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Hacker-Camp: Mond über Finowfurt

Foto: Sascha Ludwig

Sommercamp des Chaos Computer Clubs Hacker träumen von der Mondlandung

Sie wollen ein Satellitennetz im Weltraum installieren und einen fahrtüchtigen Mondroboter konstruieren: Auf dem Chaos Communication Camp im brandenburgischen Finowfurt treffen sich diese Woche rund 3000 Hacker. Außer dem Programmieren verfolgen einige von ihnen außerirdische Ziele.

Der Mond ist über Finowfurt in diesen Tagen fast nie zu sehen, eine dichte Wolkendecke verhängt den Blick. Für die Besucher des Chaos Communication Camps ist das locker zu verschmerzen, wenn eintritt, was Nick Farr behauptet: In 23 Jahren könnte vielleicht einer von ihnen dort oben spazieren gehen. "Das ist die dritte Stufe unseres Hacker-Raumfahrtprogramms", sagt er, "wir schicken einen Hacker auf den Mond!"

Sein Publikum lacht, Farr bleibt ernst. Im Alltag ist er Geschäftsmann aus Washington DC; in der Keynote zum Sommercamp des Chaos Computer Clubs (CCC) erklärt er mit zwei weiteren Sprechern, wie die Pläne für die kommenden Jahre aussehen: Innerhalb von vier Jahren soll ein Satellitennetz im Weltraum entstehen, mit dem ein neues Internet betrieben wird. Ein offenes und freies, unkontrollierbares Netz - geschaffen und gewartet von Hackern aus aller Welt, also unter anderem den Besuchern dieses Camps. Bis 2020 soll es gelingen, einen Hacker in den Weltraum zu schicken, und danach könne man ja zumindest mit der Planung für eine bemannte Mondlandung beginnen. Sagt jedenfalls Nick Farr.

In Finowfurt bei Eberswalde scheint in diesen Tagen alles möglich; vor allem soll alles für möglich gehalten werden: Rund 3000 Computer- und Technikfreaks haben in dem kleinen Ort wieder ihre eigene Stadt errichtet , mitten auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen, der das Luftfahrtmuseum beherbergt. 500 weitere Gäste werden bis Sonntag erwartet. Zelt steht an Zelt, vom kleinen Iglu bis zum großen Partyzelt, eingerichtet mit Küchenzeile, Sofa und viel Technik.

"Unser Plan ist nicht größenwahnsinnig"

Im Jubiläumsjahr - der CCC wird 30 - ist das Camp größer als je zuvor: Mittlerweile belegt die Zeltlandschaft auf fast 200.000 Quadratmeter. Beamer und Stühle verwandeln die alten Hangars in Hörsäle, sobald es dunkel wird am Rollfeld, bietet sich ein futuristisches Schauspiel: Rote Lichtstehlen hängen über den Zelten und an jeder Ecke blinkt es rot, grün und gelb in den bewölkten Himmel. Ausgerechnet hier, zwischen uralten Flugmaschinen und Wracks aus dem zweiten Weltkrieg, treffen sich Hacker und planen Raketen und Raumflüge. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal mit fast provozierendem Nachdruck.

"Unser Plan ist nicht größenwahnsinnig", sagt Lars Weiler vom CCC, der das ehrgeizige "Programm" zusammen mit Farr vorgestellt hat. "Es geht ja darum, Visionen zu wecken und gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten. Auf dem Weg dorthin wird es viele Rückschläge geben, aber es werden sich dabei auch ganz andere Disziplinen und Projekte entwickeln." Das Sommercamp des Clubs bietet ein gutes Forum für solche Pläne. Anders als beim Jahreskongress im Dezember geht es hier freier und verspielter zu. "Das Camp ist ein bisschen so, wie der Kongress in den Anfangstagen gedacht war", sagt Weiler, "man bringt seine Technik mit, zeigt sie und tüftelt daran herum."

Der Mond als Reflektor für Satellitenkommunikation

So wie die "Part-Time Scientists" ein paar Zelte weiter, die ihrer Mondmission schon wesentlich näher gekommen sind: Sie sitzen vor ihrem Zelt und haben einen Prototyp ihres Rovers dabei, der im besten Fall schon 2013 auf dem Mond fahren soll. Zu den "Teilzeitwissenschaftlern" gehören Ingenieure, Wissenschaftler, Informatiker und Technikfreaks. Sie nehmen am Google Lunar X Prize teil, einem Wettbewerb zur Förderung der privaten Raumfahrt: Wer gewinnen will, muss eine Sonde sanft auf dem Mond landen und einen fahrenden Roboter (Rover) dort 500 Meter fahren lassen, dabei Bilder und Daten zur Erde schicken. Dafür winken 20 Millionen US-Dollar, mit Sonderpreisen sogar 30 Millionen.

Die internationalen Part-Time Scientists haben viel Geld und Zeit in ihr Projekt gesteckt; jetzt steht auf dem Rasen zwischen Heringen und Zeltschnüren ein Prototyp ihres Rovers, allein 30.000 Euro wert. "Wir haben das Projekt im Jahr 2009 auf dem CCC-Kongress vorgestellt. Damals waren wir vielleicht 10 oder 15 Leute, mittlerweile machen schon 70 mit", sagt Michael Mussler. Er begrüßt ausdrücklich die Raumfahrtpläne der Keynote-Sprecher: "Bei uns ist das ja nur schon spruchreif, weil wir schon lange daran arbeiten. Bei denen wird das auch noch konkreter, keine Sorge."

Tatsächlich wird längst an allen Ecken und Enden des Zeltlagers getüftelt: Manche bauen die "CubeSats", die kleinen Satelliten, die später das besagte Kommunikationsnetz bilden sollen. Funker nutzen den Mond als Reflektionsfläche, wieder andere schießen Modellraketen in den Himmel. Und jeden Tag gibt es Vorträge und Workshops zur Raketenwissenschaft.

"Aufbruch zu neuen Grenzen"

"Es geht hier um Visionen, um Utopien", sagt Lars Weiler. Und um die nächste Grenze, die Teile der Szene schon lange reizt und beschäftigt. Weiler glaubt: "Jetzt ist eben die Zeit reif. Das Camp soll ein Kick-Off sein." Das sehen längst nicht alle Besucher so. "Haben wir nicht genug Probleme auf der Erde, die wir zuerst lösen sollten?", fragt ein Zuhörer nach dem Vortrag. Ein anderer fragt nach der Finanzierung der Weltraumprojekte und erhält die vage Antwort, man müsse Sponsoren finden. Vorher war schon die Rede davon, privat zusammenzulegen, um die 20.000 Euro für den nächsten Satelliten-Transport zu bezahlen.

Viele Camp-Besucher geben allerdings offen zu, weder an Raketen ein gesteigertes Interesse noch von Raumfahrt eine Ahnung zu haben. "Die Pläne sollte man vielleicht eher metaphorisch sehen als Aufbruch zu neuen Grenzen", sagt CCC-Sprecherin Constanze Kurz und lacht, "meiner Ansicht nach ist es auch nicht die Hauptaufgabe des Clubs, auf den Mond zu fliegen."

Beim nächsten Camp wird sich zeigen, ob der Zeitplan für das freie Satelliten-Internet zu ehrgeizig war. Das sind noch vier Jahre. Constanze Kurz plant wesentlich kurzfristiger: "Bevor hier irgendjemand in den Weltraum aufbricht, müssen wir erst mal das Camp gut über die Bühne bringen." Das sind noch vier Tage.

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