"Sorry Everybody" im Interview "Man hat mir Saddam aufs Gesicht gesetzt"

Er steht hinter der wohl meistbeachteten Webseite, seit John Kerry die US-Wahlen verlor, und er ist ein politischer Scherzkeks vor dem Herrn: Der anonyme Macher von "Sorry Everybody" erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE Sinn und Zweck der humorigen Polit-Aktion und welche Hass-Mails er schon bekommen hat.


Der anonyme Macher und sein Werk: "Sorry everybody"

Der anonyme Macher und sein Werk: "Sorry everybody"

SPIEGEL ONLINE:

Wer sind Sie, und wie kamen Sie auf die Idee für "Sorry everybody"?

Antwort: Ich ziehe es vor, anonym zu bleiben. Ich bin Amerikaner, also folgte ich, konfrontiert mit dem Kummer und Herzschmerz nach unseren Wahlen, meinem ersten Instinkt: davon zu profitieren.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten Sie auf eigene Rechnung, oder werden Sie von jemandem finanziert?

Antwort: Diese Unternehmung ist völlig unabhängig, von keiner größeren Organisation unterstützt und getragen nur von einer Gruppe gelangweilter Nerds. Wenn wir durch irgendeine verborgene kommerzielle Organisation unterstützt oder finanziert würden, hätte unser Server wohl kaum so schnell den Geist aufgegeben. Es ist auch kein Geheimnis, dass die Seite ursprünglich auf einem für Studenten reservierten Webserver lag.

SPIEGEL ONLINE: Was für Reaktionen haben Sie bisher auf ihren Aufruf bekommen? Gab es außergewöhnlich lustige oder unverschämte Zusendungen?

Antwort: Ich bin enttäuscht darüber, dass wir weniger Nacktheiten zugesandt bekommen haben, als man von den Bewohnern des Internet erwarten würde. Was wir zu sehen bekamen, waren wahlmüde Pandabären, "We're sorry" mit Süßigkeiten geschrieben, eine geistreiche Analogie zwischen Florida und einem Phallus und viel zu viele Köstlichkeiten, als dass man sie aufzählen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Fotos haben Sie bisher erhalten?

Antwort: Die kümmerlichen 16 Fotos, die man auf der ursprünglichen Seite sehen konnte, waren alles, was wir online bringen konnten, bevor der Server abstürzte. Ungefähr zwei Drittel der rund 2000 E-Mails, die ich bis jetzt bekommen habe, enthalten Fotos oder Zeichnungen. Im Laufe der Zeit werden wir die alle veröffentlichen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es unfreundliche Reaktionen?

Antwort: Ich bin überrascht, dass Sie im derzeitigen politischen Klima in Amerika harte Reaktionen erwarten! Einige der Hass-Mails, die wir erhalten haben, sind schon etwas ganz Besonderes. Jemand hat mir Saddam Hussein aufs Gesicht gesetzt. Meine geistige Zurechnungsfähigkeit, meine sexuelle Orientierung, meine Herkunft und Loyalität gegenüber meinem Land werden infrage gestellt. Ich könnte weitere Beispiele beibringen, aber es fällt mir schwer, aus diesem Füllhorn voller Juwelen eine Auswahl zu treffen. Lassen wir es dabei, dass die Grundstimmung unter den Hass-Mailern eine der genüsslichen Verachtung ist. Ich vermute, sie fühlen sich mächtig bedroht dadurch, dass ihre Mitbürger Kontakt zu diesen gefürchteten Fremden suchen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die amerikanischen Medien auf Ihren Versuch in Sachen internationale Kommunikation reagiert?

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Antwort: Bisher haben wir die Aufmerksamkeit zumindest eines großen Medienhauses geweckt. Es bleibt abzuwarten, ob sich daraus etwas ergibt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie weitere Pläne mit Ihrer Website?

Antwort: Während wir hier miteinander reden, sollte die zweite, respektablere Version unserer Webseite ihr Debüt erleben. Sie verfügt über eine Datenbank-Schnittstelle und ein Formular zur Einreichung von Beiträgen, so dass wir uns nicht mehr länger durch Haufen von E-Mails wühlen müssen. Wir beginnen damit, Spenden anzunehmen und überlegen, irgendwann in der Zukunft auch Werbung zuzulassen. Es mag auch sein, dass wir damit beginnen werden, Merchandizing-Artikel zu verkaufen. Wichtig ist, bei all dem zu erwähnen, dass die Profite aus all diesen Unternehmungen international orientierten Wohltätigkeitsorganisationen wie Amnesty International zugute kommen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch etwas, was Sie den "gefürchteten Fremden" jenseits des Atlantik mit auf den Weg geben möchten?

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Antwort: Denen jenseits des Atlantik wie des Pazifik. Sie sollen wissen, dass ich selbst mich in erster Linie als Bürger dieser Welt fühle, dann als Amerikaner, und es gibt viele, viele wie mich. Ich liebe und achte mein Land, und das sollten auch sie tun, im Großen und Ganzen. Ich dachte nur, dass die schmerzhaften Ereignisse der letzten Jahre durch ein wenig einfache Höflichkeit ein bisschen gelindert werden könnten. Ich danke allen für ihre Aufmerksamkeit.

Die Fragen stellte Frank Patalong

P.S.: Die "Sorry everybody"-Webseiten sind nach wie vor sehr schwer zu erreichen, zeitweilig offline. Das derzeit überaus große Publikumsinteresse sollte in einigen Tagen abebben.



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