Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Der Knalleffekt ersetzt die Erkenntnis

Der Diskurs im Netz ist kaputt - und damit zu einem verheerenden Modell auch für den politischen Diskurs der Gegenwart geworden. Die Verhaltensweisen der Trolle werden politisch hoffähig, von Donald Trump bis Frauke Petry.
AfD-Chefin Frauke Petry: Spöttisches Lächeln, den Kopf schütteln, die Augen kurz verdrehen

AfD-Chefin Frauke Petry: Spöttisches Lächeln, den Kopf schütteln, die Augen kurz verdrehen

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Der Tweet einer Frau mit dem Pseudonym "mamasnark" von Ende November 2015 erklärt das Phänomen Donald Trump  mit einer so lustigen wie klugen, aber bestürzenden Parallele:

"Im Grunde genommen ist Trump genau das, was passieren würde, wenn sich die Kommentarspalte im Internet in einen Menschen verwandelt und als Präsident kandidiert."

In diesem Tweet steckt nicht nur viel Wahres über Donald Trump und das digitale Kommentariat. Dahinter verbirgt sich auch eine mögliche Erklärung für das katastrophale Erstarken der Rechtsradikalen in Europa von Ungarns Premier Viktor Orban bis zu Front-National-Chefin Marine Le Pen. Und ebenso für den Zuspruch für die AfD.

Internet-Kommentare sind zum Symbol geworden für ungefähr alles, was an der Welt falsch ist, der Blitzhass, die Knalldummheit, die offen rausgerotzte Gewaltbereitschaft. Anfang November hatte ich versucht, den Rechtspopulismus anhand der Internetfigur des Trolls zu erklären. Es gibt dabei erstaunliche Parallelen, vor allem, sich ständig provoziert zu fühlen: Rechtspopulismus entlarvt sich im Netz als simplizistischer Opferkult nach Troll-Art zur Aufstachelung und Ablehnung eigener Verantwortung. Die faschistoide Trump-Eskalation in den USA offenbart nun eine weitere Parallele zwischen den Radikalen und den empörten Netzkommentatoren.

Ein Internetkommentar muss nur sich selbst und dem Moment genügen, er ist ausschließlich Kommunikation im Jetzt. Internetkommentare werden viel gelesen und oft verbreitet, wenn sie eine Zuspitzung so formulieren, dass sie den Geschmack der Netzmassen treffen, und das ist das einzige Kriterium, es gibt kein wahr oder falsch, keine Recherche, kein Abwägen, es zählt wirklich nur der Moment der Rezeption. Der Klick auf Like, der Retweet, das Sharen ist eine rein situative und emotionale Angelegenheit. Der Internetkommentar steht daher als Symbol für eine Kommunikation ohne jede Verantwortung für Vergangenheit oder Zukunft oder irgendwelche Folgen.

Die Soziale-Medien-Demokratie

In den Neunzigerjahren wurde die Wirkung der Massenmedien, vor allem des Fernsehens, auf die Politik unter dem Begriff Mediendemokratie  viel diskutiert. Jetzt scheint eine neue Spielart dazugekommen: die Soziale-Medien-Demokratie, die sich entlangbewegt an den viralen Verbreitungsmechaniken von Social Media. Dafür spricht auch die Dominanz des animierten Gif in der politischen Debatte der USA, die Zeitschrift "Fortune" schreibt von der Ära des Gif  als Nachfolger des politischen Fernseh-Zitats.

Der Internetkommentar ist ironischerweise das Symbol für das vorläufige Ende des Diskurses: Es kommt nur noch auf die emotionale Inszenierung des Moments an. Die spontan gefühlte Wahrheit ersetzt die Wahrheit, die momentane Überrumpelung ersetzt das Argument, der plötzliche Knalleffekt ersetzt die Erkenntnis. Bei einer Diskussion kommt es nicht darauf an, wer argumentativ überzeugt, sondern wer so wirkt, als habe er gewonnen. Der völlig verbogene Internetdiskurs vollendet damit, was das Fernsehen begonnen hatte: Politik nur für den Moment, Politik für Leute ohne Gedächtnis, Politik ohne Verantwortung für Vergangenheit oder Zukunft.

