Soziale Netzwerke Mit Facebook auf der Jagd nach Steuersündern

Auf der Hatz nach Steuerhinterziehern gehen die Behörden in anderen Ländern gern ungewohnte Wege. Italien nutzt jetzt die Datenbestände in sozialen Netzwerken, um Diskrepanzen zwischen Lebensstil und Steuererklärung aufzudecken. Wäre das auch in Deutschland möglich?

Facebook-Seite der italienischen Finanzbehörde: Fahnder im sozialen Netz

Facebook-Seite der italienischen Finanzbehörde: Fahnder im sozialen Netz


Wer soziale Netzwerke nutzt, will etwas mitteilen. Der Privatmensch hält die lieben Freunde über das eigene Leben und Erleben auf dem Laufenden, Unternehmen nutzen Netzwerke, um auf direktem Wege mit ihren Kunden zu kommunizieren. Dieses schöne Ideal dient auch dem Facebook-Auftritt der Agenzia delle Entrate, der italienischen Steuerbehörde, als Begründung.

Das jedenfalls war der Tenor der Rede des stellvertretenden Behördenchefs Marco di Capua, als er sich dieser Tage über kommende Online-Aktivitäten seines Hauses ausließ. Selbstverständlich gehe es dabei um den "Dialog mit den Bürgern". Dann aber kam er zum Kern. Natürlich wolle sein Haus die Möglichkeiten des Netzes auch zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung nutzen. "Um Informationen über das tatsächliche Einkommen zu erlangen, wird jedes Instrument genutzt, sei es nun Facebook oder ein anderes Netzwerk", zitiert "La Repubblica" den Beamten.

Analyse öffentlich zugänglicher Datenbestände

Zu diesem Zweck wird in den nächsten Tagen eine neuartige Software zum Einsatz kommen. Die Behörden-Anwendung soll fähig sein, unterschiedlichste Daten zu analysieren, die aus frei zugänglichen Datenbeständen stammen, und sie dann automatisch mit den jeweiligen Steuerschätzungen abzugleichen. Was nichts anderes bedeutet, als dass Facebook und Co. zu wertvollen Hilfsmitteln werden, um Genaueres über das Einkommen der Steuerpflichtigen zu erfahren.

Das wird vor allem dann interessant, wenn sich jemand in seiner Steuerklärung zum armen Schlucker rechnet, auf seinem Facebook-Profil aber stolz vor dem neuen Ferrari posiert. Bei der Hatz auf Steuersünder bieten sich den Beamten mit diesen Datenbeständen buchstäbliche Goldgruben. Denn die allermeisten Besitzer eines Netzwerkprofils nutzen die Möglichkeiten kaum, ihre Angaben hinter einem digitalen Schutzschirm zu verbergen.

Vorsicht vor Selbstentblößung

Vorsicht also, wer sich einen Spaß damit erlauben möchte, mit schicken Urlaubsfotos die Freunde neidisch zu machen oder sie mit Aufnahmen von der pompösen Hochzeitsfeier zu beeindrucken. Wer immer sein Profil detailfreudig und zeitnah mit Angaben zu seinem Lebenswandel füttert, sollte sich fragen, ob er sich das erlauben kann. Besser gesagt, ob die eigene Steuererklärung in einem nachvollziehbaren Verhältnis zum demonstrierten Lebensstil steht.

Das heißt nicht, dass die Steuerbehörde nun sämtliche Datenbestände ungefragt nach bisher verborgenen Missetätern flöht. Wer seine Daten nicht offen erreichbar gemacht hat, muss auch künftig nicht befürchten, dass ihm der Große Bruder über die Schulter schaut. Es sollen lediglich frei zugängliche Angaben untersucht werden, auf deren Grundlage dann ein Gesamtbild des jeweiligen Lebensstandards entsteht.

Kein Widerspruch erwartet

Allzu große Probleme oder gar öffentlichen Widerspruch erwartet Behördenchef Attilio Befera nicht. Was das Verhältnis der Italiener zur Steuerehrlichkeit angehe, habe es in jüngerer Zeit geradezu einen Kulturbruch gegeben. Die Bevölkerung hoffe überdies nicht so sehr auf niedrigere Steuern, sondern erwarte, dass die öffentlichen Dienstleistungen einwandfrei funktionierten. Befera nannte dabei Umfrageergebnisse, denen zufolge "80 bis 90 Prozent der Italiener Steuerhinterziehung als einen Schaden für die Allgemeinheit betrachten".

Italien ist beileibe nicht das einzige Land, das neue Wege geht, um die Steuererträge in die Höhe zu treiben. Seitdem Griechenland im Gefolge der Schuldenkrise unter einem eisernen Spardiktat steht, legen auch die dortigen Finanzbehörden einigen Erfindungsreichtum an den Tag, um der Zahlungsmoral der Hellenen ein bisschen aufzuhelfen. Seit letztem Jahr schicken sie Hubschrauber über die feinen Vororte der Hauptstadt Athen, um die Anwesen zu fotografieren. Mit diesen Fotos sowie durch Auswertungen von Satellitenaufnahmen von Google Earth fanden sie zum Beispiel heraus, dass es in den Vorstädten nicht wie angemeldet 324, sondern 16.974 Swimmingpools gibt.

