Soziale Suche nach Diebesgut Londoner sucht Fahrraddiebe per Twitter

Kann das Netz helfen, Diebe ausfindig zu machen? Ein junger Brite hofft darauf, ruft per Twitter zur Suche nach seinem Drahtesel und dessen Dieben auf. Dass solche Aktionen Aussicht auf Erfolg haben, hat ein dänischer Fahrrad-Aktivist längst bewiesen - und den Finder reich beschenkt.


So viel Dreistigkeit verblüfft selbst hartgesottene Großstädter: Direkt vor einem vollbesetzten Pub im Londoner Stadtteil Islington klauten zwei Diebe am Samstagabend ungerührt ein nagelneues Rennrad. Der Besitzer des 550 Euro teuren Rades, der 27 Jahre alte James Jones, schwärmte seinen Freunden gerade von seiner Neuerwerbung vor, als er zwei junge Männer in Trainingshosen daran herumhantieren sah. Handy, Bier und Tasche zurücklassend rannte er vor die Tür, nur um die Diebe lachend davonradeln zu sehen.

Weil die sofort gerufene Polizei ihm keine Hoffnung machte, dass er seinen Drahtesel jemals wiedersehen werde - 2010 wurden in London 22.000 Fahrräder geklaut - ergriff er selbst die Initiative. Er hofft auf die Macht der Masse, um das Diebesgut zurückzubekommen. Sein Glück: Auch einem anderen Gast waren die Männer aufgefallen, er fotografierte sie geistesgegenwärtig mit seinem Handy. Eben dieses Foto hat Jones nun per Twitter veröffentlicht und setzt darauf, dass irgendjemand die beiden erkennt, ihm sagen kann, wo sie und sei Fahrrad sind. Offensichtlich ziemlich aufgewühlt twitterte er kurz nach dem Vorfall: "Lasst und die Bastarde schnappen."

Doch daraus ist bisher nichts geworden. Zwar ist sein Posting Hunderte Male retweeted und das Foto Tausende Male angeschaut worden, Hinweise auf die Diebe gab es bisher aber dennoch nicht. Stattdessen bekam Jones Hinweise, was er hätte besser machen, wie er den Diebstahl hätte verhindern können. Denn das Foto legt nahe, dass der 27-Jährige das Schloss seines Fahrrads an der Sattelstütze befestigt hatte. Weil die offenbar mit einem sogenannten Schnellspanner montiert war, brauchten die Diebe nicht einmal Werkzeug, sondern konnten den Sattel von Hand lösen, das Schloss herausziehen und dann den Sattel wieder einsetzen, um wegzufahren.

So gesehen dürfte Jones auch Schwierigkeiten haben, den Kaufpreis des Rades von seiner Versicherung erstattet zu bekommen, sollte sich der Drahtesel nicht wieder auffinden lassen. Die nämlich könnte ihm, aufgrund des veröffentlichten Bildes, vorwerfen, er habe nachlässig gehandelt, das Fahrrad nicht ausreichend gesichert.

In Dänemark klappt das

Mehr Glück bei der Suche nach einem gestohlenen Fahrrad hatte der dänische Filmemacher, Fotograf und Fahrrad-Blogger Mikael Colville-Andersen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen rund ums Fahrradfahren in urbanen Umfeldern, speziell in seiner Heimatstadt Kopenhagen. Und er berichtete auf seinem Blog regelmäßig über sein Bullitt, ein knallrotes Lastenfahrrad, mit dem er unter anderem seine Kinder durch die Stadt chauffiert.

Als ihm dieses Fahrrad im Mai vor seiner eigenen Haustür gestohlen wurde, widmete er dem Vorfall einen ausführlichen Blog-Eintrag, garniert mit einigen Fotos und vor allem einer detaillierten Beschreibung des wertvollen Lastenrades. Und tatsächlich, nur zwei Tage später meldete sich jemand per SMS bei ihm, der das Rad in einem Hinterhof entdeckt hatte. Wenig später konnte Colville-Andersen das weitgehend unbeschädigte Rad wieder in Empfang nehmen und chauffierte den Finder unverzüglich zum nächsten Supermarkt, wo er ihn zum Dank mit einem Karton Dosenbier, einer Flasche Schnaps und einer Tüte Kartoffelchips beschenkte.

Das Beispiel von Colville-Andersens rotem Lastrad zeigt: Wird einem das Fahrrad gestohlen, kann es durchaus sinnvoll sein, das Netz für die Suche nach dem Diebesgut zu mobilisieren. Ob ein solcher Aufruf von Erfolg gekrönt wird, hängt aber von vielen Faktoren ab. Dem dänischen Blogger dürften neben seiner Popularität in Radler-Kreisen vor allem zwei Dinge geholfen haben: Dass er viele Fotos und eine genaue Beschreibung seines Rades bieten konnte und, dass er ein ausgesprochen ungewöhnliches Fahrrad sucht.

Beides Dinge, die James Jones nicht vorweisen kann.

mak

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insgesamt 1 Beitrag
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Falk_89 06.07.2011
1. Was London kann, kann Dresden schon lang ;)
Der Versuch, Twitter und Facebook zu nutzen, um Fahrraddiebe zu schnappen, wird in Dresden schon länger praktiziert. Wie dieser Tweet bspw. beweist: http://twitter.com/#!/friendbubble/status/66407436583583744 BTW: Das Rad ist immer noch verschwunden. Freuen uns immer noch über Hinweise!
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