Sascha Lobo

Krise der SPD Versucht es doch mal mit Sympathie

Auf ihre miesen Wahlergebnisse und Umfragewerte reagiert die SPD mit maximal langweiligen Verweisen auf ihre Sachpolitik. In emotionalen Zeiten wie diesen sollte sie eher auf Sympathie setzen.

Angela Merkel kündigt ihren schrittweisen Abschied aus der Politik an, und in der Folge ist die SPD in einer Umfrage  mit sagenhaften 14 Prozent die viertstärkste Kraft im Bund. Aus diesem Niedergang speist sich inzwischen ein eigenes literarisches Genre: Exratschläge (Betonung auf "Schläge"), also die öffentliche Klugrede  ehemaliger Partei-Granden, die der SPD erklären , wie sie mit dem gegenwärtigen Debakel zu verfahren habe. Weil zu ihrer Zeit die SPD nicht von 17 auf 14 Prozent stürzte, sondern von 24 auf 20 Prozent.

Die Gründe für den Niedergang der SPD sind nicht monokausal und nicht nur deutsch, in ganz Europa taumelt die Sozialdemokratie. Aber einen zu wenig beachteten Erfolgsfaktor der SPD-Politik glaube ich in sozialen Medien ausgemacht zu haben: persönliche Sympathie.

Politische Äußerungen von Privatleuten in sozialen Medien sind auffällig oft gefärbt von Sympathie- oder Antipathiebekundungen. Manchmal nur zwischen den Zeilen, oft offensichtlich, aber beinahe allgegenwärtig. Weil soziale Medien ohnehin ab Werk extrem emotional funktionieren, fällt dieser Umstand bloß weniger auf. Natürlich ist Politik nicht ausschließlich eine Frage der Sympathie, wie der BILD- und CDU-Kandidat Friedrich Merz soeben eindrucksvoll beweist. Gerade in konservativeren Sphären wird Sympathie gern eingetauscht gegen Härte. Zudem gilt dort anders als bei Linken oft das als sympathisch, was Erfolg verspricht.

Die SPD unterschätzt den Sympathie-Faktor

Obwohl ich nicht beschwören kann, dass diese These richtig ist und sie hauptsächlich auf Beobachtungen in sozialen Medien beruht, möchte ich dieser Annahme weiter folgen - die SPD scheint den Faktor persönliche Sympathie für politischen Erfolg dramatisch zu unterschätzen.

Die öffentliche Reaktion der Parteiführung auf ihre Krise lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Wir machen die sachpolitischste Sachpolitik aller Zeiten! Hundert SPD-Forderungen umgesetzt! Rückwirkende Vorabfreistellung für nachparitätische Halbtagskräfte zu 92 Prozent bei vollem Wiedereingliederungsausgleich erreicht! Die SPD erscheint samt Spitzenpersonal offenbar immer mehr Leuten unsympathisch, aber sie bekämpft den Sympathiemangel mit Sachargumenten. Es wirkt, als wolle die Partei das emotionale Problem ihrer Nichtwähler rational lösen.

Erfolg in der Politik hängt unmittelbar an der gesellschaftlichen Stimmung, und wir leben erkennbar in emotionalen, aufgewühlten und empörten Zeiten. Es ist mir ein Rätsel, wie man dann mit dem drögstmöglichen Schlachtruf "Sachpolitik" auf Erfolg hofft, wo entweder eine positive Wendung der Emotionalität (Vision, Hoffnung) oder die offensive Ausstrahlung von Ruhe und Sicherheit (Souveränität) gefragt wäre.

Wenn die These von der Sympathie als unterschätztem SPD-Problem stimmt, dann wird daran die Ungerechtigkeit der Welt deutlich. Denn Sympathie ist eine so heimtückisch flüchtige wie unfair verteilte Ressource. Es gibt dieses chinesische Sprichwort: "Wer kein freundliches Gesicht hat, soll keinen Laden aufmachen." Man sucht sich nicht aus, ob das eigene Gesicht von der Mehrheit der Leute auf den ersten Blick als freundlich interpretiert wird oder nicht.

Ein ungerechter, aber entscheidender Maßstab

An den konkreten Personen ist die bittere Unfairness der persönlichen Sympathie erkennbar. Es gibt zum Beispiel keinen öffentlichen Auftritt von Ralf Stegner, der nicht von hämischen Social Media-Äußerungen zu seiner Unsympathie begleitet wird. Andrea Nahles kann machen und sagen, was sie will - ein gar nicht so kleiner Teil der Öffentlichkeit bewertet sie zuallererst anhand des eigenen Sympathie-Empfindens. Das ist zweifellos ungerecht, aber Sympathie ist eben ein ungerechter Maßstab, auch wenn sie sich durch Auftreten in Wort und Tat beeinflussen lässt. Vor allem nach unten. Peer Steinbrücks Kanzlerkampagne dürfte in dem Moment zu Ende gewesen sein, wo er auf dem Cover des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" mit Stinkefinger zu sehen war , der ikonischen Großgeste der Unsympathie (samt pubertärer Unseriosität).