In Deutschland hingegen wird noch wesentlich mehr auf den Schutz der Privatsphäre geachtet. Die Frage, ob denn auch deutsche Finanzämter dem Bürger via Facebook genauer auf die Finger sehen oder das planen, verneint Tobias Romeis vom Bundesfinanzministerium. Derzeit lägen ihm keinerlei Erkenntnisse vor, dass deutsche Finanzbehörden in dieser Richtung aktiv wären.

Auch die Nachfrage von SPEGEL ONLINE bei mehren Landesfinanzämtern und
-direktionen ergab kein klares Bild. Beim Finanzministerium in Nordrhein-Westfalen hieß es lediglich, die Behörden würden selbstverständlich auch das Internet in ihre Arbeit einbeziehen. Wo genau die Steuerfahnder allerdings hingucken, wolle man aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen, so Ministeriumssprecher Daniel Moritz.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
opitz, 21.03.2011
1. Quasi eine oeffentliche Selbstanzeige
Jetzt, wo die Generation Facebook ins erwerbsfaehige Alter kommt, wird noch manchem allzu auskunftfreudigen Poster das Licht aufgehen, dass nicht nur der Freundeskreis sich ergoetzt an Bildern von sauteuren Spritztouren mit dem italienischen Supersportwagen oder des Suedoastasienurlaubs mit allen Finessen sondern auch der (kuenftige) Arbeitgeber und das Finanzamt... Posing kann teuer werden...!
taggert 21.03.2011
2. ...
Was soll man dazu noch groß sagen? Außer: Dummheit schützt vor Strafe nicht! Inzwischen sollte doch wohl auch der letzte Hinterwälder im Internet kapiert haben das potentiell ALLES zurückzuverfolt oder zu überwacht werden kann... und auch das die Behörden das Internet inzwischen "für Sich" entdeckt haben. Wer dann auch noch so blöd ist, die Behörden bei der Steuerklärung anzulügen und auf Facebook mit einem teuren Lebensstil rumprahlt, hat es einfach nicht anders verdient als verknackt zu werden.
kapitaen1 21.03.2011
3. Steuerhinterziehung / Internet
Ob Legal oder nicht ist dem deutschen Finanzamt doch egal, siehe die Hehlerware, gekaufte CD's aus der Schweiz, mit der die operieren. Sollte ein Ottonormalverbraucher, auch unwissentlich, Hehlerware kaufen ist er diese schnell wieder los und sein Geld auch. Aber nun erklaeren sie mal jemanden warum der Staat mit Hehlerware arbeitet und das darf / macht. Natuerlich moegen die Finanzaemter keine Auskunft geben denn ansonsten koennen Facebook & Co bald ihre Laeden dicht machen.
Karol999 21.03.2011
4. Spieß umdrehen
Wenn "die Obrigkeit" so den Bürgern hinterherspioniert, dann könnte man sich doch auch einen Spaß daraus machen: Bei eindeutig klaren persönlichen "harmlosen" finanziellen Verhältnissen Profile in die sozialen Netzwerke einstellen, die einen luxuriösen Lebenswandel vorgaukeln. Man stelle sich den Prüfungsaufwand der staatlichen Schnüffler pro Einzelfall vor... Bei Rückfragen kann man dann als Steuerzahler offen sagen, dass das alles frei erfunden ist. Wenn das nur eine hinreichend große Zahl von Leuten macht, dann dürfte sich die Schnüffelei schnell totlaufen, weil zwecklos. Oder gibt es etwa bereits schon solche Leute in sozialen Netzwerken, die ihren Lebensstil als luxuriöser darstellen, als er tatsächlich ist?
cor 21.03.2011
5. Vorurteile
Zitat von opitzJetzt, wo die Generation Facebook ins erwerbsfaehige Alter kommt, wird noch manchem allzu auskunftfreudigen Poster das Licht aufgehen, dass nicht nur der Freundeskreis sich ergoetzt an Bildern von sauteuren Spritztouren mit dem italienischen Supersportwagen oder des Suedoastasienurlaubs mit allen Finessen sondern auch der (kuenftige) Arbeitgeber und das Finanzamt... Posing kann teuer werden...!
Die "Generation Facebook" kommt also ins erwerbsfähige Alter. Komisch, ich kenne jede Menge Leute weit über 40 die bei Facebook sind. Wenn Sie denken, dass dort nur 15 jährige Schüler ihr Mittagessen fotografieren und mit dem Kommentar "so lecker" ins Netz stellen, liegen Sie falsch. Zum Thema Daten ins Netz stellen: Wer es nicht will, soll es einfach sein lassen. Und wer seine Daten ins Netz gestellt hat und jetzt erst schnallt, dass nicht nur die Freunde davon Gebrauch machen könnten, ist ein Idiot und hat halt Pech gehabt. So einfach ist das imho.
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