Bremer Projekt Liebe Leserin, lieber Leser,

Foto: SPIEGEL ONLINE

wenn es um gesprochene Texte im Internet geht, sind Suchmaschinen wie Google, Bing und DuckDuckGo taub. Sie können nur erfassen, was als Text geschrieben steht. Treffen sie auf Audiodateien oder Videos, können sie deshalb nur die meist kurzen und oft unvollständigen Beschreibungstexte, mit denen die Autoren ihre Beiträge beschreiben, in ihre Datenbanken aufnehmen. Was aber in einem YouTube-Film oder einem Podcast tatsächlich gesagt wird, bleibt ihnen unbekannt.

Dabei erleben Podcasts und zeitversetzte Radioabrufe gerade einen Boom. Außerdem vertonen Medien wie der SPIEGEL viele ihrer Texte und Sekunde für Sekunde landen neue Videos auf YouTube. So entstehen täglich Millionen Minuten gesprochener Texte im Internet, die mit gängigen Mitteln nicht nach Stichwörtern durchsucht werden können.

Doch seit 2015 versucht sich eine Bremer Firma daran, mit Spaactor  eine Suchmaschine für Gesprochenes populär zu machen. Täglich suchen damit Hunderte Nutzer in Videos und Podcasts nach bestimmten Worten. Um das zu ermöglichen, erstellt das System aus den Tonaufnahmen ein Transkript. Findet es in den so erstellten Texten den vom Nutzer gesuchten Begriff, liefert es nicht nur das entsprechende Video oder den Podcast, sondern kann diese auch noch von exakt der richtigen Stelle an abspielen.

Das Sprachmodell wird täglich aktualisiert. So will Spaactor sicherstellen, dass seine Nutzer immer nach den jeweils relevanten Begriffen suchen können. Gängige Spracherkennungssysteme erkennen nur zwischen 150.000 und 250.000 Wörter ohne größere Verwechslungsgefahr - so auch Spaactor.

Audio-Suchmaschine Spaactor

Audio-Suchmaschine Spaactor

Das Ziel sei es, nahezu alle Videos und Audios im deutschsprachigen Raum durchsuchbar zu machen, sagt der Leiter des Projekts, der Informatiker und Experte für Spracherkennungssysteme, Christian Schrumpf.

Geld hat Spaactor in zwei Finanzierungsrunden von einem Bremer Unternehmen eingeworben, doch weiteres Wachstum dürfte teuer werden. Ein Geschäftsmodell gibt es zwar, allerdings ist der Markt für zahlende Kunden begrenzt: Professionelle Mediendienste oder Universitäten buchen die Beobachtung bestimmter Suchbegriffe, etwa Markennamen. Für alle anderen ist Spaactor kostenlos. Auch Archivare, etwa vom SWR, nutzten das System, um bestimmte Stellen in Audiodateien zu finden, sagt Schrumpf. Die Bremer Bürgerschaft will Mitschnitte von Debatten auf diese Weise leichter zugänglich machen.

Wie schwierig es ist, gesprochenes Wort in Schriftsprache umzuwandeln, zeigt Googles Videodienst YouTube. Dort gibt es die Option, aus Videotonspuren automatisch Untertitel zu generieren. Manchmal bekommt man beim Lesen der so erzeugten Transkripte noch nicht mal eine Ahnung davon, worum es im Video gehen könnte.

Schrumpf weiß um solche Hürden. Trotzdem denkt er in größeren Dimensionen. Wenn ein Großteil der Videos und Audio-Dokumente im deutschsprachigen Web mit Spaactor durchsuchbar sind, will er international expandieren.

Seltsame Digitalwelt: Die Postkarte als SMS

Ich habe diesen Sommer noch keine einzige Urlaubspostkarte bekommen, stattdessen nur Grüße per SMS oder schlicht Fotoalben mit Sonnenuntergangsmotiven zur Ansicht in sozialen Netzwerken. Ein Mensch, bei dem ich dachte, er hätte auch im Urlaub keine Zeit, schickte mir gar eine Fotocollage mit Fischen und Zitronen von seinem Ferienort.

Postkarten

Postkarten

Foto: PHILIPPE LAURENSON / REUTERS

Ich mag Postkarten. Sie waren mal ähnlich wichtig wie heute die Messenger-Nachricht, Alltagskommunikation eben. Die erste Postkarte wurde 1869 verschickt, die darauffolgenden Jahrzehnte war sie ähnlich wichtig und von Faszination umgeben wie heute soziale Netzwerke. Um die Jahrhundertwende gab es in Großstädten bis zu zehn Postzustellungen am Tag. So verabredete man sich, wie selbstverständlich, Mittags per Karte für den Abend - so wie heute mittels Smartphone-Message. 1897 kam die erste Postkarte mit Fotomotiv auf den Markt, die heutige Urlaubskarte war geboren.

Doch dieser Tage sind SMS-Nachrichten aus dem Urlaub belangloser als einst die Postkartensprache in den Neunzigerjahren ("Essen ist gut, Wetter auch"). Der wohl originellste Urlaubspostkartenschreiber dürfte der Schriftsteller Jurek Becker gewesen sein; er machte die Ansichtskarte zum feuilletonistischen Bonsai-Kunstwerk. Wer sich einen Eindruck davon verschaffen will, kann das mittels eines tollen Buches tun.

App der Woche: Pocket City

Foto: Codebrew Games

Pocket City ist eine Aufbausimulation, die stark an das erste "Sim City" erinnert. Der Spieler kann eine Stadt nach seinen eigenen Vorstellungen entwerfen. Dafür stehen verschiedene Gebäude bereit und damit sich die Bürger wohlfühlen, müssen Wohn- und Industriegebiete sowie Straßen klug platziert werden. Pocket City bietet dabei vielfältige Möglichkeiten, sich als Bürgermeister auszuprobieren und ist fordernd. Dazu kommen eine charmante Optik und übersichtliche Menüs. Zum Ausprobieren gibt es eine kostenlose Version, die allerdings Werbung beinhaltet.

Kostenlose Version mit In-App-Käufen, Vollversion für 5,49 Euro (iOS ) oder für 3,29 Euro (Android ), von Codebrew Games.

Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

Ich wünsche Ihnen eine hoffentlich nicht stressige Woche,

Ihr Martin U. Müller

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