Social Networks "West Wing"-Macher verfilmt Facebook

Den explosiven Erfolg des Netzwerkes Facebook hat der gefeierte amerikanische Drehbuchautor Aaron Sorkin mit einer Atombombe verglichen. Nun will er die Facebook-Geschichte verfilmen - doch Sorkin selbst ist erklärter Internet-Verächter. Als Regisseur ist David Fincher ("Fight Club") im Gespräch.

Von Anjana Shrivastava


Der Erfolgsautor Aaron Sorkin, 47 Sorkin sucht seine Erzählstoffe bei den amerikanischen Eliten. Nur folgerichtig eigentlich, dass er sich nach den Mächtigen von Washington nun einen Harvard-Sprössling, den jüngsten Milliardär der USA vorgenommen hat - Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Sorkin will die Entstehung der Studenten-Community verfilmen. Als Regisseur ist mehreren Hollywood-Magazinen zufolge David Fincher im Gespräch, der Filme wie "Sieben", "Fight Club" und zuletzt "Der seltsame Fall des Benjamim Button" gemacht hat.

Mark Zuckerberg: Jüngster Milliardär der USA
Erik Seemann

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Mit seiner preisgekrönten Fernsehserie "West Wing" erfand Sorkin 1999 das Weiße Haus neu - als spannendste Bühne der Nation. Das Publikum folgte den fesselnden Dialogen von Spin-Doctors und Strippenziehern der Weltmacht und belauschte das Flurgeflüster der Mitarbeiter des fiktiven demokratischen Präsidenten Bartlett - während im echten Weißen Haus George W. Bush regierte. Sorkins Hauptstadt-Figuren sind Idealisten mit goldenen Herzen, allen voran der von Martin Sheen gespielte Präsident als Vorsitzender der Tafelrunde.

Nun aber soll der 24-jährigen Facebook-Gründer Mark Zuckerberg durch die Sorkinsche Drehbbuch-Mühle. Das ist ein Wagnis. Denn Sorkin ist zwar ein glänzender Beobachter und Kenner politischer Spielregeln. Doch im Internet gelten andere Gesetze als in der Welt der Kongresse, Büros und Hinterzimmer. Sorkin bewegt sich nun auf unbekanntem Terrain - einem Terrain, dem er bislang mit großer Ablehnung gegenüberstand.

Am Image des Sonnyboys kratzen

Zuckerberg ist das Vorbild der Hauptfigur in dem von Sony Pictures geplanten Film "The Social Network" - eine Hauptfigur, die so ziemlich das Gegenteil des altersweisen Präsidenten Jed Bartlett darstellt. Heute behauptet Zuckerberg unermüdlich, dass Facebook ein idealistisches Projekt für "Offenheit" und "Transparenz" im Dienste seiner weltweit 175 Millionen Nutzer sei. An diesem Image will Sorkin nun kratzen - allerdings, ohne sich mit dem Netz auseinanderzusetzen.

Sorkins Produzenten von Sony bestätigen gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass sich das Drehbuch eng an ein im Juli bei Random House erscheinendes Buch anlehnt: Ben Mezrichs "The Accidental Billionaires - The Founding of Facebook: A Tale of Sex, Money, Genius and Betrayal." So verstrickt sich Sorkin in grellen Verschwörungsthesen über die Gründung von Facebook unter Havard-Kommilitonen. Die eigentliche Brisanz der Facebook-Entwicklung als Zuckerbergs weltweites gesellschaftliches Experiment droht somit in Kolportage unterzugehen.

Zuckerberg erfand sein Produkt nicht im Hi-Tech-Mekka von Palo Alto, sondern schon mit 19, ganz allein in seinem verwinkelten Harvard-Zimmer an der Ostküste.

Aus seinen eigenen Notizen - mittlerweile Beweismaterial für einige gescheiterte Prozesse gegen ihn - geht hervor, dass enttäuschte Liebe ein Antrieb seines Unternehmergeistes gewesen sein muss. Eine Kommilitonin hatte ihm einen Korb gegeben. Zuckerberg sann auf Rache. Zunächst dachte er an eine Website, auf der er Fotos von Harvard-Studentinnen neben Bildern von Farmtieren ins Netz stellen wollte - die Leser sollten per Vote entscheiden, ob Mädchen oder Tier auf der Seite schöner sei.

"Fragen hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte"

Ganz so grob wurde Zuckerberg dann doch nicht. Auf der Site "Facemash," fanden sich schließlich Mädchenbilder, allesamt von Harvards traditionellen und analogen "Facebook" geklaut. Per Klick ließen sich die Bilder paarweise vergleichen, bis eine Rankingliste erstellt worden war. Innerhalb weniger Stunden hatten 450 männliche Studenten abgestimmt. Die Compus-Polizei schritt umgehend ein.