Das mag sich kulturpessimistisch anhören, aber tatsächlich ist meiner Meinung nach die Voraussetzung für einen wirksamen Gesellschafts- und Fortschrittsoptimismus, sich zunächst die Realität des Netzdiskurses einzugestehen. Und die ist dunkel. Ende des Jahres 2015 gibt es die gleißenden, funkelnden und klugen Netzdiskussionen , es gibt die produktiven Netzdebatten, die sich die Netzavantgarde seit Beginn des Internets erhofft hatte. Aber sie entfalten - noch - eine wesentlich geringere Wirkmacht als die Internetkommentare nach Art der Trolle. Das Netz ist nach gesellschaftlichen Maßstäben gemessen noch sehr jung, und es gibt berechtigte Hoffnung, dass sich irgendwann ein digitaler Diskurs durchsetzt, der differenziert. Aber der Neuaufbau einer funktionierenden Netzzivilisation braucht sehr viel mehr Zeit als erhofft und erwartet.

Bis dahin bestimmen die beschriebenen Prinzipien des dumpfen und dampfigen Internetkommentars immer stärker das politische Geschehen. In den USA mit den Republikanern und deren braunem Schaumkrönchen Trump, in Frankreich mit dem Front National, mit den rechtsdrehenden Regierungen in Polen und Ungarn und in Deutschland mit der Pegida-Partei AfD.

Es geht nicht um Diskussion, sondern nur um Darstellung

Mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry saß ich im April, nach dem Anschlag von Tröglitz, in der Talkshow "Maybrit Illner" . Sie hat dort wie in vielen anderen Talkshows vorgeführt, wie sich der Mechanismus und die Kraft des Internetkommentars in andere Medien übertragen lässt. Ein ständiges spöttisches Lächeln, den Kopf schütteln, die Augen kurz verdrehen - ohne jedes Argument inszenieren, dass das Gegenüber Unrecht hat. Inzwischen beherrscht sie eine Reihe weiterer Tricks , allem voran den Dauerstrom an Sätzen, nach Art des Internetkommentators, der alle anderen in die Genervtheitsstarre quasselt, was wiederum nur Leute überzeugt, die Plauderpräsenz für Rechthaben halten, Airtime statt Erkenntnis.

Dunja Hayali fragte Petry  bei "Hart aber fair" Ende November: "Sind Sie überhaupt zugänglich für irgendwas?" Die Antwort lautet natürlich: Nein, weil jede diskursive Zugänglichkeit voraussetzt, dass man überhaupt diskutieren will. Das stimmt für Petry ebensowenig wie für Trump und den durchschnittlichen Trollkommentator, es geht nicht um Diskussion, sondern nur um Darstellung. Rechtspopulisten haben vom Internetkommentator gelernt, dass man eine Debatte gar nicht führen muss, um zu behaupten, man habe sie gewonnen.

Ironischerweise und irgendwie auch zur Ehrenrettung des Genres Netzkommentar hat eine Person namens Scott D. Weitzenhoffer den gesamten Sachverhalt schon 2005 in einem seitdem oft variierten Internetkommentar auf Amazon  perfekt beschrieben.

Weitzenhoffer bezog sich auf Nutzerrezensionen zu einem Buch über die Evolution, das von rechten Kreationismustrollen in Grund und Boden kommentiert wurde. Er schuf das schönste Bild für den Nichtdiskurs, den das Netz und zunehmend die Politik beeinflusst: "Mit Kreationisten über Evolution zu diskutieren, ist wie Schach spielen mit einer Taube: Sie wirft die Spielfiguren um, kackt auf das Spielbrett und fliegt dann zurück zu ihrem Schwarm, um ihren Sieg zu feiern."

tl;dr

Der spontane, dumpfe, rein emotionale Internetkommentar dient als Blaupause der rechtspopulistischen Politik von Trump bis AfD.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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