Spähangriff auf Belgacom Telefonanbieter der Europäischen Union gehackt

Aufregung in Brüssel: Unbekannte haben sich beim Provider Belgacom eingehackt, zu dessen Kunden die Kommission, der Rat der Mitgliedstaaten und das Europaparlament gehören. Jahrelang sollen Gespräche abgehört worden sein. Hinter der Attacke stehen wohl staatliche Auftraggeber, Insider tippen auf die NSA.
Belgacom-Zentrale in Brüssel: "Anschlag auf die Integrität eines Regierungsunternehmens"

Belgacom-Zentrale in Brüssel: "Anschlag auf die Integrität eines Regierungsunternehmens"

Foto: YVES HERMAN/ REUTERS

Brüssel/Hamburg - In den Brüsseler EU-Institutionen sorgt ein großangelegter Hackerangriff auf den Telekommunikationsanbieter Belgacom für neue Unruhe. Wie der halbstaatliche Konzern am Montagmorgen bekannt gab, haben sich schon vor mindestens zwei Jahren Unbekannte in die Netzwerke des Unternehmens eingehackt. Die EU zählt zu den Großkunden von Belgacom und ihrer Mobilfunktochter Proximus.

Nach einem Bericht der Brüsseler Tageszeitung "De Standaard"  wurden bei dem Angriff systematisch Gespräche abgehört. Die Staatsanwaltschaft vermute staatliche Stellen hinter der großangelegten, komplexen Cyberattacke. Hauptverdächtiger sei der US-Geheimdienst NSA. Sollte sich herausstellen, dass die NSA tatsächlich hinter dem Lauschangriff steckt, wäre dies ein schwerer Schlag für die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen den USA und EU.

Erst vor wenigen Wochen hatte der SPIEGEL enthüllt, dass die NSA die Washingtoner EU-Botschaft in Washington verwanzt hatte, des Weiteren soll der Geheimdienst eine Reihe weiterer diplomatischer Vertretungen europäischer Staaten in den USA abgehört haben. Nach neuen SPIEGEL-Informationen spioniert die NSA auch den globalen Zahlungsverkehr aus. Die Europäische Kommission und das Europaparlament drohen Washington daher mit der Kündigung des Swift-Abkommens zur Übermittlung von Bankdaten.

Auch der Belgacom-Skandal ist Ergebnis der NSA-Affäre. Im Juni hatte die Spitze des halbstaatlichen Konzerns nach den ersten Enthüllungen über das Spähnetzwerk des US-Geheimdienstes eine umfassende Untersuchung ihrer Systeme angeordnet. Dabei entdeckten die Spezialisten Spuren von Hackerangriffen, unter anderem einen eingeschleusten Virus, der mehrere Server befallen hatte. Besonders im Visier hatten die Angreifer offenbar die Belgacom-Tochter Bics (Belgacom International Carrier Services), die sich auf Verbindungen in den Nahen Osten und Afrika spezialisiert hat. Belgiens Premierminister Elio di Rupo erklärte, das Motiv der Angreifer sei "nicht Sabotage, sondern das Sammeln strategischer Informationen" gewesen.

"Anschlag auf die Integrität eines Regierungsunternehmens"

Di Rupo und seine Regierungsmitglieder zeigten sich entrüstet über den "Anschlag auf die Integrität eines Regierungsunternehmens". Falls sich der Verdacht auf organisierte Cyberspionage bestätige, werde Belgiens Regierung "entsprechende Maßnahmen anstrengen". Konkrete Aktionen nannten die Politiker allerdings nicht.

Belgacom hat Anzeige gegen unbekannt erstattet. Laut Brüsseler Medienberichten vermuten die Ermittler einen Geheimdienst als Auftraggeber des Lauschangriffs. Angesichts der technischen Komplexität und der Größe dieses Angriffs gingen die Untersuchungen in Richtung internationaler, staatlich beauftragter Cyberspionage, zitierte "De Standaard" aus Kreisen der Staatsanwaltschaft: "Unseren Quellen zufolge hackt die NSA schon mindestens zwei Jahre lang den internationalen Telefonverkehr, der über Belgacom abläuft."

Wie Brüsseler Insider vermuten, hat die Attacke auch nicht Belgien gegolten, sondern den internationalen Organisationen in Brüssel - allen voran der EU. Schließlich wickeln sowohl die Kommission als auch der Rat der Mitgliedstaaten und das Europaparlament Gespräche über Belgacom und deren Mobilfunktochter Proximus ab, wie diese Institutionen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigten.

Ein Sprecher der EU-Kommission erklärte, man wisse bereits seit einigen Tagen von der Attacke auf Belgacom. "Bisher haben wir keine Anzeichen einer vergleichbaren Infektion gefunden." Seine Behörde habe in ihren Telefonsystemen schon vor Jahren zusätzliche Maßnahmen zum Schutz vor Abhöraktionen installiert. Die Nato ließ auf Anfrage verlauten, sie "nutze eine Reihe verschiedener Systeme und Anbieter" für ihre Telekommunikation und verschlüssele diese je nach Geheimhaltungsstufe.

Nach den jüngsten Hackerattacken auf den britischen Konzern Vodafone kommen nun neue Zweifel an der Sicherheit der Telekommunikation in Europa auf. Ein Sprecher der Deutschen Telekom erklärte SPIEGEL ONLINE, sein Haus sehe bislang "keinen Anlass für eine besondere Untersuchung" der Systeme aufgrund der NSA-Affäre. Cyberattacken seien kein neues Phänomen.

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