Im anschließenden Skandal rettete sich Zuckerberg mit massiver Selbstkritik. Zuckerberg beteuerte, dass "Facemash" unvollendet und aus Versehen in die Öffentlichkeit gelangt sei: "Die Fragen hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte der Menschen scheinen unüberwindbar, und ich will es nicht riskieren, irgendjemanden zu beleidigen."

Solche öffentliche Selbstkritik gehört bis heute zum Facebook-Repertoire des Revoltenmanagements - das hat sich auch in diversen Auseinandersetzungen mit den eigenen Nutzern seit den Anfangstagen immer wieder gezeigt.

Filmreif ist der Harvard-Stoff zweifelsohne, doch Sorkin interessiert sich vorrangig für das elitäre Gerangel um den Besitz von Facebook, um die Mädchen und Milliarden, die die Gedanken von Harvard-Jungunternehmern angeblich bald beherrschten. Die Intrigen, die luxuriösen Feten von Harvards elitärsten Clubs werden von Ben Mezrich, 40, üppig - und fiktiv - geschildert. Es entspinnt sich ein Drama um die Strippenzieher, die angeblich die Welt lenken. Doch das Internet funktioniert so nicht.

"Wie voyeuristisch der Mensch tatsächlich ist"

In der Wirklichkeit scheint der asketische Zuckerberg, der früher gelegentlich zu Verhandlungen im Pyjama erschien, eher mit der Konkurrenz gespielt zu haben. Der Psychologiestudent konzentrierte sich stattdessen auf Philosophisches, auf das allgemeinmenschliche Verhalten, das den wahren Treibstoff von Facebook bis heute ausmacht. Der Sohn eines Zahnarztes und einer Psychiaterin stellte nach der "Facemash"- Episode fest: "Ich hätte es selber nie für möglich gehalten, wie voyeuristisch der Mensch tatsächlich ist."

Zuckerberg gab sich einst selbst den revolutionären - wohl aber nicht ganz ernstgemeinten - Titel "Founder, Master and Commander, Enemy of the State". Seither ist viel passiert - der einstige selbsternannte Staatsfeind hat Nutzer-Revolten, öffentliche Debatten, kritische Berichterstattung überstanden. Doch eben diese Ereignisse nach der Gründung von Facebook werden nach Sorkins eigenen Angaben ausdrücklich ausgespart.

Sorkin sieht sich selbst als "Internet-Verächter". Für den Misserfolg seiner Serie, "Studio 60 on Sunset Strip" macht er hämische Kritiker im Netz verantwortlich. Er wetterte 2007 öffentlich gegen die Amateurhaftigkeit von Bloggern, sowie die angebliche Nivellierung der Netzkultur. Sein Credo: "Everybody's voice oughtn't to be equal", - "nicht jede Stimme sollte gleich viel gelten."

Narziss und Nostalgiker

Da ist Zuckerberg egalitärer und geschickter. Seit der Gründung von Facebook 2004 schuf er, - stufenweise auf das ursprünglich elitäre Harvard-"Facebook" aufbauend -, ein Netzwerk, das heute theoretisch weltweit für jedem offensteht. Trotz aller Neider und Ankläger bewahrt Zuckerberg traumwandlerisch seinen Führungsanspruch.

Bis heute haben Amerikas Gerichte mehrfach entschieden, dass Zuckerberg definitiv der Erfinder von Facebook ist. Sorkin jedoch folgt dem verschwörungsbesessenen Ben Mezrich auf seinem Weg. Mezrich ist für sein "Bringing Down the House," bekannt, eine Kolportage aus Fakt und haarsträubender Fiktion über MIT-Studenten, die Las Vegas geknackt haben. Letzten Sommer kam die Geschichte als Film unter dem Titel "21" in die Kinos. Nun wird die gleiche Produktionsgesellschaft Sorkins "The Social Network" produzieren, sobald Mezrichs Buch fertig ist.

Dana Brunetti, der gemeinsam mit Oscarpreisträger Kevin Spacey diese Produktionsgesellschaft leitet, erklärte SPIEGEL ONLINE, er sei absolut sicher, dass durch die erhebliche Fiktionalisierung der Geschichte keinerlei Persönlichkeitsrechte von Zuckerberg verletzt würden.

Das wird sich noch erweisen. Aaron Sorkin dagegen verwendet unterdessen seine Facebook-Seite "Aaron Sorkin & The Facebook Movie" nicht etwa, um an den tobenden Netzdebatten teilzunehmen - sondern um die Endlosschleife des Lobes von den "West Wing"-Fans abzunehmen. Da wird Sorkin dann doch ganz zum tragisch braven Facebook-Bürger, ein nostalgischer Narziss im Netz.



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