euro). Geben sie da Geld aus, klingelt auch bei WkW die Kasse.

Ob sie das schon zu Millionären gemacht hat, wollen Ohler und Jager nicht verraten. Wahrscheinlich ist es nicht. Aber es könnte ja noch werden: RTL hat eine Vorkaufsoption. Wie viel der Sender für die ersten 49 Prozent bezahlt hat, ist nicht bekannt. Sollte aber Rupert Murdoch anrufen, um WkW zu kaufen, müsste der sich an RTL richten - ohne den starken Partner aus Köln geht nichts mehr.

WkW selbst ist von Koblenz nach Köln gezogen, beschäftigt mittlerweile 36 Mitarbeiter. Es dürften noch mehr werden, denn Größe schafft auch Probleme - alle Social Networks haben das erfahren müssen. Und natürlich gibt es auch bei WkW Gruppen mit reichlich eindeutigen Interessen: über 400 Gruppen tragen das Wort "Flirt" im Namen, rund 6900 "Sex". Etwa 60 Gruppen diskutieren über "Seitensprung", und selbst "Notgeil" ist noch bei 35 Namensbestandteil.

Bussis und Blümchen

Noch setzt WkW vor allem auf die aktive Mithilfe der Community, um den Stall sauber zu halten. Noch gab es keine größeren Probleme, weder mit abgedrehten Nazis noch mit Kinderpornografen. Tatsächlich scheinen die Selbstreinigungskräfte besser zu funktionieren als bei anderen Networks: In einigen der "Sex"-Foren (bei vielen ist der Namensbestandteil nur Teil eines Gags) zensieren die Gruppengründer gründlich die Schreibereien unwillkommener Schmierfinken. Doch natürlich gibt es auch reichlich deftige Gruppen. Unter dem Strich jedoch ist WkW ungewöhnlich unbrisant.

Denn obwohl WkW kein Thema vorgibt, hat es sein Thema irgendwie gefunden: freundlicher Sozialkontakt. Nicht von ungefähr bringen viele WkW'ler bei einem ersten Besuch auf der Profilseite dem Anderen virtuelle Blümchen mit. Natürlich ist WkW dabei auch eine Zoten-Zone, ein Ort für Gags und Schenkelklopfer. Während die Gruppe "Astronomie für Anfänger" elf Mitglieder zählt, kommt "Gefangene der Gastronomie" auf 1611. Chuck-Norris-Gruppen gibt es über 300. Da ist es dann auch klar, dass sich hier nicht nur Papa einloggt, sondern auch der 15-jährige Sohnemann.

Heraus kommt dabei eine eigentümliche Demografie. Es ist das Mittensegment der Gesellschaft, dass sich hier zusammenfindet, vorzugsweise das mittlere Alterssegment und deren Kinder. Ihre Fußballvereine haben eigene Gruppen, ihre Schulen, ihre Dörfer und die Stadtteile, aus denen sie einst kamen. Am Dienstagnachmittag gab es allein 982 Gruppen, die das Wort "Einschulung", einen Jahrgang und einen Schulnamen im Namen trugen.

Es wird immer wahrscheinlicher, dass da auch Ihre erste Klasse dabei ist.

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