Sascha Lobo

Social Media Anatomie eines deutschen Shitstorms

Ein Politiker provoziert, Journalisten spitzen zu, Twitter explodiert: Was in dieser Woche wieder einmal zu beobachten war, folgt bestimmten Mustern. Hier der typische Ablauf einer Empörungswelle - nur wenig zugespitzt.
Twitter-Logo auf einem Smartphone (Symbolbild)

Twitter-Logo auf einem Smartphone (Symbolbild)

Foto: Monika Skolimowska/DPA

Es ist nicht so, dass jeder sogenannte Shitstorm überflüssig oder schädlich ist. Im Gegenteil könnten Empörungsstürme in sozialen Medien zu einem wichtigen gesellschaftlichen Korrektiv werden. Wenn sie nicht ständig in Gefahr wären, zum allseitigen Eskalationsritual zu verkümmern.

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Deshalb folgt hier, aus zugleich aktuellem und zeitlosem Anlass, die Anatomie eines deutschen Shitstorms - natürlich frei erfunden:

0. Die Ausgangslage

Lebensgefährliche Klimakrise, polare Rekordschmelze, neues Atomwaffenwettrüsten, Massensterbenlassen im Mittelmeer, rechtsextreme Todeslisten, ungeregelter Brexit, drohender Kaschmir-Konflikt . Auf Twitter schmunzelt man über einen Gag, den Otto 1982 als "zu schlecht und zu alt" aus seinem Bühnenprogramm gestrichen hat. In der Ferne bellt ein Hund.

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1. Der Ursprung

Ein Politiker der zweiten bis dritten Reihe gibt einem Medium ein Interview mit bewusst provokanten Aussagen, um endlich der zweiten bis dritten Reihe zu entkommen. Es steht nicht sofort frei zugänglich im Netz, weil in Deutschland bisher nur zwei Medien rausgefunden haben, wie man im Internet Geld verdient.

2. Die Zuspitzung

Ein zweites Medium berichtet über das Interview und spitzt eine bereits bedenkliche Aussage des Politikers für die Überschrift weiter zu. Das Social-Media-Team wiederum spitzt diese Zuspitzung für Facebook und Twitter noch mal zu. Das Ergebnis ist eine eindeutig rassistische Verkürzung.

3. Der Zündfunke

Eine wachsame Person auf Twitter erkennt die rassistische Verkürzung als rassistische Verkürzung. Ohne sich um die tatsächlichen Aussagen zu kümmern, schreibt sie die rassistische Verkürzung unmittelbar dem Politiker zu.

4. Die Detonation

Weil die Verkürzung eben tatsächlich rassistisch ist, explodiert Twitter. Mit Abstand am häufigsten wird ein Comedian retweetet, der erkennbar das Interview nicht gelesen hat, aber die Mischung aus Empörung, Sarkasmus und Unterhaltsamkeit beherrscht, die auf Twitter am besten funktioniert. Er erfindet auch den dreideutigen Hashtag, der so gewählt ist, dass ihn sowohl Kritiker wie Verteidiger des Politikers verwenden können.

5. Die Medienerhitzung

Weil Journalisten Twitter mit der Gesellschaft verwechseln, wenn ausreichend viele Kollegen ausreichend aufgeregt sind, werden die ersten Artikel über den Empörungssturm verfasst. Das Wort Shitstorm fällt erstmals. Der Jugendableger eines Erwachsenenmediums veröffentlicht ohne jeden Zusammenhang eine Liste mit den 72 schlimmsten Entgleisungen deutscher Comedians. In ausnahmslos jedem deutschen Medium erscheinen Stücke mit Titeln wie "Was wir bisher wissen - und was nicht" oder "Was das Netz dazu sagt".

6. Die Verselbstständigung

Weder die Kritiker noch die Verteidiger des Politikers haben das Ursprungsinterview gelesen, beide schwören trotzdem, dass allein ihre Deutung der Situation richtig ist. Der Shitstorm hat sich vom Anlass abgelöst und wird zu einer Schaudebatte über "Political Correctness" und Anstand, Moral und Freiheit. Eigentlich geht es natürlich um Rassismus, aber weil die meisten Teilnehmenden selbst weiß sind, ist Selbstvergewisserung wichtiger als der Inhalt oder gar diejenigen, die von Rassismus betroffen sind. Es gehen weiterhin zum Thema online: drei Liveticker, vier Faktenchecks, zwei Bundestagspetitionen, eine Podcast-Reihe, eine Todesliste mit allen, die den Hashtag verwendet haben, zwölf Solidaritätsseiten auf Facebook und 62 Satire-Accounts auf Twitter.

