Soziale Netzwerke in Afghanistan Nach Trump kommen die Taliban

Derzeit geben sich die neuen afghanischen Machthaber moderat, auch online. Dennoch wollen Facebook, YouTube und TikTok sie konsequent aussperren. Schon jetzt zeigt sich: Das dürfte schwierig werden.
Taliban-Sprecher Zabiullah Mudschahid bei seiner ersten Pressekonferenz in Kabul

Taliban-Sprecher Zabiullah Mudschahid bei seiner ersten Pressekonferenz in Kabul

Foto: - / dpa

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Twitter hat Donald Trump von der Plattform geworfen, aber die Taliban dürfen bleiben? Was nach einem Treppenwitz klingt, beschreibt die schwierige Situation, in der sich die Betreiber sozialer Netzwerke nach der Machtübernahme der radikalen Islamisten in Afghanistan befinden.

Als die Taliban 2001 gestürzt wurden, gab es weder Twitter, noch Facebook, Instagram, TikTok oder YouTube, Telegram oder WhatsApp. Rund zehn Jahre später galten soziale Netzwerke als Verstärker des Arabischen Frühlings. Und bis 2021 hat Trump vorgemacht, wie man die Plattformen benutzen konnte, um Politik aus dem Zentrum der Macht zu machen. Was von all dem müssen die Unternehmen in Afghanistan verhindern, was wollen sie bewahren – und vor allem: wie?

Vorläufig haben sie sich zu unterschiedlichen Vorgehensweisen entschlossen:

  • Die Situation in Afghanistan entwickle sich schnell, teilte Twitter mit, und man erlebe, dass Menschen über Twitter Hilfe und Beistand suchten. »Wir bleiben wachsam«, versprach das Unternehmen. Inhalte, die zum Beispiel Gewalt verherrlichen, würden entfernt.

  • YouTube hingegen hat sich vorgenommen, Nutzerkonten der afghanischen Taliban zu löschen oder gar nicht erst zu erlauben, weil die Gruppierung auf einer Sanktionsliste des US-Finanzministeriums steht.

  • Ähnlich argumentiert auch Facebook: »Die Taliban sind nach US-Recht als terroristische Organisation sanktioniert und wir haben sie im Rahmen unserer Richtlinien für gefährliche Organisationen aus unseren Diensten verbannt«, sagte ein Sprecher. Das gelte auch für die Konzerntöchter Instagram und WhatsApp und im Übrigen schon seit Jahren.

  • TikTok teilte CBBC mit,  es stufe die Taliban als Terrororganisation ein und werde weiterhin jeden Inhalt entfernen, der sie glorifiziert oder unterstützt.

Ob es bei diesen Ansätzen bleibt, dürfte von der US-Regierung, der internationalen Gemeinschaft, den Menschen in Afghanistan und den Taliban selbst abhängen.

Notorisch überfordertes Moderationsteam

Als die Taliban zwischen 1996 und 2001 über Afghanistan herrschten, war es verboten, Fotos von Lebewesen zu schießen. Seit ihrer Ankunft in Kabul kursieren auf Twitter Bilder von Talibankämpfern, die Selfies von sich in der Hauptstadt machen oder neben Bürgern für Fotos posieren. Mit den Männern, die 2001 die Buddhastatuen von Bamiyan sprengten, weil sie gemäß der Scharia ein verbotenes Bildnis darstellten, scheinen sie auf den ersten Blick nicht mehr viel gemein zu haben. Und die selbst ernannten Sprecher des »Islamischen Emirats Afghanistan« etwa, Zabiullah Mudschahid und Suhail Shaheen, kommunizieren derzeit geradezu staatsmännisch über Twitter, sie erreichen gemeinsam rund 680.000 Follower. Während Shaheen die Kommunikation auf Englisch übernimmt, ist es Mudschahid, der in Afghanistan als offizieller Sprecher auftritt. Bisher verstoßen sie nicht gegen Twitters Hausregeln, anders als Donald Trump, der das regelmäßig tat.

Sollten sich die Taliban irgendwann nur noch online moderat und vergleichsweise modern geben, im Alltag aber zu ihren bekannten Unterdrückungsmethoden zurückkehren, müsste sich Twitter entscheiden, ob es so ein Regime auf der eigenen Plattform toleriert oder es mit Bezug auf die eigene Richtlinie zu gewalttätigen Organisationen  rauswirft. Darin heißt es unter anderem: »In unsere Beurteilungen im Rahmen dieser Richtlinien fließen nationale und internationale Einstufungen als terroristische Gruppen sowie unsere eigenen Kriterien für gewalttätige Extremistengruppen und gewalttätige Organisationen ein.«

Wie gut Twitters notorisch überfordertes Moderationsteam bis dahin mit Inhalten auf Dari oder Paschto im jeweiligen Kontext klarkommt, und ob es stets unterscheiden kann, ob die Beiträge von Taliban-Sympathisanten oder -Gegnern kommen, bleibt ohnehin abzuwarten. Schon jetzt übersehen die Prüfteams der Unternehmen Taliban-Accounts oder stehen vor komplizierten Abwägungen.

Fehlende Einblicke in verschlüsselte Messenger

So entdeckte die »New York Times« in den vergangenen Tagen nach eigenen Angaben  rund 100 neue Facebook- und Twitterkonten, die augenscheinlich von Taliban selbst oder -Sympathisanten betrieben wurden, und Dutzende weitere, die seit Monaten oder gar Jahren existierten. Facebook und YouTube entfernten die Konten eines weiteren Talibansprechers auch erst nach einem Hinweis der Zeitung – ohne zu erklären, warum diese Konten fast ein Jahr aktiv sein konnten.

WhatsApp wiederum kappte eine »Beschwerde-Hotline« der Taliban, über die sich afghanische Bürgerinnen und Bürger melden konnten, wenn es irgendwo zu Gewalt oder Plünderungen kam. Solche Kanäle gerade über das in Afghanistan populäre WhatsApp habe es seit Jahren an vielen Orten gegeben, an denen die Taliban eine starke Präsenz hatten, berichtet die »Washington Post« . Die Zeitung zitierte einen ehemaligen Entwicklungshelfer mit den Worten »Jetzt, wo sie das ganze Land übernommen haben, wird es sehr schwierig, alles abzuschalten, was mit ihnen zusammenhängt. Denn dann werden letztlich die Afghanen darunter leiden«.

Der Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messenger ist ohnehin viel schwieriger zu kontrollieren, weil WhatsApp die Gesprächsinhalte nicht sehen kann. Deshalb bleibt der Facebook-Tochter nichts anderes übrig, als Namen, Gruppenbeschreibungen und Profilfotos zu analysieren, um Taliban-Kommunikation zu entdecken und zu löschen – mit reichlich Potenzial für Fehlinterpretationen.

Was passiert wohl erst, wenn Tausende afghanische Bürgerinnen und Bürger Pro-Taliban-Inhalte posten, sei es, weil sie auf der Seite der Machthaber stehen oder weil sie sich von Loyalitätsbekundungen eine gewisse Sicherheit vor Repressalien erhoffen? Es dürfte eine gewaltige Herausforderung für die Social-Media-Firmen werden, eine konsistente Vorgehensweise zu entwickeln. Facebook hat nach Informationen der »New York Times« bereits ein entsprechendes Notfallteam eingesetzt.

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