Mit dem Erklärungsansatz lässt sich auch die bisher letzte Delle nach oben deuten: Die SPD erreichte in einzelnen Umfragen noch vor anderthalb Jahren 30 Prozent. Diese kurzzeitigen Werte wurden als Schulz-Effekt  bekannt und deuten auf das Sympathie-Potenzial von Martin Schulz hin. Wenn man die glänzende Reportage "Die Martin-Schulz-Story"  liest, bleibt als Erkenntnis: Die SPD-Zentrale Willy-Brandt-Haus ist mutmaßlich die deutschlandweit effektivste Organisation zur Vernichtung öffentlicher Sympathie. Keine günstigen Voraussetzungen.

Im Netz gelten andere Gesetze

Erschwerend kommt hinzu, dass für medial vermittelte Sympathie andere Gesetze gelten als für die Live-Variante. Und durch soziale Medien verändert sich die Wirkung noch einmal enorm. Einzelne Fotos und Sekundenfilmchen werden durch das Netz zum effizienten Angriffsvektor auf die politische Sympathie. Der kurze Videoclip von Andrea Nahles' "Bätschi"  zum Beispiel wirkte doppelt verheerend und verdeutlicht die manchmal toxischen Muster der öffentlichen Sympathie. Nahles wurde dafür von den einen übel verspottet und von den anderen in Schutz genommen. Beides schadete ihr letztlich, weil die Notwendigkeit, von den eigenen Anhängern verteidigt werden zu müssen, ungünstig wirkt. Wenn Ralf Stegner von Gegnern bei einem Talkshow-Auftritt als unsympathisch bezeichnet wird, ist die denkbar schlechteste Antwort  "Stimmt ja gar nicht, Ralf Stegner ist total sympathisch!"

Die stehende Rede, die SPD sei für ihre Politik abgestraft worden, ist sicher nicht völlig falsch. Aber der Weg nach oben führt nur selten über die gleiche Route wie der nach unten. Auch wenn das SPD-Tief durch als unsozial wahrgenommene Politik entstanden sein sollte, wird ein Hoch nicht unbedingt allein durch die Umkehrung der Politik erreicht. Wenn die Milch ausgeschüttet wurde, fließt sie nicht zurück in den Krug, wenn man ihn umdreht. Ein Grund dafür liegt in der strukturell nachtragenden Art der linken Öffentlichkeit: Andrea Nahles könnte sich "Hass auf Hartz IV" auf die Stirn tätowieren, sie würde von vielen noch immer dafür abgelehnt. Aber eben auch aus Sympathiegründen.

Zwei SPD-Frauen als Hoffnungsschimmer

Menschen sind ungerechte Knalldackel, sie bewerten alles und alle auf den ersten Blick, stereotyp dem Anschein nach, und finden später vermeintlich hochrationale, ihnen selbst vernünftig erscheinende Argumente dafür. So lautet sanft vereinfacht die Thesenlandschaft im Buch "Schnelles Denken, langsames Denken"  des Nobelpreisträger Daniel Kahneman. Damit erklärt sich, warum Sympathie die Bewertung des politischen Werks manchmal regelrecht vergiftet.

Natürlich kann es irreführend sein, den Ausschnitt der sozialen Medien mit der tatsächlichen Stimmung im Land zu verwechseln. Aber vielleicht taugen die Reaktionen auf Facebook, Twitter, YouTube, Instagram und in den Kommentarspalten digitaler Massenmedien als Hinweis. Dann ergibt sich ein Hoffnungsschimmer für die SPD.

Sympathie in Reinform existiert im vielstimmigen Meinungschor sozialer Medien nicht. Aber interessanterweise sind es vor allem zwei Frauen aus der SPD-Führung, bei denen das Verhältnis zwischen bekundeter Sympathie und Antipathie in sozialen Medien günstig erscheint: Franziska Giffey und Malu Dreyer. Dabei handelt es sich weder um meine politische Empfehlung noch um Analysen aus repräsentativen Umfragen, sondern um subjektive Einschätzungen aus den Beobachtungen der digitalen Öffentlichkeit über einen längeren Zeitraum. Das ist zugegeben nicht viel. Aber bisher hat die SPD kaum Rezepte gegen ihren Niedergang gefunden. Warum also nicht mal auf Sympathie setzen?

Anmerkung: Ich war nie Mitglied irgendeiner Partei, aber verorte mich offen rot-grün . Andrea Nahles erscheint mir persönlich sympathisch, aber ich bin ja nicht der Maßstab.

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