7. Die rechte Verschwörung

Eine rechtsextreme Partei bezeichnet die rassistische Verkürzung als "mutige, überfällige Analyse" und den Shitstorm als "von Soros bezahlten und von der Hitler-Tochter Merkel gesteuerten Angriff auf die Meinungsfreiheit, die in Deutschland nur noch auf dem Papier vorhanden" sei. Wenn man nicht einmal mehr ungestört rassistisch sein dürfe, ohne dass gleich irgendjemand herumnörgele, bliebe vom Abendland praktisch nichts übrig.

8. Die linke Beharrung

Die ersten Kritiker lesen das Interview, erkennen ihre Fehlzuschreibung und korrigieren redlich ihre - haha, nein. Stattdessen graben sie in älteren Interviews des besagten Politikers, finden andere, zweifellos problematische Aussagen und rechtfertigen damit ihre fortdauernde Empörung. Was sie nicht davon abhält, nun zusätzlich die eigentlichen Urheber der rassistischen Verkürzung zu attackieren. Jemand wirft sich selbst vor, im Elfenbeinturm zu sitzen.

9. Die Metamaschine

Auf Twitter tobt die dritte Ableitung des Shitstorms, bei der die Begründung für die Erklärung des Rassismus der rassistischen Verkürzung als ihrerseits rassistische Verharmlosung bezeichnet wird. Ein oft in sozialen Medien geteilter Text identifiziert als eigentliches Problem die Artikel über die Artikel über den Shitstorm, denn erst damit entstünde die Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeit für den Shitstorm. In der Ferne bellt ein Adorno-Zitat.

10. Die Moralistin

Eine von der eigenen Rechtschaffenheit begeisterte Politikerin identifiziert die sozialen Medien als eigentlichen Kern des Übels. Zuvor habe es in Deutschland praktisch keinen sichtbaren Rassismus gegeben. Unter Absingen gregorianischer Sühnechoräle kündigt sie pressewirksam das Instagram-Konto ihres Wahlkampfteams und beginnt eine dreimonatige Talkshow-Tournee.

11. Die Analyse

Die beste Analyse des Geschehens findet auf Twitter selbst statt und stammt von einer österreichischen Expertin, die über rassistische Empörungswellen in sozialen Medien promoviert und einen Lehrstuhl für deutsche Politik der Gegenwart hat. Ein Hamburger VWL-Student erbarmt sich und erklärt ihr präzise, warum ihre Doktorarbeit komplett falsch ist. Als sie nicht sofort auf ihn reagiert, meldet er ihre Analyse bei Twitter als "Hassrede". Weil sie den Screenshot eines rassistischen Tweets in ihre Analyse eingebaut hat, wird sie von Twitter für drei Jahre gesperrt.

12. Der eine Trittbrettsurfer

Eine ehemalige Führungsfigur einer linken Partei meldet sich zu Wort mit der Autorität einer Person, die die Umfragewerte nur halbiert und nicht gedrittelt hat. Ohne den Ursprungstext gelesen zu haben, spricht sie im Überschwang den interviewten Politiker, die rassistische Verkürzung, drei rechte Sachbuchautoren ähnlichen Namens sowie Kaiser Wilhelm II. von jedem Rassismusverdacht frei.

13. Der Welterklärer

In einem Feuilleton von nationaler Relevanz wird ein Großintellektueller zum Thema interviewt. Er ist so weiß, dass er bei Vollmond Sonnenmilch braucht, verfügt über ein Empathielevel zwischen 'Ndrangheta und Boko Haram und hat noch nie getwittert. Mit dieser Expertise weist er anhand von Originalzitaten von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Arnold Gehlen und Martin Heidegger schlüssig nach, dass das wahrhaft Rassistische nicht Rassismus sei, sondern die Benennung von Rassismus. Als die drei Grundübel des 21. Jahrhunderts bezeichnet er deshalb übertriebene "Politische Korrektheit", digitalen Netzfeminismus im Internet und die Scheidung von seiner neunten Frau. Noch bevor das Interview beendet ist, erhält der Großintellektuelle von einer Schweizer Zeitung einen Preis für sein Lebenswerk.

14. Der andere Trittbrettsurfer

Ein ehemaliger Beamter mit politischen Ambitionen bezeichnet den Großintellektuellen als "linksextremes Laberluder". Der Grund: Rassismus existiere gar nicht, weil es wissenschaftlich nachgewiesen keine menschlichen Rassen gebe. Wer von solchen linkslinken Erfindungen fabuliere, hätte den Umsturz des Reiches durch linksextreme Verschwörer wie die Merkel-CDU im Sinn.

15. Das Finale

Eine Gruppe sach- und fachfremder alter, weißer Männer untersucht im Auftrag von sich selbst, ob irgendwo irgendetwas Rassistisches zu erkennen sei. In einer neunstündigen Pressekonferenz wird der Weltöffentlichkeit das Ergebnis vorgestellt. Es lautet zusammengefasst: nein.

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